Oleg Senzow gegen Russland: Hungern als symbolischer Akt

    27. August 2018, 06:00
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    Mit seinem Hungerstreik fordert der langjährig inhaftierte Regisseur das Putin-Regime in Moskau offen heraus: Der ukrainische Künstler setzt für eine Symbolhandlung sein körperliches Wohlergehen aufs Spiel

    Beim Filmfestival in Odessa kam Ende Juli auch ein Projekt zur Sprache, das von größeren Ungewissheiten als den üblichen begleitet wird: Die Produzentin Anna Palenchuk von der Firma 435 Films in Kiew präsentierte bei einem Pitch eine dystopische Geschichte mit dem Titel Numbers. Die Dreharbeiten sollten im November 2018 stattfinden, doch die Pläne stehen unter einem großen Vorbehalt.

    Das Drehbuch zu Numbers stammt von dem ukrainischen Regisseur Oleg Senzow, der seit drei Jahren in einem russischen Gefängnis eine 20-jährige Strafe wegen "terroristischer Aktivitäten" im Zusammenhang mit der Besetzung der Krim 2014 verbüßen muss. Seit Mai dieses Jahres befindet Senzow sich in einem Hungerstreik, der inzwischen mehr als hundert Tage andauert. Er möchte nicht nur die eigene Freilassung erzwingen, sondern auch die von weiteren 65 ukrainischen politischen Gefangenen in Russland.

    Im Prinzip würde Senzow bei Numbers gern selbst Regie führen. Doch seine Angelegenheit, an der längst höchstrangige Politiker im Westen und auch zahlreiche Filmkünstler Anteil nehmen, ist kompliziert. Denn mit dem Hungerstreik hat er die letzte Möglichkeit ergriffen, die ihm als Individuum gegen den russischen Staat bleibt. De facto hat er Präsident Putin mit seinem Körper ein Ultimatum gestellt und sich dabei den Zeitpunkt des Beginns gut überlegt: Nach medizinischen Erfahrungen musste Senzows Zustand während der Fußball-WM allmählich kritisch werden.

    Kein Gnadenakt

    Nachdem das Urteil gegen Senzow in Russland vom Obersten Gericht bestätigt wurde, ist Putin auch im juristischen Sinn letztinstanzlich zuständig. Der Präsident ließ aber bisher alle Gelegenheiten verstreichen, um den Fall Senzow durch eine Amnestie zu lösen. Den Begriff hat er immerhin schon einmal verwendet, damals aber vor allem, um damit die Rechtmäßigkeit des Urteils zu bekräftigen. Eine vorzeitige Entlassung Senzows wäre damit ausdrücklich keine Revision eines Verfahrens, das nach Meinung fast aller unabhängigen Beobachter rechtsstaatlichen Ansprüchen Hohn sprach, sondern ein Gnadenakt. Aber nicht einmal dazu zeigte Putin sich bisher bereit.

    Inzwischen ist allerdings auch deutlich geworden, dass Senzows Hungerstreik moderiert ist – Mitte Juli erzählte sein Anwalt von einem Kompromiss mit täglichen Glukoselösungen, mit denen Senzow sich gegen Zwangsernährung absichern möchte. Er hält nun schon mehr als hundert Tage durch, und auch wenn alle Zeugen aus seinem näheren Umfeld bekräftigen, dass sein Zustand immer kritischer wird, deutet einiges darauf hin, dass es Senzow nicht darum geht, zum Märtyrer zu werden.

    Akte bis zur Selbstverbrennung

    Zum Vergleich könnte man zwei bekannte Fälle aus Westeuropa heranziehen. Der deutsche RAF-Terrorist Holger Meins starb 1974 nach 58 Tagen Hungerstreik. Ohne die Strahlkraft dieser Zeichenhandlung hätte die zweite Generation der RAF vermutlich deutlich weniger Legitimation für sich reklamieren können. 1981 starb Bobby Sands, Mitglied der IRA, nach 66 Tagen Hungerstreik in Nordirland. Auch ihm ging es um die Bloßstellung eines als unterdrückerisch empfundenen Staats, diesfalls des englischen. Der Künstler Steve McQueen verfilmte die Geschichte Sands' 2008 unter dem Titel Hunger.

    Als politische Symbolhandlung steht der Hungerstreik der Selbstverbrennung gegenüber. 2011 begann der Arabische Frühling damit, dass sich ein verzweifelter tunesischer Gemüsehändler auf diese Weise das Leben nahm. Im Vietnamkrieg und im Tibet-Konflikt waren und sind Selbstverbrennungen ein wichtiges Mittel. In Prag protestierte vor 50 Jahren der Student Jan Palach auf diese Weise gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts.

    Die Weltöffentlichkeit als Instanz

    In jedem Fall ist die Weltöffentlichkeit die Appellationsinstanz, vor der sich die Macht gleichsam in ihrer nackten Gewalt zeigen muss – bei der Selbstverbrennung, indem man ihr keine Gelegenheit gibt, einen Tod abzuwenden; beim Hungerstreik, indem man ihr dazu mehr als hinreichend Gelegenheit gibt; umso drastischer, wenn der Tod doch noch eintritt.

    Senzows Hungerstreik begann zu einer Zeit, da Putin an der Weltöffentlichkeit aus Termingründen ein gewisses Interesse unterstellt werden konnte. Inzwischen haben sich die Konstellationen so verschoben, dass Senzow möglicherweise tatsächlich keine andere Möglichkeit bleibt als die Märtyrerrolle – oder die Resignation. Sollte sich daran etwas ändern, wartet in der Ukraine ein Filmprojekt auf ihn. (Bert Rebhandl, 27.8.2018)

    • In Putins Reich: Der Regisseur Oleg Senzow schöpft Zuversicht aus der eigenen Durchhaltekraft.
      foto: apa

      In Putins Reich: Der Regisseur Oleg Senzow schöpft Zuversicht aus der eigenen Durchhaltekraft.

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