Die ausgebeutete Muse: Lohndumping auf Bühnen weit verbreitet

    25. August 2018, 08:00
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    Sinkende Gagen, Listen für Unbequeme: Die Arbeitsbedingungen auf europäischen Theater- und Musikbühnen sind mitunter verheerend, beklagen Künstler

    Nach Maßstäben der Industrie wäre er ein Fall für die Schwerarbeiterzulage. "Der Ring des Nibelungen", Richard Wagners Opus magnum, wird üblicherweise in vier Tagen zur Aufführung gebracht.

    Gustav Kuhn, Gründungsintendant der Tiroler Klassikfestspiele in Erl, wollte das in 24 Stunden haben – Kraftmeierei, für die der Dirigent im Jahr 2005 von der Klassikgemeinde hymnisch gefeiert wurde. Damals schien der Maestro, wie er sich nennen lässt, auf dem Gipfel seines Schaffens.

    2018 gab es in Erl wieder den "Ring" zu beklatschen. Auch diesmal hymnisch, aber mit Nebengeräuschen: Seit Februar dieses Jahres sieht sich Gustav Kuhn mit Vorwürfen sexueller Belästigung konfrontiert. Öffentlich gemacht hatte sie der Tiroler Blogger Markus Wilhelm. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, für Gustav Kuhn gilt die Unschuldsvermutung.

    Im #MeToo-Trubel eher unterbeleuchtet blieb allerdings die harsche Kritik an den Arbeitsbedingungen bei den Festspielen Erl. Von Lohndumping, Ausbeutung, ja gar von modernem Sklaventum war die Rede. Festspielpräsident und Großsponsor Hans Peter Haselsteiner wischte das vom Tisch, Markus Wilhelm hat man mit Klagen eingedeckt.

    Auch die Behörden hätten von Missständen zunächst nichts wissen wollen, berichten ehemals in Erl Beschäftigte dem STANDARD. Nachdem die Kritik aber anhielt und sich Betroffene erstmals namentlich an die Öffentlichkeit wagten, wird nun doch genauer hingeschaut.

    150 Euro brutto pro Woche

    Für Alfons Puschej kommt das zu spät. Der Bratschist spielte zehn Jahre im Orchester von Erl. Als einer der wenigen Österreicher – denn das "System", wie Erl von den Kritikern genannt wird, ist seit vielen Jahren auf Musikern aus Weißrussland aufgebaut. Vorgeblich aus Gründen der Nachwuchsförderung, tatsächlich offenbar, um die Kosten zu drücken.

    "Nach meiner Information ist ein Orchestermusiker des sogenannten Minsk-Orchesters bei den Festspielen jahrelang mit 150 Euro brutto pro Woche bezahlt worden", sagt Puschej. Das sei in Weißrussland immer noch viel Geld, den europäischen Markt mache das aber kaputt. Erl habe das Lohnniveau einer ganzen Region herabgesetzt, so die Kritik.

    Außerdem seien laut Puschej gängige Probenzeiten massiv überschritten worden, man habe vertraglich anfallenden Urlaub nicht abgegolten oder "Verträge in Werks- und Dienstvertrag gesplittet, um sich dadurch zwei Drittel der anfallenden Sozialversicherungsabgaben zu sparen". In Erl bestreitet man das: Die Aussagen seien "zum Teil unrichtig" oder "unvollständig". Auf eventuelle Beanstandungen wolle man aber "angemessen reagieren".

    Kein Einzelfall

    Die Festspiele Salzburg und Bregenz unterliegen einem Festspiel-Kollektivvertrag. Für Erl gibt es keinen. Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) sieht denn auch keine Veranlassung dazu: "Aus derzeitiger Sicht sind die Tiroler Festspiele Erl von Größe und Umfang her nicht mit Bregenz und Salzburg vergleichbar", sagt er.

    Puschej ärgert das: "Die Ausbildung eines Musikstudenten kostet den Staat um die 76.000 Euro", sagt er, "und dafür wird der diplomierte Musiker am Ende bezahlt wie eine Reinigungskraft?"

    In Deutschland hätten Musiker aus Rumänien und Bulgarien jahrelang das Lohnniveau gedrückt, erst nach der Einführung eines allgemeinen Mindestlohns habe sich das entspannt. Diesen fordert der Musiker auch für Österreich. Denn Erl – so der Tenor befragter Künstler in der Musiktheaterbranche – sei längst kein Einzelfall.

    Viel zu berichten hat der Opernsänger Andreas Jankowitsch. Der Bariton, seit 25 Jahren im Geschäft, arbeitet derzeit an einer Produktion des Sirene-Off-Theaters. "Vorbildliche Bedingungen", sagt er, leider eine Ausnahme. Der Theaterbetrieb verharre oft noch in der tradierten Organisation des 19. Jahrhunderts: herrische Intendanten, Intransparenz, Missbrauch von Abhängigkeitsverhältnissen.

    Gagenindex

    Früher hätten Anfänger am Salzburger Landestheater 25.000 Schilling verdient, wer heute in der Volksoper beginne, bekomme 1800 Euro brutto. Der Reallohn sei somit über die Jahre kontinuierlich gesunken. Bei vielen Produktionen würden Reisekosten und Unterkunft nicht abgegolten, geringe oder gar keine Bezahlung für Proben sei Usus. "Ich habe erlebt, dass kranke Kollegen zu Proben zitiert oder Leute gemobbt wurden."

    Besonders frappierend: "Als ‚schwierig‘ geltende Arbeitnehmer werden zwischen den Theatern gelistet." So habe ein Kollege von Jankowitsch ein Engagement an einem deutschen Theater rechtlich unsauber verloren, und es sei ihm davon abgeraten worden, dagegen vorzugehen, "weil er sonst keine Verträge mehr in Deutschland bekomme".

    Weiters gebe es einen Gagenindex: Deutsche Theater führen demnach Listen, auf denen vermerkt wird, wie viel ein Darsteller wo verdient. "Die Leute können so bei Vertragsverhandlungen unter Druck gesetzt werden", so Jankowitsch.

    Claudio Hiller, Inspizient, Schauspieler und Betriebsratsvorsitzender am Theater in der Josefstadt, ist mit seinem Haus "hochzufrieden", man agiere partnerschaftlich. Viele der vorgebrachten Missstände kennt und bestätigt er aber und fügt an, dass es etwa bei Freiluftfestivals üblich sei, das finanzielle Risiko einer wetterbedingten Absage auf die Künstler abzuwälzen. Man bekomme dann nur die halbe oder gar keine Gage.

    Doppelmoral

    Zustände, die freischaffende Künstler aus dem zeitgenössischen Musikbereich noch härter treffen. Eine diplomierte Jazzsängerin und Uni-Lehrende, die ungenannt bleiben will, berichtet von "Hungerlöhnen für Höchstleistungen": 40 Euro für ein Konzert im Theater Drachengasse, 50 Euro für eines im Jazzland-Club Wien, alle Proben davor unbezahlt.

    "Das ist im Jazz selbstverständlich", sagt die Musikerin. Auch im Musical, wo die Veranstalter im Gegensatz zum Jazz satte Gewinne einstreichen, sei die Situation nicht viel besser, wie eine deutsche Musicaldarstellerin bestätigt.

    Einer, dem der Kragen einmal platzte, ist der vielfach preisgekrönte Tänzer Lászlo Kocsis. Aus Protest gegen die Zustände am Staatstheater Darmstadt trat er 2014 in einen Hungerstreik. "Als Tänzer verdienst du anfangs 900 Euro, dann 1300 netto, für eine Sechstagewoche mit Proben und Auftritten", sagt er.

    Ombudsstellen und Politiker hätten ihn ausgelacht, als er sie mit Missständen konfrontierte. Am meisten stört Kocsis daher die Doppelmoral in der Branche: "Im Theater predigen alle Demokratie und Humanismus, das eigene System aber ist das komplette Gegenteil davon."

    Appell an Solidarität

    Gewerkschaftlich gut organisiert sind oft nur Kollektive wie Chöre, Orchester, technisches Personal. Ihre Situation ist nicht rosig, allerdings besser als jene der hochindividualistisch arbeitenden Sänger und Darsteller. "Ein Bühnenhilfsarbeiter verdient im Schnitt mehr als der Sänger, da bei ihm alle möglichen Zuschläge hinzukommen", sagt Christian Sist, Sprecher vom Verein Artbutfair, einer 2013 von Künstlern selbst gegründeten Interessenvertretung.

    Das Problem sei nicht, "dass der Bühnentechniker zu viel verdient, sondern der Musiker zu wenig. Vier- bis siebenjähriges Studium und das Faktum, dass sie auf der Bühne das Kerngeschäft des Theaters repräsentieren, müssen einen Unterschied machen."

    In Süd- und Osteuropa sowie Südamerika müsse man damit rechnen, Gagen zu spät oder gar nicht zu bekommen. Auch an der New Yorker Met Opera seien die einst guten Gagen gesunken. Aus Erl wurden Artbutfair über 30 Berichte möglicherweise arbeits- und strafrechtlich relevanten Inhalts zugetragen. "Sollten wir von den Betroffenen irgendwann die Erlaubnis erhalten, das zu veröffentlichen, würden wohl alle vor dem Richter landen", glaubt Christian Sist.

    Was geschieht, wenn sich ein Ensemble geschlossen gegen haltlose Zustände zur Wehr setzt, konnte man im Frühjahr am Theater Cottbus sehen: Nach interner Organisation des Ensembles traten Generalmusikdirektor, Intendant und kaufmännischer Geschäftsführer zurück. "Es gibt einen Weg", sagt Sist. "Das Zauberwort heißt Solidarität." (Stefan Weiss, 25.8.2018)

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      Ein vier- bis siebenjähriges Studium, danach folgen schlechte oder gar keine Bezahlung.

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