Düstere Welten: Warum feministische Dystopien boomen

    26. August 2018, 16:00
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    Feministische Science-Fiction erobert einen Massenmarkt. Die vielfach dunklen Erzählungen warnen vor einem geschlechterpolitischen Backlash

    Immer wenn Jean McClellan ein Wort spricht, macht das Zählwerk an ihrem Handgelenk einen Sprung. Wie alle Frauen darf sie nur hundert Wörter pro Tag sprechen, bei jeder Überschreitung weist ein Stromschlag die Gesetzesbrecherin in die Schranken – bis zur Besinnungslosigkeit. McClellan, einst Neurolinguistin und nun zur Hausfrau verdammt, steht im Zentrum des kürzlich in deutscher Übersetzung erschienenen Romans "Vox". Die US-amerikanische Autorin Christina Dalcher, selbst Sprachwissenschafterin, zeichnet darin einen Staat, der frappant an Atwoods "The Handmaid's Tale" erinnert. Christliche Fundamentalisten regieren dort die USA, die ultrarechte "Bewegung der Reinen" verweist Frauen auf ihren Platz in der Familie – und zwingt sie in die Sprachlosigkeit.

    Zeitgeist

    "Vox" kratzt trotz des düsteren Ausgangsszenarios und der ganz elementaren Frage nach der Sprache als Denk- und Möglichkeitsraum nur an der Oberfläche. Dalcher hat ihr Debüt in nur zwei Monaten geschrieben, er sei "keine Hochliteratur", sagte sie dem "Spiegel". Dass der Roman dennoch innerhalb kürzester Zeit in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, ist kein Zufall: Feministische Dystopien sind gefragt wie nie. Im vergangenen Jahr startete die US-TV-Serie "The Handmaid's Tale" (Hulu), die auf dem gleichnamigen Roman der kanadischen Autorin Margaret Atwood basiert – und wurde sogleich mit Preisen überhäuft. So auch bei den renommierten Primetime Emmy Awards. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde dort eine Produktion eines Streamingdienstes als beste Dramaserie ausgezeichnet.

    "Der aktuelle Erfolg von 'The Handmaid's Tale' – der Roman ist schon 1985 erschienen – hängt sicherlich mit der politischen Lage zusammen", sagt Germanistin Magdalena Hangel, die zu Science-Fiction und Geschlechterrollen forscht. In Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs stehen fiktionale Gesellschaftsentwürfe hoch im Kurs – auch in Hinblick auf Geschlechterhierarchien. Eine tatsächliche Gleichstellung der Geschlechter sei trotz der Erfolge der Frauenbewegung im Westen nach wie vor in weiter Ferne, konstatiert Hangel, in den vergangenen Jahren sei zudem ein Rückwärtstrend zu beobachten. "Und dieser trifft oft die reproduktiven Rechte, die körperliche und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen. Deshalb sind diese Themen wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt", sagt Hangel.

    Düstere Entwürfe

    Auch in "The Handmaid's Tale" steht die Kontrolle der weiblichen Gebärfähigkeit im Zentrum der Handlung. Im totalitären theokratischen Staat Gilead, in dem Frauen völlig entrechtet wurden, ist ein großer Teil der Bevölkerung unfruchtbar. Dementsprechend wertvoll sind die wenigen Frauen, die Kinder gebären können – und dazu auch gewaltsam gezwungen werden.

    Mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewannen solch düstere Gesellschaftsentwürfe neue Anziehungskraft. "Die Wahl 2016 hat uns alle verändert", ist auf der Website der "Handmaid Coalition" zu lesen. Aktivistinnen der feministischen Gruppe treten bei Protestaktionen in den roten Gewändern der Handmaids auf, sie stellen sich vorrangig gegen die in den USA seit jeher mächtige Lobby der AbtreibungsgegnerInnen. Die zündende Idee dazu lieferten Feministinnen in Texas, die im März vergangenen Jahres gegen Einschränkungen beim Schwangerschaftsabbruch demonstrierten.

    Bewegungsliteratur

    "Feministische Science-Fiction ist eine wahnsinnig wichtige Ressource für feministische Bewegungen", sagt die Wiener Literatur- und Kulturwissenschafterin Dagmar Fink. Und sie ist kein neues Phänomen. Einen ersten Boom erlebte feministische Science-Fiction mit Autorinnen wie Ursula K. Le Guin und Marge Piercy bereits in den 1970er-Jahren, politische Konzepte der Frauenbewegung wurden in den Romanen und Kurzgeschichten aufgegriffen und weiterentwickelt. "Literatur bietet hier ganz andere Möglichkeiten des Experimentierens. Wie könnte ein alternativer Gesellschaftsentwurf konkret aussehen, wie würde sich das anfühlen, welche Aspekte übersehen wir vielleicht?", sagt Fink.

    Fragen, die auch Ada Palmer antreiben. Die Historikerin lehrt an der Universität von Chicago und veröffentlichte 2016 ihren ersten SF-Roman. "Too Like the Lightning" ist der erste Teil ihrer "Terra Ignota"-Serie, der sogleich für den Hugo Award nominiert wurde – der wichtigste Preis im Feld der Science-Fiction und Fantasy. Palmer kreiert darin eine Welt, in der die Geschlechterfrage scheinbar gelöst ist, bestehende Ungleichheiten jedoch einfach unter den Teppich gekehrt wurden. "Ich denke, es ist gesellschaftspolitisch nützlich, über mögliche Errungenschaften und zugleich Rückschritte nachzudenken. Ich wollte keine perfekte Welt erschaffen, aber auch keine Dystopie wie 'The Handmaid's Tale'", erzählt Palmer im STANDARD-Interview.

    Frauenhass auf die Spitze getrieben

    Perfekte Welten stehen am Buch- und Serienmarkt alles andere als hoch im Kurs. Frauen müssen vielmehr leiden – zumindest in kommerziell erfolgreichen Produktionen. Insbesondere an Staffel 2 von "The Handmaid's Tale", die sich nur noch lose an der Romanvorlage orientiert, wurden Kritiken laut: Mit seinen detaillierten Folterszenen überschreite die Erfolgsserie die Grenze zum feministischen "torture porn". Ob eine Dystopie, die Geschlechterverhältnisse zum Thema macht, auch feministisch ist, sei letztendlich eine Frage der erzählerischen Perspektive, sagt Magdalena Hangel.

    "Bei Gewaltszenen muss man sich etwa anschauen, ob diese dazu dienen, das Leid von Frauen in einem gesellschaftlichen Kontext zu thematisieren, oder ob Frauen einfach für den männlichen Blick inszeniert, also objektiviert werden." Und auch der düsterste Entwurf bringe stets eine Ambivalenz mit sich. Die Dystopie der einen ist die Utopie der anderen – im Falle von "The Handmaid's Tale" etwa eine Utopie erzkonservativer weißer Männer.

    Ausblick auf Widerstandsformen

    Und dennoch: Schilderungen einer Zukunft, in der die Errungenschaften der Frauenbewegung ausradiert wurden, bräuchten immer den Ausblick auf mögliche Widerstandsformen, meint Dagmar Fink. Die Literaturwissenschafterin hat schon ihre Magisterarbeit feministischen Dystopien gewidmet – und danach eine lange Pause eingelegt. "Ich habe zu viele auf einen Schlag gelesen und hatte das Gefühl: Ich kann und will nicht mehr nur über die feministische Apokalypse lesen, das lähmt mich."

    Einen völlig anderen Zugang hat Naomi Alderman gefunden. Ihr gefeierter Roman "The Power" (auf Deutsch: "Die Gabe") dreht den Spieß um: Frauen entdecken, dass sie mit ihren Händen elektrische Schläge verteilen können – und verwandeln unsere patriarchale Welt in ein matriarchales Refugium. Dort herrschen alles andere als paradiesische Zustände, die die britische Autorin mit ironischen Untertönen skizziert.

    Der Erfolg von Autorinnen wie Alderman, die Margaret Atwood zu ihren Freundinnen und Mentorinnen zählt, könnte indes auch für noch wenig beachtete Schriftstellerinnen zum Türöffner werden. Im Netz boomen verschiedene Formate, gerade für queere und postkoloniale Science-Fiction böten sich dort erste Publikationsmöglichkeiten, sagt Dagmar Fink. Den aktuellen Trend sollten Feministinnen weiter befeuern, ist Autorin Palmer überzeugt. Es brauche mehr Gedankenexperimente mit Sinn für Grautöne und Widerstandskraft. Denn: "Soziale Bewegungen haben im 20. Jahrhundert so viel erreicht, dass wir annahmen, wirkliche Gleichstellung sei zum Greifen nah. Erst jetzt realisieren wir: Der Kampf ist ein Kampf für viele kommende Generationen." (Brigitte Theißl, 26.8.2018)

    • Düstere Zukunftsvision: Bei Protestaktionen treten Aktivistinnen in den roten Gewändern aus "The Handmaid's Tale" auf und stellen sich gegen AbtreibungsgegnerInnen, wie hier in Costa Rica.
      foto: reuters/juan carlos ulate

      Düstere Zukunftsvision: Bei Protestaktionen treten Aktivistinnen in den roten Gewändern aus "The Handmaid's Tale" auf und stellen sich gegen AbtreibungsgegnerInnen, wie hier in Costa Rica.

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