"Phantom Doctrine" im Test: Mehr als nur "XCOM" für Geheimagenten

    5. September 2018, 09:02
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    Der rundenbasierte Taktikthriller ist ein Fest für jene, die immer schon ihren eigenen Geheimdienst im Kalten Krieg leiten wollten

    Mission: Impossible, Austin Powers, die Bourne-Reihe, die Agentenwelt von John Le Carré und natürlich die größte Agenten-Franchise der Welt, James Bond: Geheimagenten sowie ihre mehr oder weniger spektakulären Einsatzzentralen sind fixe Bestandteile der Popkultur. Aus unzähligen Filmen kennt man die mal großen, mal geheim versteckten Einrichtungen, in denen Pläne geschmiedet, Verschwörungen aufgedeckt, Verdächtige verhört und trickreiche Gadgets entwickelt werden.

    Auch in Videospielen ist man immer wieder mal als Geheimagent unterwegs, überraschend selten hat man es allerdings mit den Organisationen hinter den einsamen Spionen zu tun. Genau da setzt das soeben veröffentlichte Strategiespiel Phantom Doctrine (Windows, PS4; Xbox One in Vorbereitung, 39 Euro) an. Im Spiel polnischer Entwickler steuern Spielerinnen und Spieler nicht nur einzelne Undercover-Agenten, sondern gleich einen ganzen Geheimdienst.

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    Phantom Doctrine im Trailer.

    "XCOM" im Agentenkleid ...

    Schon ein Blick auf Screenshot oder Trailer zeigt: Phantom Doctrine bedient sich in Sachen Optik und Spielprinzip an einem unverwüstlichen Klassiker der Strategiespielgeschichte. Wie in der XCOM-Reihe teilt sich der Agententhriller in zwei Teile: Im globalstrategischen Partl verwaltet man Personal, Einrichtung, Forschung und Einsätze, im rundentaktischen Teil führt man seine Agenten in Undercover-Missionen auf der ganzen Welt. Dass das nach wie vor hervorragend funktioniert, spricht für die Unverwüstlichkeit dieser erprobten Mischung, doch Phantom Doctrine tut mehr, als nur das Erfolgsrezept zu kopieren.

    Am augenscheinlichsten ist das natürlich am Setting bemerkbar: Die Welt des Jahres 1983 ist nicht nur strikt im Kalten Krieg zwischen Ost und West verfangen, sondern Spielplatz diverser geheimer Organisationen, die im Untergrund rivalisieren und um Macht und Einfluss rittern. Zu Spielstart lässt sich ein westlicher oder östlicher Geheimdienst als Startpunkt wählen, doch die alten Bündnisse sind nur von kurzer Dauer. Abgeschnitten von den jeweiligen Mutterdiensten KGB oder CIA nehmen Spielerinnen und Spieler als Leiter einer unabhängigen Splittergruppe von Spionen den Kampf gegen eine mysteriöse andere Geheimorganisation auf.

    … und doch ein bisschen mehr

    Die Hingabe an dieses Setting lässt Phantom Doctrine zu mehr werden als nur einem inspirierten XCOM-Klon. Im Unterschied zur Kult-Alienjagd sind die rundenbasierten Missionen nicht nur simple militärische Einsätze, sondern erfordern um einiges mehr als nur Feuerkraft und Taktik. In vielen Fällen sind Infiltration, Sabotage oder Tarnung weitaus wichtiger als militärische Überlegenheit, und vor allem in den Anfangsrunden jedes Einsatzes haben Spielerinnen und Spieler Gelegenheit, das optimale, im besten Fall unblutige Vorgehen ihres Teams zu planen und dann konzertiert in die Tat umzusetzen.

    Dabei können Überwachungskameras deaktiviert, getarnte Agenten – am besten solche, die die jeweilige Landessprache sprechen! – tief hinter feindliche Linien geschickt oder unterstützende Einheiten wie Aufklärer oder Scharfschützen postiert werden. Wenn es zu Schusswechseln kommt – und mit zunehmender Brisanz der Einsätze wird Gewalt oft als letzte Zuflucht unvermeidlich -, regiert im Gegensatz zu XCOM allerdings nicht der gefürchtete Zufall in Form eines Random-Number-Generators: Statt auf Wahrscheinlichkeiten und – traditionell frustrierendes – Würfelglück setzt Phantom Doctrine auf ein "Aufmerksamkeits"-System, das viel Ungewissheit aus dem Spiel nimmt – das macht den Einsatz der Waffen zwar ein wenig vorhersehbarer, aber dafür auch taktischer.

    Meine Basis in Odessa

    Auch außerhalb der zufallsgenerierten Einsätze und Storymissionen, in denen Spielerinnen und Spieler einen Großteil ihrer Zeit verbringen werden, führt das Agententhema zu abwechslungsreichen Unternehmungen: Während Agenten auf der ganzen Welt per Flugzeugen zu diversen Einsätzen geschickt werden, sind nicht alle mit sofortigen Missionen verbunden. Strategische Aufklärung geschieht automatisch und verschafft spielerische Vorteile, sollte es doch zu Einsätzen kommen, feindliche Aufklärer wollen sich Informationen über den genauen Ort der eigenen Basis verschaffen und ein Erweiterungs-Baum an neuen Einrichtungen macht unser Hauptquartier zur Geldfälscherzentrale, zum Ort geheimer Gehirnwäschen und zur militärischen Ausbildungsstätte, in der die verschiedenen Agenten spezielle Ausbildungen oder neue Identitäten erhalten.

    Hin und wieder gilt es, Entscheidungen über das Schicksal einzelner Spione zu treffen, und im schlimmsten Fall gilt es auch, die gesamte Einsatzzentrale an einen sicheren neuen Ort zu verlegen – ein teures Unterfangen, vor allem weil im späteren Spielverlauf die noch anfangs schier unerschöpflichen Geldreserven rasant aufgebraucht werden.

    Ein spezielles Gameplay-Element sind dabei die Dossiers, in denen die in Missionen gesammelten Informationen an riesigen Pinnwänden ausgebreitet und – hoffentlich – zu sinnvollen Ganzen verknüpft werden. Zwar sind die gefundenen Dokumente zufallsgeneriert, und auch die Verknüpfung der darin gefundenen Codenamen und Stichwörter bleibt ein rein mechanisches Puzzle, doch das – ganz reale – Knüpfen der Verbindungen zwischen all den stimmigen Fundstücken macht zumindest atmosphärisch viel her.

    Spione wie wir

    Überhaupt ist es vor allem zu Anfang schwer, sich einen Reim auf die wendungsreiche Story, aber auch auf die verwirrend zahlreichen spielerischen Möglichkeiten zu machen, mit denen Phantom Doctrine seine Spielerinnen und Spieler nach einem recht schlanken Tutorial allein lässt. Wann genau Spezialisierungen auf bestimmte Talente sinnvoll ist, wie die jeweiligen taktischen Unterstützer am besten eingesetzt werden und welche Konsequenzen einzelne Handlungen haben, ist vor allem für Einsteiger ebenso undurchsichtig wie die an Codenamen und diversen Wendungen reiche Agentengeschichte.

    Hartnäckigkeit wird allerdings belohnt: Wer sich die Zeit zur Einarbeitung nimmt, versinkt schon bald in der gelungenen Old-School-Agentenatmosphäre, freut sich über Missionen, in denen alles klappt wie in den spannenden Film-Vorbildern oder tüftelt an optimalen Einsatzplänen, wenn etwas nicht so läuft wie geplant. Wie in XCOM gilt auch hier: neu laden und es nochmal zu versuchen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Perfektionismus. Für ganz Harte wartet ein "Iron Man"-Modus, in dem mit jeder Entscheidung gelebt werden muss.

    dub magazine

    Fazit

    Das große XCOM als Inspiration zu nehmen, hat Vor- und Nachteile. Ein unbestrittener Vorteil ist, dass die endlos motivierende Mischung aus Globalstrategie und kleinteiliger Taktik als Spielprinzip nicht umzubringen ist; ein Nachteil, dass jeder Epigone sich unweigerlich am großen Original messen muss.

    Phantom Doctrine übersteht diesen Vergleich dank ureigener origineller Qualitäten durchaus gut: Das spannende und selten genutzte Agentensetting ist nicht nur Fassade, sondern wird originell und spannend bis in kleinste spielmechanische Details umgesetzt, die das Spiel zu mehr als nur einem Epigonen werden lassen. Auch wenn die Hochglanz-Politur vor allem der letzten XCOM-Spiele nicht erreicht wird und sich Phantom Doctrine in manchen ambitionierten Details etwas im Kleinteiligen verliert, macht der Verschwörungsthriller vor allem durch seine Atmosphäre Boden gut.

    Phantom Doctrine ist ein großes, dank unverwüstlichem Spielprinzip lang motivierendes Spiel mit origineller Atmosphäre, großer taktischer Spieltiefe und eigenständigem Charakter. Eine bessere Gelegenheit, sich wie ein – klassischer – James Bond zu fühlen, gab es seit dem unterschätzten Agentenrollenspiel Alpha Protocol nicht mehr. (Rainer Sigl, 05.09.2018)

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