Essl und Albertina: Leihgaben-Deal könnte am Ende noch platzen

    Analyse22. August 2018, 19:29
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    Die Übernahme der Sammlung Essl durch die Albertina wurde als Sensation verkauft. Ein Jahr nach der Ankündigung scheinen mehr Fragen offen als geklärt zu sein

    Im Februar vergangenen Jahres verkündete Thomas Drozda (SPÖ) "eines der besten Geschäfte, die die Republik je gemacht hat": Die Sammlung Essl soll für zumindest 25 Jahre (mit Option auf Verlängerung) als Dauerleihgabe an die Albertina gehen. Eine "Win-Win-Situation für alle Beteiligten" nannte es der damalige Kulturminister.

    Ein Gewinn für die Albertina, auch für künftige Ausstellungsbesucher, aber ganz besonders für die Eigentümer: Die SE-Sammlung Essl GmbH, also Hans-Peter Haselsteiner (60 Prozent) und die Familie Essl (40 Prozent).

    foto: mischa nawrata
    Ein Bild aus besseren Tagen: 2012 porträtierte Alex Katz das Sammlerpaar Agnes und Karlheinz Essl. Das Gemälde gehört nicht zu den Dauerleihgaben, sondern befindet sich in deren Privatsammlung.

    Denn die jährlich anfallenden "Betriebskosten" soll künftig die Albertina übernehmen: dazu gehören die Miete für das Depot im ehemaligen Essl-Museum (seit Dezember 2015 im Besitz der GmbH) in der Höhe von rund 430.000 Euro oder die Versicherung der Kollektion (180.000 Euro jährlich).

    Zur Deckung des Kostenaufwandes sicherte Drozda seitens des Bundes eine Finanzspritze aus dem laufenden Budget zu und kündigte weiters eine jährliche Subvention an. Es kam anders.

    Ungewissheit

    18 Monate und einen Regierungswechsel später herrscht, wie der STANDARD jetzt in Erfahrung brachte, völlige Ungewissheit: nicht nur zur Finanzierung, sondern über den vermeintlich in trockene Tücher gewickelten Deal.

    Geht es dabei um den Erhalt österreichischer Kunstwerke oder doch um internationale Kaliber? Liegt ein rechtsverbindlicher Vertrag zwischen der SE-Sammlung Essl GmbH und der Albertina vor? Zwei von mehreren an die Albertina und das Kulturministerium aktuell übermittelten Fragen, die unbeantwortet blieben.

    Denn hinter den Kulissen wird in den nächsten Wochen noch "zur Frage einer Übernahme" gefeilscht, wird aus dem Büro von Gernot Blümel (ÖVP) verlautet: "Die vertraulichen Gespräche" sollen "voraussichtlich noch im heurigen Jahr abgeschlossen" werden. Man sei dazu "sowohl mit Karlheinz Essl als auch Klaus Albrecht Schröder in laufendem Kontakt". Ob eine mögliche Vertragsverlängerung Schröders dabei eine Rolle spielt? Denkbar, aber vielleicht gar nicht die dringlichste unter den derzeit offenen Fragen. Im folgenden eine Übersicht:

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    Wie hoch beziffert die Albertina den Subventionsbedarf?

    Als Basisabgeltung erhält die Albertina 7,7 Millionen Euro jährlich. Zur Deckung der für die Sammlung Essl anfallenden Kosten hatte Drozda für das Geschäftsjahr 2017 eine Million Euro zugesagt (laut Schröder seien 850.000 Euro überwiesen worden) und ab 2018 1,1 Millionen Euro jährlich in Aussicht gestellt. Hochgerechnet auf die Leihdauer wären das, inklusive absehbarer Erhöhung, in Summe zumindest 30 Millionen Euro.

    Damit sei laut Klaus Albrecht Schröder jedoch nur der laufende Betrieb finanziert. Für künftige Wechselausstellungen, etwa im Künstlerhaus, bedürfe es zusätzlicher Mittel: Insgesamt 2,3 Millionen jährlich wären wünschenswert, hochgerechnet auf die Leihdauer liegt der Bedarf damit bei etwa 75 Millionen Euro.

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    Welche Rolle spielt das Künstlerhaus als Standort?

    Für die künftige Präsentation der Sammlung Essl eine ganz wesentliche, da die räumlichen Kapazitäten in der Albertina beschränkt sind. Der seit Jahren betriebene Ausbau des Sammlungsbestandes der Albertina (v. a. Dauerleihgaben) mache laut Geschäftsbericht 2016 "langfristige Kooperationen mit Dritten" notwendig. Die "Dauerleihe der Sammlung Essl" sei demnach die "Basis für die angestrebte Partnerschaft mit dem Künstlerhaus, das als Schaufenster für österreichische Kunst ab 1918 positioniert werden soll".

    Seit November 2015 ist dort Hans-Peter Haselsteiner an Bord und hält 74 Prozent der damals gegründeten Betreibergesellschaft. Im Gegenzug finanziert er die laufende Sanierung (Kostenschätzung 2015: rund 30 Millionen Euro) und sicherte die Übernahme der Betriebskosten in der Höhe von etwa 700.000 Euro jährlich zu.

    Ein Nutzungsvertrag zwischen Albertina und Künstlerhaus liegt noch nicht vor, da die grundlegende "Frage zur Übernahme der Sammlung Essl" laut Ministerium noch verhandelt wird.

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    Warum müssen Werke aus der Sammlung Essl verkauft werden?

    Die Rettung der Sammlung Essl basierte auf einem von Haselsteiner gewährten Überbrückungskredit. Die Baumax-Gläubiger wurden mit insgesamt 117 Millionen Euro abgefunden. Der Deal sicherte Haselsteiner einen Anteil von 60 Prozent an der Sammlung und Verkäufe von Kunstwerken zur Deckung des Kredits. Laut der letzten verfügbaren Bilanz der SE-Sammlung Essl GmbH belief sich der Schuldenstand per 31. Dezember 2016 auf 45,3 Millionen Euro und war "spätestens am 31. August 2017 zur Rückzahlung fällig".

    Ende 2017 verlautbarte der deutsche Schraubenfabrikant Reinhold Würth den Ankauf von 150 Werken aus der Sammlung Essl in zwei Tranchen (2018, 2019). Über den Kaufpreis vereinbarten die Beteiligten Stillschweigen.

    Weitere Verkäufe werden erfolgen: um die Schulden zu tilgen sowie aus Verkäufen resultierende Nebenkosten und Neuankäufe zur Erweiterung der Sammlung Essl zu finanzieren. Ausgenommen davon ist ein "unveräußerlicher Kernbestand" an Kunstwerken, dessen Zusammensetzung bislang nicht veröffentlicht wurde.

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    Welche Rolle spielt "Österreichische Kunst nach 1945"?

    Gemessen an der Anzahl der Werke in der Sammlung eine große Rolle. Nimmt man jedoch einen repräsentativen Querschnitt heimischer Kunst seit 1945 als Maßstab, bestehen derzeit große Lücken. Von wichtigen Künstlern dieser Generation gibt es kein einziges Werk, von anderen Hundertschaften. Denn das Ehepaar Essl hatte sich beim Aufbau, wie viele Privatsammler, an seinem persönlichen Geschmack orientiert.

    Lässt man die Causa Revue passieren, hatten die Eigentümer (Haselsteiner, Essl) mehrfach die Wichtigkeit des "Erhalts österreichischen Kulturgutes" betont und spiegelt sich das auch in den Plänen für das Künstlerhaus ("Schaufenster für österreichische Kunst ab 1918"). Insofern war anzunehmen, dass heimische Kunst beim "unveräußerliche Kernbestand" einen hohen Anteil hätte. Tatsächlich scheint das Gegenteil der Fall.

    Dem STANDARD vorliegenden Informationen zufolge umfasste der im Jänner 2017 im Rahmen des Dauerleihvertrags festgelegte "Sammlungskern" der 4600 Stücke umfassenden_Sammlung nur rund 60 "besonders bedeutsame Werke" (Thomas Drozda). Darunter befindet allerdings keine einzige Arbeit eines österreichischen Künstlers, dafür beispielsweise 19 von Jörg Immendorff.

    Ob das dem aktuellen Stand entspricht oder die Liste zwischenzeitlich erweitert wurde, war nicht in Erfahrung zu bringen. Eine diesbezügliche Anfrage an die Albertina blieb unbeantwortet.

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    Ist ein Ausstieg aus dem Deal möglich?

    Ja. Es besteht ein "außerordentliches Kündigungsrecht". Eine Exit-Klausel tritt in Kraft, wenn "eine Finanzierung der Aufgaben nicht sichergestellt werden kann". Ohne zusätzliche Subvention wäre der Deal damit theoretisch vom Tisch.

    Alternativ könnte man noch eine Redimensionierung in Erwägung ziehen: Konkret auf einen aus Expertensicht für Österreich besonders bedeutsamen "unveräußerlichen Kernbestand", der ohne nennenswerten finanziellen Mehraufwand als Dauerleihgabe in Bundesbesitz übernommen wird. Passend zum Regierungsprogramm könnte ein solches "Best-of" in den Bundesländern öffentliches Interesse generieren, nicht nur in Wien. (Olga Kronsteiner, 22.8.2018)

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