Parmas Alessandro Lucarelli: Der glücklichste Mensch

    22. August 2018, 16:06
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    Als Parma vor drei Jahren bankrottging, blieb Alessandro Lucarelli dem Nachfolgeteam in der vierten Liga erhalten. Nun brachte er den Verein in die Serie A – und trat zurück. Ein Gespräch über geteiltes Leid, ungerechte Fernsehgelder und nonkonformistische Entscheidungen

    Für Aufsteiger Parma ist es ein kleiner Vorgeschmack auf die Serie A: Am 27. Juli trifft die Mannschaft in Trento auf Sampdoria. Parma spielt in dunkelblauen Dressen, doch der Star des Teams trägt ein weißes Hemd. Anders als früher steht Alessandro Lucarelli nicht mehr auf dem Spielfeld, der Kapitän trat im Mai im Alter von 40 Jahren zurück. Vor zehn Jahren war er zum damaligen Zweitligisten Parma gestoßen, es folgten der sofortige Aufstieg und 2015 der Bankrott. Parma musste in der viertklassigen Serie D neugegründet werden, alle Spieler verließen den Klub – außer Lucarelli. In seinem Abschiedsbrief an die Fans fand der Verteidiger große Worte: "Aus Lucarelli bin ich für euch zu ‚Ale‘ geworden. Ein Freund. Ein Symbol der Wiedergeburt. Der Kapitän. Der Grund dafür ist sehr einfach: Im Leid sind wir zu einer Sache verschmolzen. Ich bin ein Teil von euch geworden, ihr ein Teil von mir. Ihr habt mich als Mensch kennen und schätzen gelernt, nachdem ihr mich schon als Spieler geschätzt habt."

    Denn auch die sportlichen Leistungen Lucarellis waren für den raschen Wiederaufstieg verantwortlich: Er traf in jeder Spielklasse und absolvierte mehr Spiele als jeder andere im Parma-Dress, seine Rückennummer sechs wird seit seinem Rücktritt nicht mehr vergeben. Anfang August wird Lucarelli seine neue Funktion als Klubmanager offiziell antreten. Als er sich eine Woche davor im kleinen, aber mit knapp 3.000 Zuschauern gut gefüllten Stadio Briamasco auf den Platz begibt, wird er von den Fans gefeiert. Die Kurve intoniert "C’e solo un capitano". Anhänger beider Mannschaften, die freundschaftlich miteinander verbunden sind, laufen zum Zaun, um durch das Gitter ein Selfie zu machen oder zumindest seine Hand zu schütteln. Lucarelli nimmt sich Zeit, posiert und scherzt mit den Fans. Auch das ballesterer-Interview am Stadionkiosk wird immer wieder durch die eintrudelnden Anhänger unterbrochen, die ihren Kapitän grüßen und fotografieren wollen.

    ballesterer: Parma ist zurück in der Serie A. Was bedeutet Ihnen das?

    Alessandro Lucarelli: Es ist eine immense Freude. Wir sind vor drei Jahren pleite gegangen und haben es in der schnellstmöglichen Zeit zurückgeschafft. Das ist unglaublich. Diese Zufriedenheit und Erleichterung teile ich mit allen Fans.

    Was bedeutet der Klub für die Stadt Parma?

    Das ist ähnlich wie in jedem anderen Ort: Die Leute haben eine sehr enge Verbindung zur Mannschaft ihrer Stadt. Das ist ein Gefühl, das tief in dir verwurzelt ist. Bei uns ist das nach dem Bankrott sehr deutlich zu sehen gewesen: Die ganze Stadt ist zur Mannschaft gestanden, wir haben selbst in der viertklassigen Serie D großartige Abozahlen gehabt. Die Ziele haben wir nur zusammen erreichen können.

    Statt zu einem Erstligisten zu wechseln, sind Sie damals geblieben. Warum?

    Weil ich mich der Stadt und den Fans sehr verbunden fühle. Ich bin damit ein Teil der Geschichte dieses Klubs geworden, ich bin ein Teil dieser großen Familie. Ich bin sehr stolz auf all das, was ich in diesem Trikot erreicht habe.

    In Ihrem Abschiedsbrief schreiben Sie, dass nicht Sie ein Monument verdienen, sondern dass man den Fans eines bauen müsste. Warum?

    Weil sie nach dem Bankrott mehr als andere leiden mussten. Die Fans investieren im Fußball nicht nur Geld, sondern auch ihre Leidenschaft. Niemand leidet so sehr wie sie, wenn die Dinge für ihren Klub schlecht laufen. Sie haben nach der Pleite großartig reagiert und verdienen daher auch all die Anerkennung.

    Achten die Klubs ausreichend auf ihre Fans?

    Oft könnten und sollten sie viel mehr machen. Der Fußball verwandelt sich immer stärker in ein Geschäft und verliert diese ehrliche Wärme und die echte Leidenschaft. Man müsste die beiden Aspekte besser verbinden. Sicher führen die Entwicklungen des Fußballs dazu, dass es immer mehr um Geld und andere Interessen geht. Okay. Aber gleichzeitig kann es ohne Fans keinen Fußball geben.

    Im September 1998 debütierte Alessandro Lucarelli für Piacenza in der Serie A. Damals neigten sich die goldenen Jahre des italienischen Fußballs dem Ende zu. In den 1990er Jahren hatten schon Inter, Juventus, Lazio, Milan und Sampdoria diverse Europacuptitel gewonnen. Angetrieben von den Millionen des Molkereikonzerns Parmalat holte auch der AC Parma 1993 den Cupsiegercup sowie 1995 und 1999 den UEFA-Cup. Spieler wie Faustino Asprilla, Thomas Brolin, Gianluigi Buffon, Fabio Cannavaro, Hernan Crespo, Lilian Thuram, Juan Sebastian Veron und Gianfranco Zola spielten im Parma-Trikot. Doch die Stardichte hatte ihren Preis, in den 2000er Jahren schlitterte der italienische Fußball in eine schwere Krise. So gut wie alle Vereine hatten massive finanzielle Probleme, Großklubs wie Fiorentina, Napoli und Torino gingen in Konkurs – 2004 auch Parma.

    Wie haben Sie Parma in ihrer Jugend wahrgenommen?

    Ich habe den Klub mit Sympathie verfolgt – so wie wahrscheinlich alle Fans in Italien. Das war etwas Neues, anders als die klassischen großen Teams. Nach dem Aufstieg haben sie sich langsam verbessert, bis sie in Europa um Trophäen mitspielen konnten. So sind sie zu einer der berühmten sieben Schwestern geworden. (Gemeint sind Fiorentina, Inter, Juventus, Lazio, Milan, Roma und Parma, Anm.)

    Das Beispiel Parma spiegelt ja auch ein wenig die Geschichte des italienischen Fußballs wider. Ist der Aufstieg nun das Zeichen eines Aufschwungs?

    Früher sind die besten Spieler der Welt nach Italien gekommen, danach waren unsere Klubs nur noch die zweite oder dritte Wahl. In den 2000er Jahren war sicher ein großer Niedergang zu beobachten. Die Liga ist noch nicht wieder dort, wo sie sein sollte, aber es gibt Zeichen eines Aufwachens. Ich würde mir wünschen, dass wir bald wieder mit Spanien und England mithalten können.

    Welche Rolle soll Parma dabei spielen?

    Wir sind gerade erst aufgestiegen, unser oberstes Ziel ist es jetzt einmal, nicht abzusteigen. In den ersten Jahren wird es gegen den Abstieg gehen, wir wollen uns aber in der Serie A festsetzen und Schritt für Schritt wachsen.

    Am italienischen Fußball fällt auf, dass es die Aufsteiger sehr schwer haben. Warum gibt es diesen riesigen Abstand zwischen der Serie A und B?

    Das liegt an der Verteilung der Fernsehgelder. In der Serie A brauchst du ein Budget von mindestens 40 Millionen, um nicht abzusteigen. In der Serie B verdienst du durch die Fernsehrechte vielleicht zwei, drei Millionen. Dadurch starten Aufsteiger gegenüber den anderen Mannschaften mit einem großen Handicap. Wenn du absteigst, bekommst du ernste Probleme. Vielleicht sollte man die Aufteilung der Fernsehgelder zwischen den Ligen noch einmal überdenken.

    Wie kann man das ändern? Die großen Klubs wollen mehr Geld, um in Europa wettbewerbsfähig zu bleiben. Damit verdienen sie durch die UEFA-Gelder noch einmal mehr, und der Abstand zu den kleineren Klubs wird immer größer.

    Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, wie man das lösen kann. Ich glaube aber, dass eine gerechtere Verteilung der Fernsehgelder zu einer ausgeglicheneren und interessanteren Meisterschaft führen würde. Wenn es so weitergeht, wird die Schere zwischen den Klubs so groß, dass man die Ergebnisse schon vor den Spielen vorhersagen kann. Das nimmt der Meisterschaft Spannung.

    Parma war in den letzten 20 Jahren zweimal pleite.

    Ja, wir haben großes Glück gehabt.

    Immer noch gehen viele Klubs in Konkurs, zuletzt Bari und Cesena. Wie lässt sich das verhindern?

    Der Fußball ist ein sehr teures Spielzeug. Nicht alle können es sich leisten, immer wieder frisches Geld zuzuschießen, um den Betrieb am Laufen zu halten. Du musst entweder ein Stadion in Klubeigentum bauen, um Einnahmen zu haben, oder auf die Jugend setzen, um jedes Jahr Spieler verkaufen zu können – Atalanta ist dafür ein gutes Beispiel. Das sind die einzigen beiden Möglichkeiten: Investitionen in die Jugend oder in die Infrastruktur. Wenn du das nicht machst, musst du jedes Jahr tief ins Geldbörsel greifen.

    Alessandro Lucarelli kommt aus einer Fußballerfamilie, sein zwei Jahre älterer Bruder Cristiano stürmte für diverse italienische Klubs und Schachtjor Donezk. In Livorno und Parma spielten die beiden jeweils eine Saison gemeinsam. Bekanntheit erlangte Cristiano nicht nur als Torschützenkönig der Serie A 2004/05, sondern auch durch sein Bekenntnis, Kommunist zu sein, und seine Liebe zum Klub seiner Heimatstadt Livorno. 2004 veröffentlichte er das Buch "Tenetevi il milliardo" – Behaltet euch die Milliarde. Darin beschreibt er, wie er auf ein höheres Gehalt und die Serie A verzichtete, um für seinen Herzensverein in der Serie B zu spielen.

    Ihr Bruder war Stürmer, Sie Verteidiger – haben Sie als Kind immer gegen ihn spielen müssen?

    In unserer Kindheit waren wir beide Stürmer. Er ist es geblieben, nur mich haben sie langsam nach hinten gerückt. Zuerst noch ins Mittelfeld, dann in die Verteidigung.

    Das hat also nichts mit der Familie zu tun?

    Nein, im Gegenteil: Als wir Kinder waren, hat er mich immer ins Tor gestellt. Er war der Ältere, also hat er gesagt: "Stell dich ins Tor, ich schieße."

    Ihr Bruder ist Mitte der 2000er Jahre für seinen Wechsel zu Livorno berühmt geworden. Sie haben ebenfalls auf die Serie A verzichtet, um bei Parma zu bleiben. Inwieweit hat Ihre familiäre Prägung eine Rolle gespielt?

    Wir kommen aus einer sehr leidenschaftlichen, hart arbeitenden und nonkonformistischen Stadt. Die leichten Entscheidungen gefallen uns nicht – weder Cristiano noch mir. Wir bevorzugen andere Anreize. Cristianos Traum war es, für Livorno zu spielen. Er hat auf viel Geld verzichtet, um ihn zu realisieren. Meiner war es, Parma wieder in die Serie A zu bringen. Dafür habe ich darauf verzichtet, höherklassig zu spielen. Mir ist es um diese Herausforderung gegangen. Dieser Traum ist wahr geworden – und ich bin der glücklichste Mensch der Welt. (Jakob Rosenberg, Mitarbeit: Moritz Ablinger, 22.8.2018)

    Alessandro Lucarelli (41) ist seit August Klubmanager von Parma Calcio. Im Mai war er nach 340 Meisterschaftseinsätzen als Parma-Rekordspieler zurückgetreten. Davor verteidigte er für Genoa, Reggina, Livorno, Fiorentina, Palermo und Piacenza.

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