Mehr Staus durch Roboterautos?

22. August 2018, 12:00
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Eine Wunderwaffe gegen Staus ist das autonome Fahren nicht, zeigt eine Studie. In Boston nahm der Verkehr im Stadtzentrum sogar zu

Fast ein Jahrhundert lang haben Autos Besitz von der Stadt ergriffen. Mit dem autonomen Fahren könnte das anders werden. Das zumindest hoffen viele Stau- und Lärmgeplagte. Dass Flächen, die von Autos zugestellt sind, wieder Fußgängern zur Verfügung stehen, ist aber noch nicht ausgemacht. Erste großflächige Tests mit Roboterautos zeigen: Ohne lenkende Maßnahmen nimmt der Verkehr eher zu.

Diese Erfahrung hat man beispielsweise in Boston gemacht. Die Stadt an der US-Ostküste gehört neben Singapur, Göteborg und dem Silicon Valley zu den Vorreitern, was autonomes Fahren betrifft. In einem breit angelegten Feldversuch wurde getestet, wie fahrerlose Autos, allesamt elektrobetrieben, das Mobilitätsverhalten in der Stadt verändern.

Weniger Autos, mehr Kilometer

Eines der Ergebnisse der Studie, die vom Beratungsunternehmen Boston Consulting Group mit dem World Economic Forum durchgeführt wurde: Weniger Autos machen mehr Kilometer. Anders als herkömmliche Fahrzeuge, die den Großteil der Zeit herumstehen, sind Roboterautos ständig auf Achse, nehmen "Kundschaft" auf, bringen sie an das gewünschte Ziel und fahren zum nächsten Einsatz.

Weniger Autos heißt in der Theorie flüssigerer Verkehr. Die durchschnittliche Zeitersparnis in Boston ist mit vier Prozent jedoch niedriger ausgefallen, als frühere Studien vermuten ließen. Und zwar deshalb, weil Öffi-Nutzer im Zentrum von Boston verstärkt auf Roboterautos umgestiegen sind. Dadurch hat sich die Stausituation verschlimmert. Dort ist die durchschnittliche Fahrzeit um 5,5 Prozent gestiegen.

Kein Parlplatzsuchen

Anders die Erfahrungen, die in Randbezirken gemacht wurden: Dort ersetzten Roboterautos nicht öffentliche Verkehrsmittel, sondern hauptsächlich Fahrten mit dem eigenen Auto – weil es eine kostengünstige Alternative ist und vor allem, weil das Parkplatzsuchen wegfällt. Das heißt aber nicht automatisch, dass die Menschen auf eigene Autos ganz verzichten.

"Die Ergebnisse lassen sich nicht eins zu eins auf andere Städte übertragen. Die Topografie spielt eine Rolle, das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln und vieles mehr", sagte Nikolaus Lang, Senior Partner bei Boston Consulting und Mitautor der Studie. "Einige Erkenntnisse lassen sich aber sehr wohl ableiten, etwa dass es bei der Einführung von autonomem Fahren einen Top-down-Ansatz braucht. Der Bürgermeister muss dahinterstehen, und er muss das auch wollen, sonst funktioniert es nicht", sagte Lang.

Autonome Fahrzeuge seien als Ergänzung zu öffentlichen Verkehrsmitteln gedacht, "da und dort kann es dennoch zu einer Kannibalisierung kommen", sagte Lang. Gerade großvolumige Busse mit zwölf bis 18 Metern Länge würden über kurz oder lang wohl zum Teil durch kleinere, flexiblere Roboshuttles ersetzt. Das sei es dann aber auch schon.

Die Zustimmung der Bevölkerung zum autonomen Fahren ist jedenfalls hoch. So hat die Auswertung von rund 10.000 im Rahmen der Studie geführten Interviews ergeben, dass im Schnitt sechs von zehn Befragten autonom fahrende Autos als Fortbewegungsmittel grundsätzlich nützen würden.

Drei Hauptgründe wurden genannt: die wegfallende Parkplatzsuche (43,5 Prozent), die Möglichkeit, die Fahrt produktiv zu nutzen (39,6 Prozent), und die Tatsache, Staus durch den Selbstfahrmodus stressfreier überstehen zu können (35 Prozent).

Europäer eher skeptisch

Die Zustimmung zu autonomem Fahren variiert allerdings. Während in Ländern wie Indien oder China bis zu 80 Prozent der Befragten sagen, sie würden ein Roboterauto nutzen, sind es in Europa deutlich weniger. In Deutschland sind es beispielsweise nur vier von zehn. Vergleichbar niedrig dürfte die Zustimmung in Österreich sein, das nicht gesondert untersucht wurde.

Den Grund für die vergleichsweise niedrige Zustimmung in Europa sieht Lang in einer "Mischung aus Skepsis, Angst vor der Technik und der Tatsache, dass es bei uns ein vergleichsweise gutes Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln gibt. Und darin, dass die Passion für das Auto in Europa höher ist als beispielsweise in Asien.

Dass autonomes Fahren eher früher als später Realität wird, zeigt ein weiterer Umstand: Laut Lang wollen 88 Städte bereits 2025 erste Robotaxis und Roboshuttle-flotten auf den Straßen haben. (Günther Strobl, 22.8.2018)

  • Der Einsatzbereich von Robotaxis ist vielfältig und reicht bis zur Hauszustellung von Lebensmitteln.

    Der Einsatzbereich von Robotaxis ist vielfältig und reicht bis zur Hauszustellung von Lebensmitteln.

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