Qualvoller Kampf gegen Inflation

Kommentar22. August 2018, 11:04
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Venezuelas Elend zeigt, wie gefährlich die Abkehr von einer stabilen Geldpolitik ist

In Europa erscheint Inflation heute als fernes Problem. Der Europäischen Zentralbank, der Hüterin der Preisstabilität, bereitet immer noch eine zu niedrige Preissteigerungsrate Sorgen, nicht eine zu hohe. Kaum jemand kann sich noch vorstellen, was die Einwohner Venezuelas derzeit durchmachen, wo die Inflationsrate 80.000 Prozent im Jahr erreicht hat und die Preise sogar innerhalb von Stunden steigen. Das ist fast so schlimm wie in Simbabwe vor einem Jahrzehnt. Zwar steigen dabei auch die Löhne, aber der Alltag wird fast unerträglich.

Dabei hat gerade Mitteleuropa viel Erfahrung mit Hyperinflation gemacht. Die höchste Inflationsrate aller Zeiten erlebte Ungarn nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals verdreifachten sich die Preise am Tag. In Deutschland wurde die Inflation der 1920er-Jahre zum nationalen Trauma, das sogar bis heute anhält; im zerfallenden Jugoslawien betrug die Inflationsrate Mitte der 1990er-Jahre 313 Millionen Prozent im Monat. Und auch die Republik Österreich erlebte bis zur Einführung des Schillings im Dezember 1924 eine verheerende Geldentwertung.

All diese Episoden haben – ebenso wie die zweistelligen Inflationsraten in den USA und Europa der 1970er-Jahre – gezeigt, wie man Inflation beenden und das Vertrauen in die Währung wiederherstellen kann. Eines ist klar: So wie es Venezuelas Präsident Nicoás Maduro macht, geht es nicht. Man kann noch so viele Nullen einer Währung streichen – werden die Wurzeln der Hyperinflation nicht bekämpft, geht diese ungebremst weiter. Und die Ursachen sind fast immer dieselben: Der Staat gibt mehr aus, als er einnimmt, findet keine Kreditgeber und finanziert das Defizit durch die Druckerpresse seiner Notenbank. Deshalb bringt Venezuela die Koppelung des neuen, schlanken Bolívar an die Kryptowährung Petro nichts: Auch sie steht unter Maduros Kontrolle und kann von ihm beliebig ausgeweitet werden.

Wirtschaftliche Rosskur

Hyperinflation kann nur durch eine wirtschaftliche Rosskur beendet werden, bei der der Staat radikal spart und das nationale Zahlungsmittel fest an eine andere, stabile Währung bindet. Das führt zwar stets in eine tiefe Rezession, schafft aber die Voraussetzungen für einen späteren Aufschwung. Das gelang in Deutschland und Österreich in den 1920er-Jahren genauso wie in Lateinamerika nach 1990. Doch so viel Vernunft ist von Maduro nicht zu erwarten.

Gerade weil die Bekämpfung von Hyperinflation so schmerzhaft ist, sollten es Staaten nie so weit kommen lassen. Es gibt verschiedene Wege, um Preisstabilität zu erreichen, aber das wichtigste Element bleibt, die Geldpolitik dem Zugriff der Regierung zu entziehen. Einer unabhängigen Notenbank wie der EZB oder der Federal Reserve wird geglaubt, dass sie bei steigender Inflation rechtzeitig die Zinsen erhöht und das Wachstum der Geldmenge einbremst. Der türkischen Notenbank, die unter der Fuchtel von Präsident Tayyip Erdogan steht, glaubt man das nicht. Deshalb flüchten Anleger aus der türkischen Lira, was die Inflation dort noch weiter anheizt.

Die politische Unabhängigkeit der EZB ist eine Errungenschaft, die auch nach dem Ende der Präsidentschaft von Mario Draghi nicht infrage gestellt werden darf. Umso besorgniserregender sind die jüngsten Angriffe von US-Präsident Donald Trump auf die Fed, die ihre Zinsen schrittweise anhebt. Wenn die US-Notenbanker einknicken, dann drohen auch den USA wieder viel höhere Inflationsraten. (Eric Frey, 22.8.2018)

  • In Venezuela beläuft sich die aktuelle Inflation 80.000 Prozent.
    foto: apa/afp/federico parra

    In Venezuela beläuft sich die aktuelle Inflation 80.000 Prozent.

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