Klippenspringerin Anna Bader: "Der kleinste Fehler tut weh"

    Interview24. August 2018, 06:00
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    Anna Bader ist die erfolgreichste Klippenspringerin Europas. Im Interview verrät sie, wie man die Angst verliert, wo das Wasser weich ist und wann eine Arschbombe angebracht ist

    Seit 1997 finden internationale Wettbewerbe im Klippenspringen statt. Wie beim Turmspringen gilt es, möglichst schwierige Figuren in der Luft zu zeigen, bevor man möglichst spritzerlos eintaucht. Anna Bader ist mit sieben Europameistertiteln besonders erfolgreich in dieser Sportart. Seit eineinhalb Jahren hat die Deutsche mit Kris Kolanus, einem Klippenspringer aus Polen, eine Tochter. Sie sind die erste Familie auf der Welt-Tournee der Klippenspringer.

    STANDARD: Sie springen von 20 Meter hohen Klippen. Wo sind Sie lieber – im Wasser oder in der Luft?

    Bader: Ich bin wasserscheu und denke mir manchmal: Schon wieder ins Kalte, Nasse? Was habe ich mir da für einen Sport ausgesucht? Ich bin lieber in der Luft, während eines Sprungs fühle ich mich schwerelos.

    STANDARD: Wie fühlt es sich an, wenn Sie eintauchen?

    Bader: Wenn der Sprung geglückt ist, ist es ein tolles Gefühl – insbesondere, wenn ich einen neuen Sprung gemacht habe, bin ich im Adrenalinrausch. Dann fühle ich mich wie der King. Aber der kleinste Fehler, wenn ich etwa von der Senkrechten abweiche beim Eintauchen, tut weh. Dann fühle ich mich nicht wie der King.

    STANDARD: Was passiert beim Aufkommen im Wasser?

    Bader: Es ist ein starker Aufprall. Wir schlagen mit 80 Kilometern pro Stunde auf dem Wasser auf, innerhalb von einer Sekunde werden wir aus dieser Geschwindigkeit auf null heruntergebremst. Wir versuchen deshalb immer, ganz gerade einzutauchen – dann schmerzt es nur an den Fußsohlen. Wie stark, ist unterschiedlich, je nach dem, wo wir springen.

    STANDARD: Wasser ist an unterschiedlichen Orten unterschiedlich hart?

    Bader: Warmes Wasser ist weicher als kaltes. Außerdem fühlt sich die Oberfläche weicher an, wenn sie durch Wind oder Strömung aufgewühlt ist. Ein Ort, an dem wir regelmäßig springen, ist Polignano in Apulien. Da gibt es immer leichte Wellen, und es ist schön temperiert – ein weicher Spot. In Irland dagegen ist es extrem hart.

    STANDARD: Wie tief tauchen Sie ein?

    Bader: Meistens zwischen vier und fünf Meter – zur Sicherheit sind im Wettkampf Taucher dabei. Ich bleibe immer etwas länger unter Wasser als nötig. Ich finde es ganz schön da unten.

    STANDARD: Was ist daran schön?

    Bader: Ich genieße den Moment allein, sammle mich. Da sind noch keine Kameras. Ich kann mich noch ein bisschen herrichten, den Badeanzug zurechtziehen oder die Haare aus dem Gesicht streichen.

    STANDARD: Wenn Sie oben sind, sind Sie trocken. Kriegen Sie keinen Schock beim Eintauchen?

    Bader: Meistens machen wir uns nass vor dem Sprung oder schwimmen kurz. Aber man gewöhnt sich so oder so daran. Die Abhärtung ist gesund, das ist gut für den Kreislauf.

    STANDARD: Sie reden sich das schön.

    Bader: Nein, es ist paradiesisch. Selbst wenn das Wasser am Anfang der Saison nur knapp zehn Grad hat. Von dort, wo wir springen, genieße ich erst mal die Aussicht.

    STANDARD: Sie genießen die Aussicht vor dem Sprung?

    Bader: Direkt vor dem Sprung bin ich natürlich auf die Ausführung konzentriert. Aber ich versuche, die schönen Flecken, an denen wir sind, zu genießen. Das ist Teil der Faszination unseres Sports. In Polignano springen wir vom Balkon eines Hauses, das auf die Klippen gebaut ist. Alle müssen vorher durchs Wohnzimmer der Familie Albate. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, der Strand gegenüber ist voller Menschen. Und dann gibt es das komplette Gegenteil. Es ist bis heute so, dass wir Plätze zum Trainieren suchen müssen – es gibt ja keine 20-Meter-Plattformen. Also spüren wir Klippen auf, tauchen und schauen, ob das Wasser darunter tief genug ist.

    STANDARD: In Acapulco springen sie sogar kopfüber aus 30 Metern – wie schaffen die berühmten Klippenspringer das?

    Bader: Das ist mir auch ein Rätsel. In Acapulco müssen sie zusätzlich auf eine Welle warten, damit das Wasser überhaupt tief genug ist und fünf Meter weit rausspringen, um an den Klippen vorbeizukommen. Da das Wasser in Bewegung ist, dämpft es wahrscheinlich ihren Aufprall. Sie tauchen auch nicht senkrecht ein – das mindert die Wucht ebenfalls.

    STANDARD: Sie tauchen nie mit dem Kopf zuerst ein?

    Bader: Nein, wir kommen mit den Füßen ins Wasser – mit dem Kopf voran ist es anstrengend für Nacken und Handgelenke, davon bekommt man Muskelkater, Zerrungen. Und die Gelenke verschleißen.

    STANDARD: Sie geben auch Kurse im Klippenspringen – ist das überhaupt etwas für Laien?

    Bader: Ich mache das zusammen mit meinem Freund Kris Kolanus. 2016 haben wir dafür die Madhoppers gegründet. Das Publikum ist sehr unterschiedlich. In Polen hatten wir 20 Teilnehmer, coole Jungs zwischen 15 und 35, die schon Tricks konnten und etwas Neues lernen wollten. Dann hatten wir einen Workshop in Freiburg, da war eine Familie dabei mit zwei Töchtern, acht und zwölf. Ältere Herren kommen auch und wollen einfach mal wieder vom Fünfer springen.

    STANDARD: Warum wollen die das?

    Bader: Jeder erinnert sich gerne an die schöne Zeit im Schwimmbad als Kind, an die Aufregung vor dem Sprung vom Dreier, vielleicht auch an den einen oder anderen Bauchfleck. Deshalb bekomme ich viele E-Mails von Leuten, die schreiben, sie würden gerne Klippenspringen lernen. Und deshalb haben wir angefangen mit diesen Kursen.

    STANDARD: Wie nehmen Sie den Teilnehmern die Angst?

    Bader: Wir versuchen, ihre Aufmerksamkeit abzulenken – zum Beispiel, indem wir mit zwei Teilnehmern üben, synchron abzuspringen. Und wir fangen mit niedrigen Absprunghöhen an, mit den Erfolgserlebnissen hangeln wir uns weiter nach oben.

    STANDARD: Mit welchem einfachen Trick kann ich im Schwimmbad angeben?

    Bader: Am einfachsten ist ein Salto rückwärts.

    STANDARD: Ehrlich?

    Bader: Die Überwindung, sich rückwärts runterzustürzen, ist groß. Aber eigentlich ist der Salto rückwärts nicht schwierig. Stellen Sie sich mit dem Rücken zum Wasser, springen Sie kräftig nach oben ab. Dann nehmen Sie den Kopf in den Nacken, damit Sie die Wasseroberfläche früh zu sehen bekommen. So haben Sie genügend Zeit, sich aufs Eintauchen vorzubereiten.

    STANDARD: Sie haben mit dreizehn angefangen zu springen. Wollten Sie die Burschen beeindrucken?

    Bader: Es saßen schon immer einige um das Springbecken herum, die sich das Spektakel angeschaut haben. Wenn die Kommentare allzu blöd wurden, bekamen sie die Spritzer von einer Arschbombe ab. Mir ist das Angeben im Schwimmbad aber eher peinlich. Ich trainiere lieber für mich, so, dass es keiner sieht.

    STANDARD: Sie wirken auch vor vielen Zusehern unbeeindruckt. Wie kommt es, dass Sie keine Angst haben?

    Bader: Ich habe in meiner Jugend viel über Angst nachgedacht und bin zu dem Entschluss gekommen, dass sie sehr einengen kann. Das Bedürfnis nach Sicherheit in allen Lebenslagen, wie es in Deutschland üblich ist, macht mich wahnsinnig. Viele verpassen das Jetzt, weil sie nur an später denken.

    STANDARD: Sie haben seit eineinhalb Jahren eine Tochter – denken Sie nicht an später?

    Bader: Ich war schon vorher darauf bedacht, am Leben zu bleiben. Aber klar hat sich viel verändert. Ich habe weniger Zeit für die Vorbereitung und mache dadurch einfachere Sprünge als vor Roksanas Geburt.

    STANDARD: Kann man als Klippenspringerin nur mit einem Klippenspringer ein Kind haben?

    Bader: Für mich gibt es jedenfalls keine Alternative zu Kris. Wir sind immer zu zweit im Training und auf Tour. Kris ist ein toller Springer, aber er kann auch Windeln wechseln.

    STANDARD: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist gut?

    Bader: Ja. Wir sind trotzdem die einzigen auf der Tour, die ein Kind zusammen haben. (Frederik Jötten, RONDO, 24.8.2018)

    Das Finale der Welttournee der Klippenspringer findet am 23. September im italienischen Polignano a Mare statt. Infos: cliffdiving.redbull.com

    • Anna Bader beim Formationsklippenspringen mit Kollegen auf den Azoren.
      foto: romina amato/red bull content pool

      Anna Bader beim Formationsklippenspringen mit Kollegen auf den Azoren.

    • "Die Überwindung, sich rückwärts runterzustürzen, ist groß. Aber eigentlich ist der Salto rückwärts nicht schwierig."
      foto: romina amato/red bull content pool

      "Die Überwindung, sich rückwärts runterzustürzen, ist groß. Aber eigentlich ist der Salto rückwärts nicht schwierig."

    • Anna Bader beim Sprung aus 21 Metern Höhe während eines Wettkampfs in Lago Ranco (Chile).
      foto: dean treml/red bull content pool

      Anna Bader beim Sprung aus 21 Metern Höhe während eines Wettkampfs in Lago Ranco (Chile).

    • "Es ist ein starker Aufprall. Wir schlagen mit 80 Kilometern pro Stunde auf dem Wasser auf, innerhalb von einer Sekunde werden wir aus dieser Geschwindigkeit auf null heruntergebremst."
      foto: romina amato/red bull content pool

      "Es ist ein starker Aufprall. Wir schlagen mit 80 Kilometern pro Stunde auf dem Wasser auf, innerhalb von einer Sekunde werden wir aus dieser Geschwindigkeit auf null heruntergebremst."

    • Man erkennt es an den Klippen: – noch einmal die Azoren.
      foto: dean treml/red bull content pool

      Man erkennt es an den Klippen: – noch einmal die Azoren.

    • Anna Bader (34) kann mit dem Sicherheitsbedürfnis der  Deutschen wenig anfangen. Sie meint, Angst engt ein.
      foto: romina amato/red bull content pool

      Anna Bader (34) kann mit dem Sicherheitsbedürfnis der Deutschen wenig anfangen. Sie meint, Angst engt ein.

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