Wie Altersstereotype die Gesellschaft spalten

    22. August 2018, 11:00
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    Altersdiskriminierung bahnt sich ihren Weg in Gesellschaftsstrukturen, Sprache und Denken. Ältere Frauen verlieren dabei doppelt

    St. Petersburg – Ältere Frauen werden gerne übersehen. Auf Werbeplakaten und in Fernsehspots werden sie einseitig dargestellt, und auch vom alltäglichen Leben, der Arbeitswelt und sozialen Aktivitäten werden sie großteils ausgeschlossen.

    Zwei russische Wissenschafterinnen von der Universität St. Petersburg haben unlängst eine Übersichtsarbeit zur Diskriminierung im Alter veröffentlicht. Ihr Artikel behandelt auch die Verschränkung von Ageism und Sexism – der Diskriminierung aufgrund des Alters und des Geschlechts. Davon betroffen sind ausschließlich ältere Frauen. Die Soziologinnen, Irina Grigorjewa und Irina Sisowa, analysierten dafür bereits veröffentlichte Ergebnisse und bauten diese in den Kontext ihrer Forschungsfrage ein.

    Babysprache für Ältere

    Fast überall auf der Welt nimmt der Anteil der älteren Bevölkerung zu. In diesem Zusammenhang ist häufig von einer Überalterungskrise oder einer Bedrohung die Rede, bemerken die Autorinnen. Stereotype über das Alter sind demnach fest in unserer Sprache verankert.

    Ausdruck wird dem sogenannten Ageism in Phänomenen wie "Elder Speech", einer "altengerechten" Sprache, verliehen, der sich Angehörige oftmals auch ganz unbeabsichtigt und mit den vermeintlich besten Intentionen bedienen. Dahinter steckt jedoch häufig die Annahme, dass ältere Menschen schwer von Begriff sind, komplexe Dinge nicht mehr so gut verstehen und man ihnen diese besonders langsam und lautstark näherbringen muss. Viele Betroffene fühlen sich durch solche Rhetorik entmutigt. Die Überzeugung von den eigenen Fähigkeiten und das Selbstwertgefühl können darunter leiden.

    Pension als Nährboden für Stereotype

    Als Beispiel für eine staatlich implementierte Form der Diskriminierung wird in der Studie das Pensionierungsalter angeführt. Als Ordnungsprinzip von Gesellschaften markiere es auch eine gedankliche Grenze für den Eingang ins sogenannte "hohe Alter". Darüber herrsche vielerorts Übereinkommen. Die mit "hohem Alter" einhergehenden Assoziationen, sprich negativen Stereotype, führen jedoch zur Vernachlässigung der Fähigkeiten und Ressourcen älterer Menschen, zu den diskriminierenden Handlungen. Das habe wiederum erhebliche negative Auswirkungen auf deren Gesundheit und Wohlbefinden, so die Wissenschafterinnen.

    Das Alter der Arbeitsunfähigkeit

    Die Studie beleuchtet einen zentralen Aspekt: Die Fähigkeiten und Ressourcen älterer Menschen, insbesondere älterer Frauen, werden selbst im wirtschaftlichen Diskurs stillgeschwiegen. Es sei praktisch nie die Rede davon, dass Ältere der Gesellschaft Nutzen bringen. Diskutiert werde in erster Linie, welche Belastung sie für ihre jüngeren Mitmenschen darstellen – vor allem finanziell, wie die Autorinnen feststellen. Ihren Bedürfnissen und Anliegen wird in aktuellen Debatten ein überwiegend negativer Beigeschmack verliehen. Ein Beispiel: die mangelhaften Zustände in der Pflege. Sie verlangen notwendige Maßnahmen, die sich naturgemäß in den Staatsbudgets zu Buche schlagen.

    Es sei folglich im Interesse aller, der Altersdiskriminierung ein Ende zu setzen. Werde den Fähigkeiten und Ressourcen älterer Menschen nämlich weiterhin keine Beachtung geschenkt, sei das rein wirtschaftlicher untragbar, so die Schlussfolgerung.

    Das Alter ist weiblich

    Dem arbeitenden und sozialen Menschen wird in kapitalistisch orientierten, industrialisierten Gesellschaften vergleichsweise der größte Wert beigemessen, schreiben die Wissenschafterinnen. Ältere Frauen verkörpern in den Augen der Mehrheit jedoch weder das eine noch das andere. Sie werden viel eher als einsam, isoliert und dienstunfähig stereotypisiert. Aus diesem Grund treffe es ältere Frauen quasi doppelt. Sie sind nicht nur Zielscheibe von Altersstereotypen, sondern auch von geschlechtsbasierter Diskriminierung.

    Identitäten im Wandel

    Alters- und Geschlechtsidentitäten sind aber veränderbar, gar inkonsistent, wie die Autorinnen erklären. Wichtig ist diese Betrachtung, weil uns Stereotype das Gegenteil weismachen wollen. Durch die starre und vereinheitlichende Betrachtungsweise geben wir dem Ausschluss älterer Frauengenerationen Raum und fördern deren Stigmatisierung. Grigorjewas und Sisowas hoffnungsvolle These: Aus dem neuen Blickwinkel einer "Gesellschaft aller Altersklassen" als Gegenstück zur "bedrohlichen Überalterung" würden die vielfältigen Lebensmöglichkeiten älterer Frauen ersichtlich. (Roxane Seckauer, 22.8.2018)

    • Diese Seniorin trotzt traditionellen Vorstellungen über das Alter.
      foto: peopleimages/istockphoto

      Diese Seniorin trotzt traditionellen Vorstellungen über das Alter.

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