Der Denkfehler, den Verschwörungstheoretiker und Kreationisten teilen

    25. August 2018, 09:00
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    Psychologen entdeckten durch Befragungen und Korrelationsanalysen einen gemeinsamen Fehlschluss

    Lang genug hat es gedauert, bis Alex Jones zumindest zeitweilig vom Kurznachrichtendienst Twitter gesperrt wurde. Was der rechtsextreme US-amerikanische Verschwörungstheoretiker auf seinem eigentlichen Hauptmedium "Infowars" an infamen Lügen, Hetzmeldungen und Beleidigungen fabriziert, gehört zu den traurigen Kehrseiten der Meinungsfreiheit.

    Um nur einige der harmloseren Beispiele für Jones' gefährliche Nonsense-Produktion zu nennen: Die globale Erwärmung hält der Trash-Talker für einen Mythos, der von Eliten erfunden wurde. Im Präsidentschaftswahlkampf 2016 stellte er sich früh hinter Trump, da hinter Obama (für Jones ein in Kenia geborener Moslem) und Hillary Clinton – natürlich – eine internationale Verschwörung stünde.

    In diesem Zusammenhang verbreitete er auch das Gerücht, dass es im Keller einer Washingtoner Pizzeria zu massenhaftem sexuellem Kindesmissbrauch gekommen sei, in den auch Clinton verwickelt sei. Diese schwachsinnige Lüge rief prompt Leute auf den Plan, in dieser Pizzeria für Ordnung sorgen zu wollen.

    Wer ist anfällig für Verschwörungstheorien?

    Warum aber finden Typen wie diese lebende Fake-News-Schleuder überhaupt ein Publikum?

    Psychologen um Sebastian Dieguez (Universität Freiburg in der Schweiz) gingen dieser Frage empirisch nach. Und die Antwort, die das schweizerisch-französische Team nach mehreren Umfragen und Korrelationsanalysen ermittelte, brachte einen überraschenden Zusammenhang ans Tageslicht: Die Antwort erhellt nämlich zugleich auch einen der Gründe, warum jemand zum Kreationismus neigt, also nichts von der Evolution hält, sondern an eine Erschaffung der Welt durch Gott glaubt.

    Diese Erklärung, die erstmals eine Verbindung zwischen Verschwörungstheorie und Kreationismus herstellt, heißt schlicht und einfach "teleologisches Denken". Mit anderen Worten: Menschen, die anfällig für konspirative oder kreationistische Ideen sind, gehen laut Dieguez und Kollegen davon aus, dass alles aus einem bestimmten Grund geschehe und einen höheren Zweck habe.

    Alles in der Welt habe höheren Zweck

    Solche Personen würden etwa den beiden Aussagen zustimmen, dass die Sonne deshalb aufgeht, um uns Licht zu geben, oder dass der Zweck der Bienen darin besteht, die Bestäubung von Pflanzen sicherzustellen. Diese Art des Denkens gilt in der Wissenschaft, insbesondere in der Evolutionstheorie, als strikt verpönt und erntete schon vom Aufklärer Voltaire Spott, indem er seinen Charakter Pangloss vermuten ließ, dass Nasen zum Tragen von Brillen gemacht wurden.

    Dennoch fanden sich auch in der Wissenschaft lange teleologische Restbestände, etwa im klassischen Lamarckismus, der bestimmte Merkmale von Lebewesen als Resultat zweckgerichtete Anpassung an die Umgebung begriff und nicht als Ergebnis der Selektion der "zufällig" am besten Angepassten.

    Konspirative und kreationistische Gemeinsamkeit

    Dieguez und seine Kollegen hatten bereits in früheren Arbeiten beobachtet, dass Anhänger von Verschwörungstheorien Schwierigkeiten haben, die Welt als zufällig und komplex wahrzunehmen. Dank weiterer Befragungen und Analysen zeigte sich zunächst eine Bestätigung der Annahme, dass teleologisches Denken bei "Konspirationisten" weit verbreitet ist – und in der Folge, dass dieser Fehlschluss auch eine wichtige Grundlage von kreationistischen Denksystemen ist.

    Wie die Forscher im Fachblatt "Current Biology" schreiben, hoffen sie, mit ihren Erkenntnissen einen zentralen Denkfehler benannt zu haben, der quasi an der Wurzel des Übels unseres "postfaktischen Zeitalters" steht. Diese Erkenntnis soll insbesondere Wissenschaftspädagogen und -kommunikatoren helfen, zielgerichtete Aufklärungsarbeit zu leisten, um falsche teleologische Fehlschlüsse zu vermeiden, um später weniger anfällig gegen "Fake News" zu sein – egal ob es nun um die Leugnung des menschengemachten Klimawandels geht oder die Ablehnung von Mehrfachimpfungen, die – nona – auch Alex Jones für Autismus verantwortlich macht. (tasch, 25.8.2018)

    • Rechtsextremist, Verschwörungstheoretiker und Aluhutträger: Infowars-Macher Alex Jones ist die Personifizierung von "Fake News" und Protagonist postfaktischer Lügenproduktion. Teleologisches Denken trägt dazu bei, warum ihm Leute auf den Leim gehen.
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      Rechtsextremist, Verschwörungstheoretiker und Aluhutträger: Infowars-Macher Alex Jones ist die Personifizierung von "Fake News" und Protagonist postfaktischer Lügenproduktion. Teleologisches Denken trägt dazu bei, warum ihm Leute auf den Leim gehen.

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