200 neue Bücher pro Tag: Wer soll das alles lesen?

    21. August 2018, 09:00
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    Für die Verlagsbranche gilt es, sich auf jene Stärken zu fokussieren, über die allein die Literatur verfügt. Teil sieben und Abschluss unserer Buchmarktdebatte

    "Der Gammelbuchskandal" titelte die FAZ vor gut einem Jahrzehnt, als der Diogenes-Verlag in einer nicht ungenialen Marketingaktion Plakate mit den "Worstsellern 2005", also den neun im Jahresverlauf am schlechtesten verkauften Büchern, großflächig in Buchhandlungen plakatierte.

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    Wer soll das alles lesen? Nach wie vor werfen deutschsprachige Verlage 78.000 Neuerscheinungen pro Jahr auf den Markt, das sind 200 Bücher pro Tag.

    Platz eins der Ladenhüterliste belegten damals Frank O'Connors Meistererzählungen mit drei verkauften Exemplaren. Dicht gefolgt von George Orwell (Im Inneren des Wals, Platz zwei, acht verkaufte Exemplare) und auf Platz fünf William Faulkners Griff in den Staub (36 Bücher). Solcherlei ist für die Verlagsbranche nur eines von zahlreichen Problemen, mit denen man sich – Stichwort digitaler Wandel – auseinanderzusetzen hat. Wobei sich das lange als ernste Gefahr für das gedruckte Buch als Teufel an die Wand gemalte E-Book mittlerweile bei fünf Prozent Umsatzanteil einpendelte. Anders sieht es an der Front des Selfpublishing aus.

    In den USA produzieren Selbstverleger mittlerweile achtmal so viele selbstverlegte Titel wie klassische Verlage. Der E-Commerce Dienst iBusiness zitierte 2013 genüsslich eine Studie, dass sich auch im deutschen Sprachraum 30 Prozent der Schreibenden gegen die komplizierten, unkreativen und durch geringe Tantiemen vermeintlich ausbeuterischen Verlage entscheiden.

    Gesenkter Blick

    Dazu kommen ganz allgemein ein knapper werdendes mediales Zeitbudget in einer zwischen individueller Erschöpfung und rasendem gesellschaftlichen Optimierungs- und Erreichbarkeitsdruck eingespannten Kultur des (auf das Handy) gesenkten Blicks – und die mittlerweile beachtliche ästhetische Qualität breit wahrgenommener TV-Serien.

    Die Branche, die nach wie vor panisch 78.000 Neuerscheinungen (200 pro Tag) auf den Markt wirft und der Börsenverein des deutschen Buchhandels nahmen all das kalt lächelnd zur Kenntnis. Bis vor zwei Monaten die vom Börsenverein in Auftrag gegebene Studie "Buchkäufer – quo vadis" wie ein Meteor in die seit Längerem an Untergangsmeldungen gewöhnte Buchbranche einschlug.

    Laut dieser Untersuchung hat der deutsche Buchmarkt in den Jahren 2012 bis 2017 mehr als sechs Millionen Käufer verloren, besonders in der Altersgruppe der 20- bis 50-Jährigen. Wobei der Umsatz der Branche stabil bleibt, vor allem durch Vielkäufer über 70, die im Schnitt 12,4 Bücher jährlich kaufen.

    Kurz und recht genau lassen sich die Ergebnisse der Studie mit Hans Blumenberg (1920-1996) auf den Punkt bringen, der 1982 auf die Frage nach dem größtmöglichen Unglück antwortete: "Rebarbarisierung: immer weniger Leser für immer mehr Bücher." Was also tun? Die Vorschläge, die der Börsenverein flugs in einem "Co-Creation-Workshop" mit Verlagen und Buchhandel skizzierte – etwa Speeddating zu Bücherthemen, Rooftop-Partys oder, wem das zu profan ist, eine Erlebnisbuchhandlung mit Yoga-Stunden – nehmen sich eher als Teil des Problems aus als als dessen Lösung.

    Auch deswegen ließen wir in einer losen Sommerserie an dieser Stelle in den letzten Wochen zwei Verleger, einen Germanisten, Buchhändler, Autoren und einen Branchenspezialisten zu Wort kommen.

    Inszenierung reicht nicht

    Ihre Antworten auf die Studie über die Buchabwanderer fielen differenziert aus. Und sie ließen die Umrisse einer Problematik plastisch werden, die allein mit einer anderen Inszenierung des Lesens, mit Events und Marketing nicht zu lösen sein wird.

    Die Herausforderungen, so viel wurde in allen Beiträgen klar, sind vielschichtig, und sie bergen die Gefahr, defensiv ins Didaktische abzugleiten – oder in Sonntagsreden über die Bedeutung des Lesens. Kein Beitrag dieser Serie war aber defätistisch, vielmehr wiesen alle auf jenen Mehrwert hin, den allein das Lesen von Büchern hat. Medienwandel hin oder her.

    Jorge Luis Borges schrieb über diese Stärke, indem er darauf hinwies, dass Lesen eine dem Schreiben ebenbürtige Kunstform sei. Sie realisiere sich, so der Argentinier, falls die Worte treffen, im Augenblick der Lektüre mit überwältigender Potenz und Dringlichkeit. Dies auch, weil Literatur eben nicht Abbildung ist, sondern Konstruktion. Sie ist nicht Darstellung, sondern Erschaffung. Sie ist nicht Belehrung, sondern Erlebnis. Und sie darf Unterhaltung sein. Belletristik ist vielleicht auch deswegen mit 31,9 Prozent vor dem Kinder- und Jugendbuch (16,3 Prozent) und den Ratgebern (14,3 Prozent) nach wie vor das größte Segment des Buchmarkts.

    Und der Erfolg? Er ist relativ. Stendhals Über die Liebe verkaufte sich in den ersten elf Jahren 17 Mal, so wie Becketts Murphy. Die Nachwelt und die Leser haben es dann doch noch gerichtet. (Stefan Gmünder, 21.8.2018)

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