Aufregung über Plassnik-Äußerungen zur Schweiz

    20. August 2018, 17:32
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    Die "Krone" übernimmt in einem Artikel Aussagen eines Schweizer Blattes als Direktzitate Plassniks, die so aber nie getätigt wurden

    Ein Interview, das die ehemalige Außenministerin und österreichische Botschafterin in Bern, Ursula Plassnik, bereits Ende Juli dem wirtschaftsliberalen Schweizer Thinktank Avenir Suisse gab, sorgt nun einige Wochen später für Wirbel. Grund für das verspätete Medienecho sind Berichte Schweizer Medien wie der "Basler Zeitung". Diese betitelte einen Artikel über die "freche" Plassnik mit "Verwirrte Diplomatin". Plassnik selbst hatte in dem Interview Schweizer Medien wie die "Basler Zeitung" auch dafür kritisiert, mit ihrer Medienarbeit zur Verbreitung einer "nationalkonservativen Grundstimmung" in der Schweiz beizutragen.

    Krone.at übernahm nun in einem Artikel angebliche Interviewzitate Plassniks aus der "Basler Zeitung", wonach die Botschafterin die Schweiz als "mühsame Isolationisten" oder auch als "kurzsichtig und konservativ" bezeichnet. Tatsächlich sind die Aussagen aber so nicht gefallen, wie ein Blick in das Interview verrät. Die "Basler Zeitung" hatte diese und weitere Aussagen Plassniks in einem teils spöttischen Artikel über die ehemalige Außenministerin getätigt, sie aber nicht als ihre Zitate wiedergegeben.

    Update*

    Krone.at-Chefredakteur Richard Schmitt verweist auf die "Basler Zeitung" als Quelle. Warum die Zitate Plassnik zugeordnet wurden, möchte er auf STANDARD-Anfrage nicht kommentieren.

    Den krone.at-Artikel mit dem Titel "Österreichs Botschafterin brüskiert die Schweiz" teilte am Montag wiederum Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) auf seiner Facebook-Seite. Plassnik solle "nicht solche eigenartigen Statements und unfreundliche Bewertungen abgeben. Einfach absurd und unpassend ihre Aussagen!", kritisiert Strache. Plassnik selbst möchte nicht Stellung nehmen – auch nicht zu den verdrehten Zitaten: "Meinem Interview ist nichts hinzuzufügen", schreibt sie dem STANDARD.

    Plassnik kritisierte mitunter jedoch, dass die Schweiz manchmal den Eindruck erwecke, "sie habe ihr Interesse an den anderen Europäern eingeschränkt auf primär wirtschaftliche Gesichtspunkte".

    Pro-EU-Thinktank

    Plassniks Interview mit dem bekannt proeuropäischen Thinktank ist ein Plädoyer für die marktwirtschaftlichen, aber auch gesellschaftlichen Vorteile, die sich aus einer EU-Mitgliedschaft ergeben und die Plassnik auch hervorhebt mit Zitaten wie: "Wir Österreicher sind sicher nicht veränderungsfreudiger als die Schweizer, aber die Anpassung an EU-Standards hat uns unter dem Strich gutgetan."

    Dass Plassnik die Schweizer Mentalität im Umkehrschluss aber als "kurzsichtig und konservativ" bezeichnet habe, wie es die Berichte von "Basler Zeitung und "Krone" nahelegen, ist definitiv kein direktes Zitat und sehr überspitzt formuliert. Das "Jammern und Meckern, gern auch gegen die EU oder 'Brüssel'", gehöre auch in Österreich zur politischen Kultur, wenngleich es trotz alledem keine Mehrheit für einen EU-Austritt gebe, sagte Plassnik.

    Auch die Schweizer Neutralität bezeichnete die 62-Jährige in keiner Passage des Interviews als "lächerlich", wie etwa die "Krone" schrieb. Viel eher verwies sie auf neue Möglichkeiten der Kooperation im Rahmen einer "gut funktionierenden, respektvollen Partnerschaft" zwischen der Schweiz und Österreich. Als Beispiel nannte Plassnik dabei Möglichkeiten, die Neutralität dahingehend aufzuweichen, dass der schweizerische und österreichische Luftraum gemeinsam überwacht wird.

    Stereotypen

    Stereotype Charaktereigenschaften beider Nationen (Österreicher seien weniger stur, dafür humorvoller) sowie Witzeleien über das bessere Skifahrervolk (ein weiteres gern bemühtes Stereotyp) kommen in Plassniks Interview immer wieder vor. Dass ihr der schweizerische "Alleingang" und deren notorische "Neinsagerei" aber "auf den Senkel" gehen, findet sich auch so nicht im Interview. Plassnik gab zu, dass sie der Verweis der Schweiz auf deren Sonderfall "gelegentlich nervt", und betonte, dass auch die Schweiz kein Monopol auf ihre Einzigartigkeit im Konzert der Vereinten Nationen genieße.

    Ihre Anmerkung bezüglich etwaiger Alleingänge und Vetos bezog sich allerdings auf jenes Verständnis, das Österreich in Bezug auf seine nationalstaatliche Souveränität pflege. Dieses verstehe man als "Mitgestalten und Mitverantworten als Teilhabe an einem breiteren europäischen Projekt". (faso, 19.8.2018, *Update am 20.8.2018 mit krone.at-Stellungnahme, Plassnik-Anfrage und Strache-Kritik)

    Plassnik-Interview mit Avenir Suisse: Mittendrin statt nur dabei!

    • Ursula Plassnik mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei einem Empfang in Österreichs Botschaft in Bern.
      foto: apa/harald schneider

      Ursula Plassnik mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei einem Empfang in Österreichs Botschaft in Bern.

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