Die digitale Spaltung – ein Problem?

Blog20. August 2018, 12:46
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Studierende der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt ergründeten die Unterschiede zwischen den Generationen der Digital Natives und der Digital Immigrants

Digitale Medien spalten die Welt: in jene, die Zugang zu ihnen haben, und jene, die ihn nicht haben oder nur eingeschränkt auf Technologien wie Informationen zugreifen können. Jene, denen es materiell besser geht, sind in der Regel auch reicher an Information (information rich), und jene, die arm sind, werden in vielerlei Hinsicht ärmer (information poor). Digitale Medien spalten aber auch Generationen in die sogenannten Digital Natives und die Digital Immigrants.

Als Digital Natives gelten Menschen, die nach 1980 in das digitale Zeitalter hineingeboren wurden, mitunter werden sie auch als "Generation @", "Generation Y", "Millennials", "Net Generation" oder "Net Kids" bezeichnet. Als Digital Immigrants gelten Menschen, die vor der massiven Verbreitung digitaler Medien geboren wurden und sich quasi als Einwanderer in die neue Welt der Medien diese erst aneignen mussten. Für Österreich zeigt der Austrian Internet Monitor für das zweite Quartal 2018, dass die regelmäßige Internetnutzung bei den 20- bis 29-Jährigen bereits bei 100 Prozent, die der über 70-Jährigen hingegen "nur" bei etwa 39 Prozent liegt – und legt somit auch für unser Land ein digitale Spaltung nahe.

Junge Menschen nutzen digitale Medien als permanente Pausenfüller.

Ungeachtet dessen, dass – etwa in der Medien- und Kommunikationswissenschaft – umstritten ist, ob die Klassifizierung in die beiden Generationen tatsächlich so trennscharf zu treffen ist, schreiben aktuelle Studien Digital Natives bestimmte charakterisierende Einstellungen und Verhaltensweisen zu, etwa eine intensivere Mediennutzung, eine höhere Technikaffinität, neue Lernstrategien in der Aneignung von Wissen oder auch eine größere Flexibilität im beruflichen Alltag.

Leitmedium Smartphone

In einem Lehr-Forschungsprojekt an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt haben Studierende sich selbst und andere (jüngere und ältere Menschen) über den Zeitraum eines Semesters beobachtet und Interviews durchgeführt, um Unterschiede zwischen den Generationen zu ergründen. Die jüngste Interviewpartnerin war sieben, der älteste Gesprächspartner war über 70 Jahre alt.

Mit Blick auf die Kinder und Jugendlichen wurde deutlich, dass das Smartphone das zentrale Leitmedium ist, der PC dient primär schulischen Zwecken, die Nutzung der Medien wird durch die Eltern kontrolliert und reglementiert, deren Verbote werden allerdings häufig umgangen. Für ältere Menschen dient das Handy nach wie vor primär dem Telefonieren oder dem Versenden von SMS, viele sind zudem mit ihren Kindern auch über soziale Medien verbunden – Whatsapp ist für alle ein bedeutendes Instrument der Vernetzung.

Unterstützungsdienste für Ältere

Die große Mehrheit der Jüngeren hält sich für deutlich versierter im Umgang mit digitalen Medien als die Elterngeneration und berichtet von Dingen, die sie ihren Eltern bereits beigebracht habe, und davon, dass ältere Menschen sie regelmäßig um Unterstützung bitten würden. Ältere bestätigen das. Junge Menschen sagen vielfach, ihr Handy keine Stunde alleine lassen zu wollen, und erzählen von Angst und Stress, die sie befallen, wenn sie es einmal vergessen haben oder der Akku leer wird – Ältere sehen das eher entspannter (außer wenn sie für Kinder unerreichbar werden).

Insbesondere jungen Menschen dienen digitale Medien als permanente Pausenfüller. Wo immer man alleine ist, wird das Smartphone gezückt – im öffentlichen Verkehr, im Kaffeehaus, in der Schule, an der Universität. Ältere nutzen dafür häufig traditionelle Medien wie die Zeitung oder das Buch.

Während für die Jüngeren das Smartphone zugleich Nachrichtenübermittler, Ratgeber, Musiklieferant, Fotoapparat, Uhr, Wecker, Terminkalender und Dienstleister für Erledigungen aller Art ist, greifen Ältere lieber zum Telefonbuch oder gehen in die Bank. Für alle Generationen leistet das Smartphone unersetzliche Dienste als Verbindungsschnur, insbesondere in Fernbeziehungen.

Gesellschaftliche Teilhabe – auch im Digitalen

Stellt die digitale Spaltung der Generationen überhaupt ein Problem dar? Ja und nein. Manche führt sie zu unbegründeten Sorgen, etwa dass mit ihr ein massiver Werteverlust verbunden sei. Junge Menschen machen in Gesprächen allerdings deutlich, dass ihnen Umgangsformen nach wie vor wichtig sind, diese allerdings an die medial vernetzte Welt angepasst werden mussten. Ein ernsteres Problem stellt jedoch die Frage dar, wie jene, die weniger technikaffin sind (insbesondere in der Adaption digitaler Innovationen), gesellschaftlich integriert bleiben können. Gesellschaftliche Teilhabe ist inzwischen auch eine Frage der Teilhabe an sozialen Netzwerken und digitalen Technologien geworden, sei es im Finanzbereich, in Bezug auf sämtliche Bestelldienste oder auch im Gesundheitswesen.

Man kann finden, die Alten mögen sich doch in Schulungen begeben, Seniorenführerscheine erwerben et cetera. Schließlich seien sie ja als Immigranten und Immigrantinnen zu betrachten, denen Sonderunterricht gebührt, aber auch eine Verpflichtung zum Erlernen der digitalen Sprache abzuverlangen sei.

Man kann aber auch finden, dass ein Leben weitgehend ohne aktive Nutzung digitaler Medien inmitten unserer Gesellschaft noch möglich sein soll, ohne dabei gravierende Verluste oder Nachteile zu erleiden, und dass wir gemeinsam daran arbeiten könnten, die voranschreitende Spaltung zu überbrücken. (Larissa Krainer, 20.8.2018)

foto: privat

Larissa Krainer lehrt und forscht an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und ist Sprecherin des Interdisciplinary Media Ethics Center.

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