Wenn der Clan beschließt, nach Europa zu gehen

18. August 2018, 09:00
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Pakistan erlebt die größte Abwanderung der Geschichte. Tausende beantragen Asyl in Europa, die meisten ohne Erfolg

Solange Millionen von Pakistanis in Armut leben, müsste er sich dafür schämen, in den Palast des Premierministers einzuziehen, sagte Imran Kahn, der frischgewählte Regierungschef des südasiatischen Landes. Der ehemalige Kricket-Star verzichtet demonstrativ auf die prunkvolle staatliche Unterkunft in Islamabad. Der Millionär zieht seine private Villa vor.

Für seine Unterstützer ist das nicht scheinheilig – schließlich hat der erfolgreiche Sportler seinen Wohnsitz selbst finanziert. Die Schande, so das verbreite Sentiment, ist die Bereicherung durch korrupte Eliten, die das 200-Millionen-Land seit der Gründung vor 71 Jahren durch Machtkämpfe destabilisieren.

Pakistan belegt in der aktuellen Rangliste der fragilsten Staaten des Fund For Peace Platz 20 von 178. Am schlechtesten steht es um den Zusammenhalt in der Bevölkerung. Immer mehr Menschen verlassen das Land. Laut der internationalen Organisation für Migration lebten im Vorjahr bereits sechs Millionen Pakistani im Ausland. Der Exodus der vergangenen zehn Jahre ist der größte, den das Land je erlebt hat.

Nicht alle Indikatoren zeigen bergab. Die Wirtschaft wächst aktuell um mehr als fünf Prozent. Das Pro-Kopf-Einkommen legte zu – freilich von geringem Ausgangsniveau. Pakistan liegt beim Pro-Kopf-Einkommen auf Platz 131 von 181 Staaten.

Paradoxerweise fördert die jüngste Verbesserung der wirtschaftlichen Lage die Emigration. "Wie immer sind es nicht die ärmsten, die fliehen", sagt Pakistan-Experte Wolfgang-Peter Zingel vom Südasien-Institut der Uni Heidelberg zum STANDARD. "Es sind auch keine individuellen Entscheidungen, sondern meistens die von Familien und Clans." Diese legen die oft erheblichen Mittel für die Ausreise zusammen.

Geringe Chancen auf Asyl

Wer es sich leisten kann, versucht, als Gastarbeiter in die Golfstaaten zu kommen oder Asyl im Westen zu erlangen. Letzteres gelingt jedoch den wenigsten. Trotz der vielen Konflikte in ihrer Heimat sind die Chancen für Pakistani auf Asyl in Europa sehr gering. Seit dem Jahr 2008 registrierten europäische Behörden mehr als 200.000 Erstanträge auf Asyl. Mehr als 90 Prozent davon werden abgelehnt. In Österreich wurden im Vorjahr rund 1500 Asylanträge gestellt. Nur 86 erhielten hierzulande ein Bleiberecht. Asylgründe nach hiesigem Recht dürften nur wenige haben. "Grundsätzlich ist in einem großen Land auch immer die Möglichkeit des Binnenasyls gegeben", begründet Zingel die niedrige Anerkennungsquote. Tatsächlich ist Pakistan selbst eines der größten Aufnahmeländer für Flüchtlinge und beherbergt fast 1,5 Millionen Afghanen. Laut Uno leben auch 174.000 intern vertriebene Menschen in Pakistan. Ende 2009, zum Höhepunkt der Konflikte im Land, waren es aber fast zwei Millionen. Die meisten davon sind wieder in ihre Heimatregion zurückgekehrt.

foto: reuters / akhtar soomro
Kinder aus Karatschi hüpfen auf einem improvisierten Trampolin. Ihre Zukunft dürfte leider weniger leichtfüßig sein. Die einst wohlhabendste Stadt Pakistans ist heute ein ethnopolitischer Druckkessel.

Somit stehen viele vor dem Dilemma: keine Perspektive im Inland, kollektive Mittel zur Migration, aber keine Chance auf Bleiberecht. Was müsste also geschehen, um jungen Menschen wieder eine Perspektive zu geben?

Für den Ökonomen und langjährigen Regierungsberater Ashfaque Hasan Khan von der National University for Science and Technology in Islamabad steht nicht die politische Instabilität im Vordergrund. Der Emigrationsdruck lasse sich in einer simplen Arithmetik ausdrücken: Jedes Jahr kommen zwei Millionen zusätzliche Menschen auf den Arbeitsmarkt. Um genügend Stellen für alle zu schaffen, müsste Pakistans Wirtschaft mit sieben bis acht Prozent im Jahr wachsen, sagt er im Gespräch mit dem STANDARD. Erst dann würde die fortlaufende Abwanderung aufhören.

Die neue Regierung hat versprochen, in den kommenden fünf Jahren zehn Millionen Jobs zu schaffen. Am effizientesten gehe das über die Förderung des Agrarsektors, sagt der Ökonom Khan. "Unsere Landwirtschaft trägt ein Fünftel zur Wirtschaftsleistung bei, beschäftigt aber mehr als 40 Prozent der Erwerbstätigen." Ein zweiter wichtiger Bereich sei der Bau. Mit einem Konjunkturpaket ließe sich die Wirtschaft ankurbeln, so die Hoffnung. Schließlich erreichte die Wirtschaft Pakistans vor der Finanzkrise ähnlich hohe Wachstumsraten wie Indien. Was war schiefgelaufen?

IWF als Sündenbock

Eine populäre Sichtweise in Pakistan liest sich so: Der nach 2008 stark gestiegene Ölpreis traf das von Energieimporten abhängige Land hart – ein externer Schock, für den die Politik nichts konnte. Das Land war auf Hilfen des Internationalen Währungsfonds (IWF) angewiesen. Die im Gegenzug verordneten Sparmaßnahmen schränken jedoch die Politik bei den geplanten Konjunkturpaketen ein. Das jüngste IWF-Programm lief bis vor zwei Jahren, die aktuelle Schuldenlast könnte ein weiteres in naher Zukunft notwendig machen. "Die neue Regierung ist nicht sehr enthusiastisch, was den IWF betrifft", sagt Khan. Dieser gelte für viele als verlängerter Arm Washingtons.

grafik: standard

Seit einigen Jahren verschlechtern sich die Beziehungen zu den USA. Präsident Donald Trump verstärkte den Konflikt. Er wirft Pakistan vor, zu wenig im Kampf gegen Terrorgruppen zu unternehmen. US-Hilfsgelder für das Militär wurden eingefroren.

Längst ist China als Geldgeber eingesprungen. Mehr als die Hälfte der Direktinvestitionen kommen heute aus dem Reich der Mitte. Im Rahmen des China-Pakistan-Wirtschaftskorridors entstehen Straßen, Schienen und Kraftwerke. "Ob China bereit ist, die Rolle der USA als Hauptsponsor Pakistans zu übernehmen ist unklar", sagt Zingel. Belastbare Zahlen über die Konditionen der chinesischen Projekte gebe es nicht. Beobachter befürchten neue Abhängigkeiten durch Schulden. Durch die Investitionen im Energiebereich entstehen aber nur wenige Arbeitsplätze: "Häufig werden chinesische Arbeitskräfte eingesetzt", gibt Zingel zu bedenken.

Abhängig von ausländischen Gönnern

Dass Pakistan sein ökonomisches Wunder erlebt, sollte der IWF geschasst werden und chinesische Gelder an seine Stelle treten, ist im Westen eher umstritten. Dem IWF die Schuld zuzuschieben sei immer einfach, wenn es an der nötigen Haushaltsdisziplin gemangelt hat, meint Zingel. Vielmehr seien früher aus sicherheitspolitischen Gründen zeitweise generöser Hilfsmittel geflossen. Diese fehlen nun.

So oder so bleibt Pakistan von ausländischen Gönnern abhängig. Dass führende Ökonomen des Landes auf Jobs in so wenig zukunftsorientierten Branchen wie Landwirtschaft und Bau setzen, zeugt von enormen Rückstand.

Um eine moderne Industrie wie in Indien aufzubauen und ausländische Kapitalgeber zu Investitionen zu bewegen, müsste politische Stabilität einkehren und sich die Sicherheitslage verbessern. Der Sieg von Imran Khans Koalition markiert den ersten demokratischen Machtwechsel im Land. Ob dadurch nur andere Eliten zum Zug kommen oder ein Aufschwung bevorsteht, lässt sich noch nicht beurteilen. Für die Jungend von Karatschi und Islamabad liegt der Schritt ins Ausland trotz aller Gefahren oft näher. (Leopold Stefan, 18.8.2018)

DER STANDARD widmet den wichtigsten Herkunftsländern von Migranten, die 2018 via Mittelmeer nach Europa kamen, eine Serie. Lesen Sie am kommenden Dienstag: "Die Jungunternehmer aus Mali."

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