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22. August 2018, 11:36

50 – 30 – 20. Was klingt wie eine Größenangabe, beschreibt in Wahrheit aber uns alle. Mit "uns" sind die Bewohner Zentraleuropas gemeint und mit 50, 30 und 20 Prozent unsere genetische Zusammensetzung, denn sie ist ein Potpourri. Beginnen wir von vorn, also bei den ältesten Vorfahren, die in unserem Erbgut zu finden sind: den Ureuropäern, von Berufs wegen Jäger und Sammler.

Sie sind vor etwa 40.000 Jahren über Zentralasien aus Afrika ausgewandert und haben sich, in Europa angekommen, mit den Neandertalern fortgepflanzt und diese schlussendlich verdrängt. Für diese Wanderung gibt es archäologische und paläoanthropologische Befunde, doch auch genetische Untersuchungen deuten darauf hin. 20 Prozent unserer Gene lassen sich auf diese Gruppe zurückführen.

Vor 8.000 Jahren hat eine weitere Wanderungsbewegung Einfluss auf unsere genetische Zusammensetzung genommen. Damals sind Ackerbauern aus Anatolien eingewandert, sie beherrschen unsere DNA heute zu 50 Prozent. "Die Hälfte der heutigen Gene der Zentraleuropäer ist also eigentlich asiatisch", sagt Johannes Krause, Direktor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena.

Asiatische Komponenten

Auch ein alter Bekannter war damals mit von der Partie: Zumindest die väterliche Linie Ötzis, so der aktuelle Stand der Wissenschaft, ist Teil einer genetischen Grundausstattung, die damals aus dem Nahen Osten nach Europa gekommen ist.

Eine Wanderungsbewegung vor rund 5.000 Jahren hat schlussendlich die letzten 30 Prozent unserer heutigen genetischen Zusammensetzung zu verantworten. Die letzten Ankömmlinge waren Bevölkerungsgruppen aus der russischen Steppe nördlich des Kaspischen Meeres. "Die Expansion dieser Population hat die genetische Zusammensetzung noch einmal verändert und eine weitere asiatische Komponente mitgebracht", sagt Krause.

Vermutlich verdanken wir dieser Gruppe auch die europäischen Sprachen und unsere helle Hautfarbe. Durch diese Wanderungsgeschichte und die Verbindung über die Beringstraße, so Krause, sind die Europäer genetisch weit enger mit Nord- und Südamerikanern, auch mit Indianern als etwa mit den Chinesen verwandt.

Schöner Mix

Unsere Gene sind also eine Mixtur verschiedener Populationen, die in den letzten tausend Jahren nach Europa gekommen sind. "Die haben sich tatsächlich sehr gut vermischt und auch nicht vor Großbritannien oder der Iberischen Halbinsel haltgemacht. Die Migrationsströme sind, mit kleinen Ausnahmen wie etwa Sardinien, in alle Teile Europas vorgedrungen", sagt Krause. "Weil Europa eine sehr kleine Region ist, gab es immer viel genetischen Austausch." Durch diese Durchmischung sind sämtliche Gene überall vertreten, was so viel heißt wie: Wir Europäer sind alle relativ nahe verwandt.

Und dennoch: Nicht überall ist die Zusammensetzung aus 50, 30 und 20 Prozent gleich. "Je nachdem, wo man ist, gibt es mehr oder weniger Komponenten aus der Vergangenheit, die Mixturen unterscheiden sich", sagt Krause. Wie genau unsere genetischen Daten zeigen, woher wir kommen, hat im Jahr 2008 eine Studie der Universität von Kalifornien gezeigt.

foto: ucla
Als Forscher die DNA von Menschen mit ähnlichen genetischen Strukturen analysierten und die Ergebnisse auf einem geografischen Raster darstellten, wurden die wichtigsten geografischen Merkmale Europas erkennbar.

Dafür wurden Erbgutausschnitte von Europäern und Informationen zur Herkunft ihrer Großeltern ausgewertet. Als die Forscher ihre Ergebnisse entlang von zwei Achsen grafisch darstellten, erhielten sie eine Karte, die der Europakarte verblüffend ähnlich war – Italien, die iberische Halbinsel und sogar Unterschiede zwischen der italienisch-, deutsch- und französischsprachigen Schweiz waren darauf zu erkennen.

An den genetischen Daten kann also die geografische Herkunft der Vorfahren eines Menschen abgelesen werden. "An der Mixtur kennt man einem Europäer an, dass er Europäer ist", sagt Krause.

Besondere Spezifika

In manchen Regionen sind die genetischen Merkmale sogar besonders spezifisch, etwa auf Sardinien. Krause: "Die Sarden sind genetisch fast komplett so zusammengesetzt wie die frühen Einwanderer aus Anatolien vor 8.000 Jahren. Jäger-und-Sammler- sowie Steppengene finden sich kaum."

Das hat auch die Untersuchung der kalifornischen Forscher ergeben: Durch die geografische Isolation Sardiniens ist dort eine eigene, vom italienischen Festland abgegrenzte genetische Population zu finden. Auch die Esten sind besonders. Sie haben die größte Menge eiszeitlicher DNA in Europa, die Anteile der Jäger und Sammler im Erbgut sind sehr hoch.

Und noch ein Land in Europa sticht hervor, wenn um die Gene geht: Island, das "lebende Labor", wie Adam Rutherford es in seinem Buch "Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat" nennt. Denn eine Vielzahl der Isländer hat ihre genetischen Daten der Forschung zur Verfügung gestellt.

national geographic
Ein Team von National Geographic zu Besuch bei Decode Genetics in Island.

Das Unternehmen, das sie besitzt, heißt DeCode Genetics und wurde im Jahr 2012 vom amerikanischen Biotechnologieunternehmen Amgen gekauft. Gemeinsam mit den Ahnentafeln und Verwandtschaftslinien, die in Island fast bis zu den Anfängen der Besiedelung im Jahr 900 erhalten sind, lässt sich rekonstruieren, wie jeder Isländer mit jedem Isländer verwandt ist. "Für eine genetische Studie ist das toll", sagt Krause.

Auch bei Amgen ist man begeistert: "Wir können durch die isländischen Daten die genetischen Grundlagen verschiedener Krankheiten besser verstehen und so neue Therapien dafür finden", sagt John Dunlop, Vizepräsident des Forschungsbereichs Neurowissenschaften.

Muster, die in unserer Biologie zu Krankheiten führen, schreibt auch Rutherford, könne man beim Individuum oft nicht erkennen, in einer großen Anzahl von Daten dagegen schon. Da auch die Isländer aufgrund ihrer geografischen Lage isoliert sind, so Rutherford, kann untersucht werden, "was vererbt wird, und was auf die Umwelt zurückzuführen ist".

Geringere genetische Vielfalt

Doch unter Wissenschaftern gibt es Skeptiker in Bezug auf die Erforschung von neuen Medikamenten mithilfe der isländischen Daten. Johannes Krause ist einer von ihnen. "Island ist eigentlich nicht die ideale Population, um solche Forschungen durchzuführen, weil die genetische Vielfalt dort viel geringer ist." Um möglichst repräsentativ zu sein, so Krause, "sollte man so eine Studie dort durchführen, wo wir herkommen, nämlich in Afrika". Dennoch sieht Krause auch Vorteile: "Um bestimmte Mechanismen zu verstehen, hilft das Projekt in Island der Forschung dennoch sehr."

Doch nicht nur innerhalb, auch nach außen hin unterscheiden Europäer sich genetisch. Etwa wenn es um Milch geht. Denn die Hälfte der Europäer ist laktoseintolerant, weiß Krause: "Das ist in den Genen festgeschrieben." In Europa allerdings haben 50 Prozent der Menschen auch eine Mutation, die sich in den letzten 3000 bis 4000 Jahren ausgebreitet hat und die es uns möglich macht, im Erwachsenenalter Milch zu trinken.

foto: rowohlt
"Wir sind die Mutanten", schreibt Adam Rutherford in seinem Buch "Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat".

Dieses ungewöhnliche Phänomen heißt Laktasepersistenz, punktuelle DNA-Veränderungen sind laut Rutherford dafür verantwortlich. "Wir sind die Mutanten, im Rest der Welt ist das weniger verbreitet", sagt Krause.

Woher die Vorsicht kommt

Und noch etwas unterscheidet unser Genom: Die Spuren der Pest, die vor 5.000 Jahren mit den Steppenbewohnern nach Europa gekommen ist. Wer sie überlebt hat, reagierte mit bestimmten Genvarianten. Untersuchungen des Erbguts von Roma in Rumänien, die einst aus Nordwestindien nach Europa gewandert waren, und von jenen Populationen, die noch in Indien leben, haben gezeigt: Letztere haben diese Genvarianten nicht. Die Pest hat sich also in das europäische Erbgut eingeschrieben.

Eingeschrieben, und zwar in unsere Köpfe, ist uns Europäern auch die Vorsicht, wenn es um genetische Eigenschaften geht und darum, sie bestimmten Menschengruppen zuzuordnen. "In den USA wird verlangt, dass Patienten im Krankenhaus ihre ethnische Herkunft angeben, weil man bei bestimmten Medikamenten schon weiß, dass sie je nach Migrationshintergrund unterschiedlich funktionieren", sagt Krause.

Immer enger verwandt

In Europa ist man bei Einteilungen weit vorsichtiger, besonders bei Begrifflichkeiten. Das Wort "Rasse" ist seit dem Nationalsozialismus verpönt, von Ethnien oder Bevölkerungsgruppen ist nun die Rede. Doch nun, gerade durch die Erforschung des Erbguts, geht es wieder um Unterschiede und Gemeinsamkeiten – sie werden jetzt besonders deutlich.

Insgesamt, sagt Krause, sind wir alle zunehmend enger miteinander verwandt. Durch den regen Austausch und die Globalisierung rücken die Menschen auf dieser Welt immer näher zusammen – auch genetisch. (Bernadette Redl, CURE, 22.8.2018)

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