Vergleich: Krank auf dem Land, krank in der Stadt

    17. September 2018, 07:20
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    Wenn es um die Gesundheitsversorgung geht, haben Städter andere Bedürfnisse, und sie haben auch andere Krankheiten als Menschen auf dem Land. Das sollte sich in der Gesundheitsversorgung widerspiegeln. Ein Lokalaugenschein in der Steiermark

    Der Regen donnert gegen die Fensterscheiben, es gießt in Strömen, wie so oft in den letzten Tagen. Bernhard Spitzer, Bürgermeister von Vorau in der Steiermark, sitzt in seinem Büro und erzählt: "Als Bürgermeister ist man für alles der Ansprechpartner. Die Leute kommen und beschweren sich, weil die Wassermassen auf ihrem Grundstück einen Schaden angerichtet haben. Das tut mir zwar leid, dagegen tun kann ich aber nichts." Das Problem kennt Spitzer auch von anderen Angelegenheiten.

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    Welches Modell der Primärversorgung für eine Region das richtige ist, hängt von individuellen Faktoren ab.

    Etwa wenn es um die medizinische Versorgung in Vorau geht: Insgesamt viermal wurde nach der Pensionierung eines praktischen Arztes eine Allgemeinmedizinerstelle ausgeschrieben, ohne Erfolg. Und wieder ist die Bevölkerung zum Bürgermeister gekommen, erzählt er: "'Herr Bürgermeister, wir brauchen doch einen Arzt!', haben sie gesagt."

    Last-Minute-Lösung

    Quasi in letzter Minute wurde für Vorau doch noch eine Lösung gefunden, und zwar eine, die juristisches Neuland ist. Seit September gibt es dort das Gesundheitszentrum Joglland, das genau an dem Tag eröffnet wurde, an dem der zweite noch im Ort ansässige Allgemeinmediziner in Pension ging. Drei Ärzte sind in dem Ambulatorium angestellt, und zwar bei einer Gesellschaft, die mehrheitlich im Eigentum einer Klosterkonfession ist, die in Vorau auch ein Krankenhaus betreibt.

    Der mangelnde Ärztenachwuchs ist vor allem auf dem Land ein Problem, die primäre Versorgung in weniger urbanen Regionen eine besondere Herausforderung, weiß Bernd Leinich, Landeszielsteuerungskoordinator der Sozialversicherung und Geschäftsführer des Gesundheitsfonds Steiermark. Jeder Standort muss separat betrachtet werden. "Wir sehen uns genau an, wie das bisherige Angebot an Ärzten ist und wie es um den Bedarf steht", so Leinich.

    Für das neue Ambulatorium in Vorau Ärzte zu finden war allerdings kein Problem mehr. Die Gründe dafür haben mit den Vorteilen einer Anstellung und den Anforderungen an Ärzte mit eigener Praxis zu tun. Ein Kassenarzt muss neben 20 Stunden Ordination Hausbesuche, Fortbildungen, Wochenend- und Nachtdienste absolvieren. "Da ist man schnell auf 60 bis 70 Stunden", so Leinich. Doch viele junge Ärzte wollen am Wochenende frei und Zeit für die Familie haben. Eine eigene Praxis bedeutet: ungeregelte Arbeitszeiten und sich allein durchschlagen müssen.

    Landarzt im Stress

    Das bestätigt auch Karin Semmler, sie ist die ärztliche Leiterin des Gesundheitszentrums Joglland und weiß: "Als praktischer Arzt ist man schnell ausgebrannt." Semmler hat zwei Kinder und "einen Mann, der selbst arbeitet", wie sie mit einem Lächeln erzählt. Jetzt kann sie nach Hause gehen, auch wenn noch fünf Patienten im Wartezimmer sitzen, "schließlich ist mein Kollege noch da", sagt sie.

    Bürgermeister Spitzer ist sich sicher: Durch die längeren Öffnungszeiten – insgesamt sind es 50 Stunden pro Woche – gibt es auch für die Bevölkerung einen deutlichen Mehrwert.

    "Das Beispiel Vorau wird sich in Österreich in der Zukunft noch sehr oft wiederholen", weiß man auch bei der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse. "Es gibt zahlreiche Regionen mit 5.000 bis 7.000 Einwohnern, in denen in den nächsten Jahren viele Mediziner in Pension gehen werden."

    Doch funktionierende Primärversorgung ist nicht ausschließlich in Zentren organisiert. Auch wenn sie weniger werden, gibt es nach wie vor Landärzte mit eigener Praxis. Ein besonders engagierter ist Winfried Koller, praktischer Arzt in Pinggau. Im Kofferraum seines Visitenautos hat er einen Defibrillator und ein Ultraschallgerät, wie er begeistert erzählt: "Ultraschall, das ist mein Hobby." Bezahlt werde ihm diese Leistung nicht.

    Entlastung in Sicht

    Der Beruf des Allgemeinmediziners müsse auf geänderte Bedarfe reagieren, moderner werden. "Heute gibt es schon so viele Möglichkeiten", sagt Koller, der vielbeschäftigt ist. In seiner Ordination stehen die Patienten schon Schlange, eine Stunde bevor überhaupt geöffnet ist, erzählt Karin Semmler.

    Doch Entlastung ist in Sicht. Aus Kollers Ordination wird demnächst die erste Jobsharing-Praxis der Steiermark. Ein junger Kollege kann so eine halbe Kassenstelle annehmen. "Ich kann dann meine Erfahrungen weitergeben und muss weniger arbeiten", freut sich Koller.

    Mehr Allgemeinmediziner bedeuten auch weniger Kosten für das Gesundheitssystem. "80 bis 90 Prozent aller gesundheitlichen Probleme können wir Hausärzte lösen", sagt Koller. Und das weit preisgünstiger. Kostet eine Leistung beim praktischen Arzt zehn Euro, sind es beim Facharzt 30 und im stationären Bereich 60 Euro, rechnet er vor.

    Trauriger Weltmeister

    "Jeder vierte Patient in einer Spitalsambulanz im ländlichen Bereich wäre im niedergelassenen Bereich besser aufgehoben, in den Ballungsräumen ist es sogar ein Drittel", sagt Leinich. Österreich sei "trauriger Weltmeister bei den Spitalsaufenthalten", 27 Prozent der Bevölkerung werden jährlich zumindest einmal stationär aufgenommen.

    Dass die Entlastung der Spitäler durch das Primärversorgungszentrum funktioniert, weiß Semmler aus erster Hand von der Chirurgischen Ambulanz im Marienkrankenhaus Vorau: "Die Patienten mit Rückenschmerzen kommen jetzt zu uns, früher wurden sie ambulant im Spital behandelt."

    Ein Hausarzt kennt seine Patienten zudem gut, er betreut sie oft über viele Jahre und kennt ihr Umfeld. Vorteile, die auch im Gesundheitszentrum nicht verlorengehen, wie Semmler versichert. Patienten können auch dann noch zu dem von ihnen gewünschten Arzt gehen, mit dem Vorteil: Falls der einmal krank oder im Urlaub ist, gibt es einen Kollegen, der ihn vertritt und dennoch die Krankengeschichte des Patienten vor sich auf dem Computer hat. Von allen werde das Zentrum gut angenommen, "einer großen Gruppe ist es egal, von welchem Arzt sie behandelt wird. Nur ganz wenige bestehen auf immer demselben Arzt."

    Längere Öffnungszeiten

    Ähnlich in puncto Vertretung funktioniert auch das Prinzip Gruppenpraxis. Ein weiteres Modell der Primärversorgung, das sowohl für Patienten als auch für Mediziner Vorteile bringt und für den ländlichen Raum eine Option ist, wie ein Beispiel im steirischen Weiz zeigt.

    Der Allgemeinmediziner Herbert Ederer leitet die professionalisierte Gemeinschaftsordination, zu der zwei weitere Mediziner mit ihren separaten Praxen gehören. Das Modell ist bereits nach dem neuen Primärversorgungsgesetz organisiert, das Zentrum in Vorau wird noch heuer darauf umgestellt. Konkret bedeutet das: Die Mediziner haben sich zu umfangreichen Öffnungszeiten und bestimmten Versorgungsprogrammen verpflichtet.

    Abgerechnet wird in Weiz gemeinsam, auch auf die Patientendaten haben alle drei Mediziner für den Vertretungsfall Zugriff. Zur Praxis gehören ein gemeinsames Labor und weitere Gesundheitsberufe. Den Vorteil in ihrem Modell sieht Ederer auch im fachlichen Austausch mit den Kollegen. Und Karin Semmler ergänzt: "Wenn Patienten innerhalb der Praxis den Arzt wechseln, bekommen sie automatisch eine zweite Meinung."

    Individuelle Faktoren

    Welches Modell der Primärversorgung schlussendlich für eine Region das richtige sei, hängt von vielen individuellen Faktoren ab. Netzwerke sind in der Diskussion um die Versorgung in ländlichen Regionen immer wieder ein Thema, "auch um zu verhindern, dass Menschen unzumutbar weit ins nächste Zentrum fahren müssen", heißt es von der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse.

    Ein erstes Pilotprojekt in Oberösterreich gibt es bereits. Abgestimmte Dienste, Öffnungszeiten, geteilte Ressourcen wie eine gemeinsame Pflegekraft, separate EDV-Systeme und eine gemeinsame Abrechnung seien aber herausfordernde Punkte, die bei diesem Modell noch geklärt werden müssen.

    Zum Arzt in der Mittagspause

    Leinich, der in seiner Funktion früher für Wien zuständig war, kennt die Unterschiede zwischen Stadt und Land: "Auf dem Land gibt es einen Bedarf für eine Mittagspause. Auch aus Respekt vor dem Arzt geht dort niemand um die Zeit in eine Ordination, auch nach 17 Uhr kommt niemand mehr." In Wien sei das umgekehrt. "Da ist bis 20 Uhr offen. Das wird auch frequentiert. Die Menschen gehen in der Mittagspause zum Arzt, weil sie da gut Zeit haben."

    Auch die demografische Zusammensetzung spielt eine Rolle, zudem treten Krankheitsbilder unterschiedlich auf. Der Bedarf hängt ebenso von der Jobsituation ab. In Pendlerregionen etwa gehen die Menschen vor allem am Freitag und am Samstag zum Arzt.

    Wie individuell der Bedarf sein kann, zeigt folgende Geschichte: Leinich erzählt von einem kleinen Ort, in dem donnerstags alle Geschäfte geschlossen sind – "dafür sind die Arztpraxen voll", erzählt er. Eine Schablone für die Versorgung gibt es nicht. (Bernadette Redl, CURE, 17.9.2018)

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