Zu viele Netflix-Rivalen: Warum die Piraterie immer stärker wird

    3. Oktober 2018, 09:42
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    Die Zahl der Streaminganbieter wächst. Um alle Serienhits legal zu schauen, müssen Nutzer tief in die Tasche greifen

    Die Ära von Netflix begann in Österreich vor vier Jahren: Endlich war der Streaming-Dienst, der in den USA für Furore gesorgt hatte, auch hierzulande verfügbar. Doch mittlerweile setzt im deutschsprachigen Raum eine Entwicklung ein, die auch in den USA die Euphorie über Netflix gebremst hat: Der Videostreamer wird quasi Opfer seines eigenen Erfolges. Denn die Konkurrenz hat erkannt, dass das Abo-Modell funktioniert und bringt nun eigene Alternativen.

    Vielzahl an Konkurrenten

    In den USA ist gleich eine Myriade an Rivalen am Start: HBO, CBS All Access, Amazon Prime Video, Hulu und ab 2020 ein Disney-Streamingdienst, der für dramatische Entwicklungen sorgen könnte. Aber auch im deutschsprachigen Raum hat der Kunde mittlerweile die Qual der Wahl: Da gibt es neben Netflix und Amazon Prime Video etwa Sky, das große US-Blockbuster und renommierte Eigenproduktionen anbietet, sowie Maxdome, Flimmit und "Entertain TV", das Streamingportal der Deutschen Telekom, das die ausgezeichnete Serie "The Handmaid's Tale" zeigt.

    Alle Topserien legal schauen kostet

    Wie sieht es also aus, wenn man legal die Top-Serien der vergangenen Monate ansehen will? Für "Game of Thrones" braucht man Sky Go, das mit 9,99 Euro monatlich zu Buche schlägt. "Handmaid's Tale" gibt es in Deutschland im Fernsehpaket der Telekom (mit Receiver knapp 10 Euro monatlich), oder man erwirbt die Staffel für einmalig 25 Euro. "Stranger Things" gibt es bei Netflix, dessen Standard-Abo 10,99 Euro kostet. Will man dazu eine Serie, die auf Amazon Prime Video läuft, etwa "Mr. Robot", sind weitere 7,99 Euro monatlich fällig.

    Wenn man die ganze Auswahl möchte, ist man also schnell bei vierzig bis fünfzig Euro pro Monat angekommen – und da sind Fußballfans, die Champions League-Spiele, die Bundesliga oder Premier League-Matches schauen wollen, noch gar nicht einkalkuliert. Natürlich kann man tricksen: Alle Anbieter erlauben die monatliche Kündigung des Abos. Nutzer wären also in der Lage, je nach Gusto hin- und herzuwechseln. Ob das tatsächlich passiert, ist fraglich. Daten dazu gibt es keine.

    Piraterie blüht weiter auf

    Wahrscheinlicher ist ohnehin eine andere Variante: Die Nutzung von illegalen Streaming- oder Download-Portalen. In den USA zeigt sich, dass in den vergangenen Monaten mehr Inhalte heruntergeladen wurden als je zuvor. Das trifft vor allem TV-Serien, bei Filmen ist sogar ein leichter Rückgang der unerlaubten Downloads zu bemerken. Laut der Antipiraterie-Organisation Muso gab es 2017 weltweit 107 Milliarden Aufrufe von Webseiten für TV-Piraterie.

    Auch Musik-Piraterie stieg an, das ist aber vermutlich darauf zurückzuführen, dass mehrere Anbieter gesperrt wurden, die eine Umwandlung von Youtube-Musikvideos in MP3-Dateien erlaubten. Abgesehen von Youtube ist die Musikbranche relativ zufrieden, was die Durchsetzung von legalen Angeboten betrifft. Der Markt ist komplett anders aufgebaut: Spotify, Apple Music und ihre Rivalen teilen sich einen Großteil der Bibliothek. Nur sehr wenige Titel sind exklusiv oder gar nicht als Stream erhältlich, etwa Beyonces aktuelles Album oder anfangs auch Adeles "25". Hier zeigt sich, dass diese Alben sofort massiv illegal heruntergeladen werden.

    Gordischer Knoten

    Die derzeitige Situation im TV-Streamingmarkt ist ein gordischer Knoten: Man kann Unternehmen ja auch nicht dazu raten, keine eigenen Streamingdienste aufzusetzen. Langfristig muss der "freie Markt" das vermeintliche Überangebot regeln. Vorstellbar ist etwa, dass die großen IT-Konzerne stärker als bislang mitspielen wollen. Schon länger wird gemunkelt, dass Apple an einem Kauf von Netflix interessiert ist. Gerade angesichts der Disney-Konkurrenz könnte das Sinn ergeben.

    Für Nutzer wird es in den nächsten Jahren aber weiterhin darauf hinauslaufen, klug zwischen Anbietern hin- und her zu wechseln, wenn sie legal agieren wollen. Die Illusion eines Vollangebots, die Netflix für einige User anfangs versprach, ist jedenfalls dahin. (fsc, 3.10.2018)

    • Artikelbild
      foto: reuters/nicholson
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