Ungarns Regierung will Gender-Studies verbieten

13. August 2018, 17:42
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Wissenschafter sprechen von massivem Eingriff in die akademische Freiheit

Die Regierung von Ungarns rechtsnationalem Premier Viktor Orbán wälzt Pläne, das Studienfach Gender-Studies von den Universitäten des Landes zu verbannen. Den Entwurf einer diesbezüglichen Verordnung schickte das zuständige Ministerium vorige Woche zwecks "Begutachtung" an die Hochschuleinrichtungen – mitten in den Sommerferien wurden diesen gerade einmal 24 Stunden für die Antwort gewährt. "Niemand will 'Genderologen' anstellen, also braucht man auch keine auszubilden", erklärte der stellvertretende Ministerpräsident Zsolt Semyén am Montag dem Portal atv.hu.

Derzeit bieten zwei Budapester Hochschulen Master-Kurse in Gender-Studies an: die staatliche Loránd-Eötvös-Universität (ELTE) und die private amerikanische Central European University (CEU). Das Fach ist seit zwölf Jahren ordnungsgemäß akkreditiert. Derzeit besuchen jeweils rund 20 Studentinnen und Studenten die Lehrgänge der beiden Unis.

Immer wieder wettern Regierungspolitiker gegen diesen Zweig der Sozialwissenschaften. Er operiert häufig mit der Annahme, dass das Geschlechtliche ein soziales Konstrukt ist. Das steht aber in diametralem Widerspruch zur Regierungsideologie. Diese gründet auf einer als "natürlich" vorgestellten, konservativen Auffassung von den Geschlechterrollen.

Keine "Frauensachen"

Orbán selbst scheut vor frauenfeindlichen Aussagen nicht zurück. Auf Fragen von Journalisten, warum er seine ehemalige Botschafterin in Washington, Réka Szemerkényi, vorzeitig abberufen ließ, sagte er: "Mit Frauensachen beschäftige ich mich nicht."

Zahllose Wissenschafter kritisierten den Eingriff als massive Einschränkung der Freiheit von Forschung und Lehre. Die ELTE-Führung fand sich indes mit dem Verbot der Gender-Studies ab. "Unsere Universität nimmt die Entscheidung des Ministeriums zur Kenntnis und respektiert sie", hieß es in ihrer Stellungnahme. Gábor Juhász, der Dekan der sozialwissenschaftlichen Fakultät, widersprach immerhin: "Es scheint, dass man Studienrichtungen, die von fachlichen Foren geprüft sind, einfach abschaffen kann", schrieb er.

Ungewiss ist, ob auch die private CEU von der Ministerialverordnung betroffen ist. Die vom US-Milliardär George Soros gegründete Top-Uni ist insgesamt von der Schließung bedroht, nachdem Orbán ihren liberalen Gründer zum Staatsfeind Nr. 1 erkoren hat. Ihr Umzug nach Wien wird immer wahrscheinlicher. (Gregor Mayer aus Budapest, 13.8.2018)

  • Der konservative Kurs von Ungarns Premierminister Viktor Orbán betrifft auch den Universitätsbetrieb des Landes.
    foto: reuters / stoyan nenov

    Der konservative Kurs von Ungarns Premierminister Viktor Orbán betrifft auch den Universitätsbetrieb des Landes.

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