Hippe Flitzer: Auf E-Boards unterwegs im rechtlichen Graubereich

    21. August 2018, 12:45
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    Immer öfter flitzen Menschen mit stylishen E-Boards durch die Gassen und Straßen der Stadt. Dürfen die das denn? Die Antwort wird der Trend geben

    Im Grunde ist es einfach: Wer fragt, riskiert ein Nein. Und wer nicht fragt, muss erwischt werden. Wenn aber das, was, ohne zu fragen, getan wird, von vielen nachgeahmt wird, ein florierendes Geschäft, Trend oder Lifestylehype ist, stehen die Chancen gut, dass aus Nein irgendwann Jein wird. Oder sich irgendwer irgendwann fragt, ob alte Vorschriften dauerhaft stärker als junge Wirklichkeit sein müssen.

    foto: istock / skuebler
    Erlaubt oder nicht: Für den Gehsteig sind die Skateboards mit Elektromotor jedenfalls zu schnell.

    Und ob es nicht weltfremd ist, zu erwarten, dass sich Heerscharen von Hipstern Skateboards mit Elektromotor kaufen – die Dinger aber nicht in der Stadt benutzen.

    Denn genau das erwartet der Gesetzgeber: Dass E-Boards mittlerweile auch in Österreich Teil des alltäglichen urbanen Mobilitätsbildes sind, spielt bei der rechtlichen Eintaktung keine Rolle, erklärt Nikolaus Authried: "Skateboards gelten als 'fahrzeugähnliches Kinderspielzeug'."

    Derlei zu benutzen sei am Gehsteig nicht direkt verboten, lässt der ÖAMTC-Verkehrsjurist Spielraum erahnen – findet dann aber des Pudels Kern: "Die Geschwindigkeiten von motorisierten Boards sind auf dem Gehsteig aber in jedem Fall unzulässig."

    Um auf die Fahrbahn zu dürfen, fehlt den hippen Flitzern aber ziemlich alles, was die StVO sich wünscht: Lichter, getrennte Bremskreise, Bremslichter oder ein Steuer sind nur einige davon. Auf dem Radweg? "Sogar ein Segway lässt sich eventuell als Fahrrad interpretieren – aber ein Skateboard wird nie zum Fahrrad", erklärt Authried – durchaus mit (persönlichem) Bedauern: "Die legalen Einsatzmöglichkeiten sind extrem überschaubar."

    Bis zu 50 km/h

    Nur sieht die Wirklichkeit anders aus: Waren es Mitte der Nullerjahre lediglich ein paar klobige Bastler- und China-Boards, sind heute in Europa über 100.000 leise, stylishe E-Boards unterwegs. Sie erreichen Geschwindigkeiten und haben Reichweiten, die E-Bikes, Segways und Hoverboards oder E-Scooter alt aussehen lassen: 40 oder 50 km/h (theoretischer) Topspeed sind drin. Mit in jeden Rucksack passenden Wechselakkus und leicht transportierbar sind die Dinger auf dem Weg dorthin, wo sie ihre Hersteller platziert sehen wollen: als ernstzunehmende urbane Verkehrsmittel.

    "Nicht Bike, Roller oder Auto, sondern das Elektroskateboard ist am effektivsten, wenn man Stromverbrauch in Relation zum Gewicht setzt: Man hat ein besseres Gefühl, mit einem Acht-Kilo-Board zur Arbeit zu fahren als mit einem 2.000-Kilo-Auto", referiert Jens Haffke.

    Ganz uneigennützig ist Haffkes Begeisterung nicht: Er leitet von Düsseldorf aus in 14 Ländern Vertrieb und Geschäft der australischen E-Skateboardmarke Evolve. Evolve ist Weltmarktführer im E-Skateboard-Premiumsegment. Denn was Jeff und Fleur Anning 2011 auf den Markt brachten, unterschied sich schon damals grundlegend von jenen Brettern, mit denen Haffke seit 2008 fuhr: "Diese Streetboards wogen 18 Kilo und hatten Bleiakkus." Der Webdesigner war "auf der Suche nach einem umweltfreundlichen Weg zur Arbeit" aufs Board gekommen.

    Unterwegs wurde er dann ständig auf sein Fahrzeug angesprochen. "Da habe ich einen Shop ins Netz geworfen." Die Boards waren von unterschiedlichen Anbietern, sahen aber gleich aus – kamen sie doch aus den gleichen Fabriken in China. Die Qualität war eher mau, also suchte Haffke nach besseren Anbietern und fand 2012 die Annings.

    foto: getty images/istockphoto/mrsixinthemix
    40 oder 50 km/h sind theoretisch als Höchstgeschwindigkeit möglich.

    Stadtgeschichten

    Geschichten, die der von Evolve ähneln, lassen sich auch über andere Marken erzählen: John Ulmen, einer der drei Gründer von Boosted Boards, beschreibt gerne, wie er in Stanford von den Kommilitonen am Campus bestaunt wurde – weil er alle Radfahrer hinter sich ließ. Mit Sanjay Dastoor und Matt Tran launchte er 2012 eine der erfolgreichsten Kickstarter-Kampagnen der USA, als er Boosted Boards gründete.

    Interessant sind nicht nur die Gründungsgeschichten, sondern auch die Communitys, die man anspricht: Natürlich kommen Surfer, Snowboarder und "klassische" Skater vor – aber bei allen Labels steht heute "urban commuting", also das Weiterkommen in der Stadt, im Fokus. Geschichten wie die der Evolve- und Boosted-Köpfe finden sich auf den Community-Seiten von Labels wie Inboard als schicke Videoblogbeiträge: "Wenn wir ins Office oder zu Freunden unterwegs sind, lassen wir die Autoschlüssel zu Hause und cruisen ohne Stress durch den Verkehr."

    Die Zukunft, erklärt auch Andreas Lakkeberg, einer der drei Betreiber des deutschen E-Skater-Blog-Zines "E-Boarder.com", liegt im Mainstream. Bei Normalos zwischen 18 und 45: "Die Boards sind einfach zu fahren. Nach zehn Minuten klappt es bei jedem."

    Neue Verkehrsmittelkategorie in Skandinavien

    Und vielleicht müssen E-Skater bald keine Regeln mehr brechen: In Schweden, Dänemark und Finnland ist eine neue Kategorie an Verkehrsmitteln klassifiziert. Sogenannten PLEVs, (Personal Light Electric Vehicles). Die dürfen, so wie E-Bikes, bis zu 25 km/h schnell sein, müssen aber nicht mehr fahrradartig sein.

    Mehrere Hersteller liefern Boards bereits gedrosselt nach Skandinavien. Evolver Jens Haffe sieht auch für Deutschland – und in der Folge Österreich – "eine neue Fahrzeugklasse" kommen. "Der Gesetzgeber ist seit drei Jahren dran und in den letzten Zügen: Kann sein, dass es in der EU noch 2018 erlaubt wird."

    Lakkeberg rechnet sogar fix damit: "Wenn es in ein paar Monaten legalisiert wird, werden die Zahlen dramatisch steigen." Und Jens Haffe sieht deshalb nicht nur eine für ihn goldene, sondern für alle grüne Zukunft: "Dann geht alles richtig durch die Decke. Das könnte wirklich für saubere Innenstädte sorgen." Noch ist das Zukunftsmusik. Denn noch hört, wer fragt, ob man mit dem E-Skateboard durch die Stadt fahren darf, ein Nein. Nur: Es fragt kaum wer. (Tanja Mumm, RONDO,21.8.2018)


    foto: istock / skuebler

    Evolve Bamboo GTX Street
    Sieben Schichten kanadischer Ahorn und zwei Schichten Bambus: Das ist der Deckaufbau des Straßenboards von Evolve.
    Eine Akkuladung reicht für 50 Kilometer. 1700 Euro
    www.evolveskateboards.de

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    2nd Gen Boosted Dual+ SR
    Mit dem Standardakku erreicht man auf diesem Board bis maximal 35 km/h. Steigungen bis 25 sollte es locker schupfen.
    Reichweite: zwölf Kilometer. 1100 Euro
    www.boostedboards.com

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    MO-Bo Black Line
    Ein Board, das für den Off-Road-Einsatz konzipiert ist. Das serienmäßige ABS gibt Sicherheit beim Bremsen.
    Der Akku hält bis zu 55 Kilometer weit. 1899 Euro
    www.mo-bo.de

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    Yuneec E-Go2
    Das günstige, leichte Einsteigermodell, das in drei Farben erhältlich ist, wird per App oder Bluetoothfernbedienung gesteuert.
    Akkureichweite: 30 Kilometer. 299 Euro
    www.yuneec.com

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