Twitter will Verschwörungstheoretiker nicht sperren

    12. August 2018, 15:38
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    Im Netz wird diskutiert, inwiefern freie Meinungsäußerung erlaubt sein darf

    San Francisco – Das Pentagon habe Chemikalien, genannt die "Schwulenbombe", in das US-Wasserversorgungssystem entweichen lassen, sodass nun sogar die "verdammten Frösche schwul sind". Millionen illegale Migranten hätten an der US-Präsidentschaftswahl 2016 teilgenommen. Und ein Amoklauf in einer Volksschule in Connecticut im Jahr 2012, bei dem 28 Menschen, darunter 20 Kinder, starben, sei eigentlich nur vorgespielt gewesen. Die Opfer seien angeblich Kinderschauspieler, die Intention dahinter sei, das US-Waffenrecht einzuschränken: Es sind Verschwörungstheorien wie diese, die den Radiomoderator Alex Jones und seine Sendung Infowars im Netz berüchtigt machten.

    Gewaltverherrlichend

    Vor allem in der US-amerikanischen Alt-Right-Szene konnte er sich über die Jahre als eine Ikone etablieren, die ihre Fans regelmäßig mit Videos, Texten und Radiosendungen versorgte. Nun drehten ihm die meisten seiner bevorzugten Distributionskanäle, Youtube, Facebook, Spotify, iTunes und sogar Pornoseiten, den Hahn ab. Jones’ Inhalte seien, so die Begründung, gewaltverherrlichend und menschenverachtend.

    Nur ein großes Unternehmen aus dem Silicon Valley, Twitter, enthielt sich – und löste dadurch eine Debatte über den Umgang sozialer Plattformen mit Hass aus. Anhänger von Jones sehen in dem Vorgehen der sozialen Medien eine Beschneidung der freien Meinungsäußerung. Jones selbst sieht sich als unrechtmäßig zensiert, später behauptete er, die chinesische Regierung und "Obamas Deep State" seien für das Verhalten der Firmen verantwortlich.

    Kein Verstoß laut Twitter

    Twitter-Chef Jack Dorsey begründete die Entscheidung damit, dass das Unternehmen keinen direkten Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen erkannt habe – somit wolle man nicht auf eine Weise handeln, durch die auf lange Sicht nur weitere Verschwörungstheorien bestärkt würden. Dies hat für enorme Mengen an Kritik gesorgt – das Unternehmen sei ein privates und entscheide somit selbst, wen es sperre und wen nicht, so etwa Kara Swisher, Kolumnistin der New York Times. Wichtig für Twitter seien Werte.

    Ebenfalls kritisiert wird die Aussage eines Managers des Unternehmens, dass Jones wohl gesperrt werden würde, wenn er auf Twitter denselben Content hochladen würde wie auf anderen sozialen Medien. Einer Recherche von CNN zufolge sei das mehrfach der Fall gewesen, etwa bei der Verschwörungstheorie um den Amoklauf bei einer Volksschule.

    Zudem sollen trotz des Statements von Dorsey einige Tweets von Jones kurz darauf plötzlich verschwunden sein.

    Abwanderung zu Gab

    In der Vergangenheit hat das Vorgehen großer IT-Konzerne ge gen rechtsextreme Gruppierungen dazu geführt, dass diese sich anderswo im Netz verbreitet haben, beispielsweise auf der Twitter-ähnlichen Plattform Gab, die sich selbst als "zensurfrei" betrachtet. Erst kürzlich drohte Microsoft Gab, sie zu sperren, da sie über die Clouddienste des Unternehmens betrieben wird. Microsoft verwies auf antisemitische Postings, die den Holocaust verleugneten und zu Gewalt gegen Juden aufriefen. Gab löschte sie daraufhin. (Muzayen Al-Youssef, 12.8.2018)

    • Twitter-Chef Jack Dorsey findet, dass eine Sperre zwar kurzfristig Nutzer erfreuen würde, auf Dauer aber nur schädlich ist.
      foto: apa/afp/justin tallis

      Twitter-Chef Jack Dorsey findet, dass eine Sperre zwar kurzfristig Nutzer erfreuen würde, auf Dauer aber nur schädlich ist.

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