Warum es asozial ist, seine Kinder nicht impfen zu lassen

    Userkommentar13. August 2018, 13:17
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    Impfskepsis ist ein anhaltender Trend besonders unter Eltern aus gebildeten Schichten. Doch es ist an der Zeit, das kritische Hinterfragen zu hinterfragen. Ein Beitrag aus Elternsicht zur Impfdebatte

    Wer sich der gängigen Impfpraxis entgegenstellt, wird neuerdings für gut informiert gehalten. Das Nichtimpfen von Kindern gewinnt in entwickelten Ländern an Zulauf, groteskerweise besonders in gebildeten Schichten. Sich diesem Trend zu widersetzen gilt in immer mehr Elternkreisen als unreflektiert und verpönt.

    Von "Impfhindernissen" ist in Expertenpapieren die Rede, und es wird über die Impfmüdigkeit der Österreicherinnen und Österreicher geklagt. Allen, die sich oder ihre Kinder impfen lassen können, es aber nicht wollen, sei gesagt: Ihr seid asozial.

    Herdenschutz schützt

    Nicht die vermeintlich informierte Entscheidung für die Nichtimpfung schützt vor Krankheiten, sondern der Herdenschutz derer, die das Risiko eines Impfnachteils zum Wohle der Gesellschaft in Kauf nehmen. Wer nicht impft, gefährdet alle, die nicht geimpft werden können: Neugeborene, Schwangere, Kranke und Ältere, also die Immunschwächsten unserer Gemeinschaft.

    Ich kenne das, habe es selbst erlebt. Den Arzt, der fast ungefragt das Erstgeborene impft. Die darauffolgende Entscheidung, das nächste Kind nicht so unbedacht rasch immunisieren zu lassen. Den Impfschlendrian, der auf das dritte Kind folgt, und den Gedanken, der damit einhergeht, später zu impfen schütze das geliebte Kind. So schlüpfte das vierte Kind und alle waren mehr oder weniger aufgrund eines Arztwechsels vollständig laut österreichischem Impfplan geschützt. Der Zweifel blieb, was ist das Beste für mein Kind?

    Liebesbeweis Immunisierung

    Dann kam die Chemotherapie des Kindervaters auf uns zu, und alles ist anders. Neu ist das Bewusstsein, dass das Immunsystem eines mit Zytostatika behandelten Patienten auf null gesetzt wird. Quasi neu gestartet werden muss, wenn man so will. Alle seine bisherigen Impfungen sind wertlos. Von gesellschaftlicher Teilnahme wird abgeraten und Verhaltensanpassung, etwa Menschenmengen meiden, empfohlen. Neu ist, bei jeder öffentlichen Lüftungsanlage zu bangen, ob die anscheinende Frischluft nicht lebensbedrohliche Keime in Richtung des Immungeschwächten katapultiert. Neu ist, das rotgetupfte fremde Kind in der Schlange mit dem Partner groß zu umrunden und lieber anderen den Vortritt zu gewähren, aus Sorge vor der Ansteckungsgefahr. Und schließlich die Erkenntnis, dass der größte Liebesbeweis für den kranken Mann die eigene vollständige Immunisierung ist.

    Gesagt, getan. Eine Excel-Datei soll Übersicht über den aktuellen Impfstatus aller Familienmitglieder schaffen. Vier Stunden hat das Übertragen und Prüfen der Termine von fünf Impfpässen, das Recherchieren der Impfstoffnamen und der Vergleich mit dem Impfplan gedauert. Nicht einfach. Niederschwellig ist anders. Wir haben ein SMS-Service zur Erinnerung an die monatliche Müllabfuhr auf dem Land. Wenn uns Big Brother schon beobachtet, warum gibt es dann noch keine automatisierte Impferinnerung?

    Kritisches Hinterfragen hinterfragen

    Bereits drei Menschen mussten 2018 in Österreich an größtenteils verhinderbarer FSME sterben. 95 erkrankten 2017 infolge der Impfskepsis an Masern, mehr als 1.400 an Keuchhusten. Beides infektionsauslösende Erreger, die für den immungeschwächten Wirt lebensbedrohlich sein können. Ich plädiere nicht für ein unkontrolliertes Vertrauen in die Impfstoffproduzenten. Denen, die ihren Profit damit maximieren, dass gesellschaftliche Verantwortung wahrgenommen wird, muss unabhängig und achtsam, behördlich und wissenschaftlich auf die Finger geschaut werden. Aber ein kritisches Hinterfragen des eigenen kritischen Hinterfragens ist an der Zeit.

    Rücksicht statt Pflicht

    Das verpflichtende Impfgespräch im Mutter-Kind-Pass ist ein gesundheitspolitisch fast wertloser Verbesserungsvorschlag für diese unbefriedigende Situation. Wiewohl der Ansatz richtig ist, die Tragweite eines aufrechten Impfschutzes zu unterstreichen, werden impfabgeneigte Eltern sich an alternativ handelndes ärztliches Fachpersonal ihres Vertrauens wenden, das ihnen schlimmstenfalls von Impfungen abraten oder diese hinauszögern kann.

    Eine Impfpflicht kann in einer liberalen Demokratie keine Lösung sein. Aber ein rücksichtsvolleres Miteinander aller, um die unnötige Gefährdung gesellschaftlich Schwächerer zu umgehen. Man soll leben und leben lassen, aber eben nicht auf Kosten anderer. (Cecilia Thurner, 13.8.2018)

    Cecilia Thurner ist Gemeinderätin in Niederösterreich und Mutter von vier Kindern.

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    • Impfen sollte nicht zur Pflicht werden, aber es gehört zu einem rücksichtsvollen Umgang innerhalb einer Gesellschaft.
      foto: reuters/andres stapff

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