"We Happy Few" im Test: Schnitzeljagd im sehr britischen Dystopia

    11. August 2018, 11:00
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    Das an "Bioshock" erinnernde Game macht erzählerisch vieles richtig, spielerisch jedoch einiges falsch

    Es ist nicht gerade der schönste Verlauf der jüngeren Weltgeschichte, den sich die Macher von We Happy Few (PC, Xbox One, PS4) ausgedacht haben. Deutschland hat im Zweiten Weltkrieg Großbritannien erobert. Ein Experiment mit chemischen Kampfstoffen der Besetzer geht schief. Um zu überleben, greifen die Bewohner der Stadt Wellington Wells zu drastischen Maßnahmen. Diese lösen zwar das Problem, ihre Taten belasten die Bürger jedoch so sehr, dass sie bald damit beginnen, sich mit einer Droge namens "Joy" zu einer fröhlichen Wahrnehmung zu verhelfen. Die kaschiert praktischerweise auch andere Probleme, etwa die grassierende Nahrungsmittelknappheit.

    Jeder, der sich der Einnahme widersetzt, wird entweder zwangsweise damit gefüttert, erschlagen oder ausgestoßen. Auch andere Formen von Nonkonformität werden entsprechend sanktioniert. In diesem Setting, einem Mix an Dystopien wie Orwells "1984", schickt das Studio Compulsion Games den Spieler auf Abenteuer im Jahr 1964.

    compulsion games
    Der Story-Trailer zum Spiel.

    Anpassung ist fast alles

    Drei Charaktere sind mit der Zeit spielbar, den Anfang macht man mit Arthur. Er arbeitet als Zensor bei den Behörden, die damit beschäftigt sind, aktuelle Nachrichten zu filtern und die Geschichte zu beschönigen. Geplagt wird Arthur von Albträumen über seinen Bruder und dessen Verfrachtung nach Deutschland. Gedanken, die er nicht länger verdrängen will. Sein Joy-Entzug fällt auf und er wird fortan zum Gejagten, der aus der Stadt entkommen muss.

    Es gilt, Unterschlupf in alten U-Bahn-Stationen zu finden, die gleichzeitig auch Schnellreisepunkte darstellen. Man erforscht verschiedene, durch Brücken verbundene Stadtbezirke und Inseln. Von den Ausgestoßenen im Garden District geht es über das noblere Maidenholm bis in den Parade District, wo die Brücke auf das Festland als Ausweg winkt. Gespielt wird in der Egoperspektive.

    Überall gelten Konformitätsregeln, die stets strenger werden. Reicht es zu Beginn, einfach nur passende Kleidung zu tragen und die Ausgangssperre in der Nacht zu beachten, folgen später Automaten und Checkpoints, bei denen man auf den erwünschten "Joy"-Einfluss überprüft wird sowie immer gefährlichere, retrofuturistische Kampfmaschinen.

    Wer sich als "Downer" entpuppt, sollte die Beine in die Hand nehmen. Oder eben eine Pille einwerfen – Spender finden sich in den nobleren Bezirken zuhauf. Aber auch Joy hat Konsequenzen. Nach einer gewissen Zeit verstreicht der Effekt, der die Welt mit bunten Farben und heiterer Musik füllt. Wer nicht rechtzeitig "nachfüllt", erlebt einen temporären Crash, der die eigene Handlungsfähigkeit beeinträchtigt. Zudem bemerken Außenstehende den Entzug und reagieren erbost.

    Erzählerisch stark

    Im Laufe der Handlung infiltriert man einen Militärstützpunkt, schleicht sich in eine Party ein oder hilft einer leicht durchgeknallten Professorin. In Rückblenden setzt sich die Vorgeschichte von Arthur und das Schicksal seines Bruders Percy immer weiter zusammen und man lernt mehr über die Geschichte der Stadt und ihr Abgleiten in die Diktatur der verordneten Glückseligkeit und Konformität. Neben Dialogen und Zwischensequenzen gibt es hierfür diverse lesbare Fundstücke.

    Und als würde die Inszenierung des Alltags nicht schon reichen, werden die Auswüchse des gesellschaftlichen Zustands gelegentlich auch brachial inszeniert – etwa mit einer Quizshow, in der man Fragen zum Verhalten als gut angepasster Bürger beantworten muss. We Happy Few weiß seine Geschichte zu erzählen, wenn es die Gelegenheit dazu hat.

    Schon seit dem einstigen Launch des Spieles auf der Crowdfundingplattform Kickstarter wurde es mit Bioshock verglichen. Tatsächlich gibt es einige Parallelen in erzählerischer und auch grafischer Hinsicht. Auch in We Happy Few finden sich viele Einflüsse des Art Deco und Elemente aus dem Steampunk. Dazu glänzt das Game mit klassisch-britischer Architektur und "very britischer" sprachlicher Vertonung. Brilliant gesprochen ist auch Arthur selber, dessen Stimme und Redestil frappant an den bekannten Talkshow-Host John Oliver erinnert.

    Open-World-Survival-RPG-Roguelike

    Was das Game in vielen Bereichen richtig macht, haben die Entwickler leider bei anderen Aspekten verkorkst. Wo Bioshock etwa davon profitiert, im Kern ein recht geradliniger Shooter zu sein, wurde We Happy Few als eine Art simplifiziertes Rollenspiel mit Roguelike- und Survival-Elementen konzipiert. Die einzelnen Inseln werden für jeden Durchlauf neu generiert. Der Schwierigkeitsgrad ist individuell anpassbar. Hunger und Durst nicht zu befrieden kann gravierende oder gar keine Konsequenzen haben, Gegner können mehr oder weniger gefährlich sein. Wer will, kann auch mit Permadeath spielen, muss also schon beim erstmaligen Ableben wieder ganz vorne beginnen.

    Dazu kommt Crafting. Man kann sich Kleidung, Medizin und angenehm ausgefallene Waffen aus zusammengesammelten "Zutaten" basteln. Je nachdem, was man herstellen will, kann man dies jederzeit tun oder muss sich eines mechanischen oder chemischen Basteltisches bedienen. Diese finden sich in den U-Bahn-Stationen und einzelnen anderen Orten in der Spielwelt.

    Zu viel Routine

    Was gut gemeint ist, beschert dem Spiel mehr Komplexität und Fehlerpotenzial, als es verträgt. Wer etwa eine Quest nicht zu Ende führen kann, weil eine Haarklammer zur Herstellung eines Dietrichs fehlt oder man den gerade benötigten Gegenstand mangels Baustation nicht herstellen kann, darf die nächsten Minuten damit verbringen, Mistkübel abzusuchen oder zur nächstgelegenen U-Bahn-Station zurück zu laufen. Pflanzen, die man für die Produktion von heilendem Balsam braucht, wachsen nur in einem Bezirk in größerer Dichte. Es bleibt also nichts anderes übrig, als zwischendurch langweilige Sammelausflüge dorthin zu unternehmen.

    Wäre We Happy Few von Haus aus als Überlebenssimulation á la "Don‘t Starve" oder "Rust" konzipiert, wäre solches zu erwarten. Die Idee eine storylastigen Games wird hier aber dadurch ordentlich verwässert.

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    "The ABC of Happiness"

    Technische Defizite

    Die Welt ist zudem nicht so "offen", wie sie tut. Zwar kann man – nur eingeschränkt von den zu überwindenden Brücken – überall hinlaufen. Jedoch ist es längst nicht überall interessant. Die Landschaft mag schön sein, auf den Wegen zu abgelegeneren Questzielen tut sich jedoch selten etwas. Abseits von Questorten lassen sich nur sehr wenige Gebäude überhaupt betreten. Hinzu kommt, dass die Interaktion mit allen Computercharakteren, die nicht für eine Mission relevant sind, sinnbefreit ist. Auf die verpflichtend schönen Grüße folgt eine belanglose Antwort.

    Schwächen hat das Game auch in technischer Hinsicht. Dass die Grafik nicht ganz am neuesten Stand ist, kann man dem Spiel aufgrund der liebevollen Gestaltung der Umgebungen absolut verzeihen. Auch akustisch ist We Happy Few, wie erwähnt, stark.

    Deutliche Schwächen finden sich aber bei den Animationen, die teilweise recht hölzern wirken und oft abgehackte Übergänge haben. Die künstliche Intelligenz der vielfach recycleten Gegner entspricht sehr alten Shootern. Das grundsätzliche Angriffsmuster ist nachlaufen und draufhauen, es gibt kein Umkreisen oder intelligentes Absuchen der Umgebung, wenn man etwa ums Eck biegt und sich in einen Busch setzt. Schleicheinlagen werden dadurch teilweise viel zu einfach. Widersacher können zwar Türen öffnen und durch Fenster steigen, scheitern aber an Zäunen und ähnlichen Hindernissen. Die Gefahr kommt dementsprechend aus der Masse an Bürgern und Polizisten, die dem unangepassten Protagonisten ans Leder wollen.

    Fazit

    Was bei We Happy Few bleibt, ist ein Spiel mit originellem Szenario und gelungener, very britischer Inszenierung. Die Geschichte wird gut erzählt und der Spieler gelegentlich vor unterschiedliche Entscheidungen gestellt, die sich später auswirken. In diese Welt so gut einzutauchen, so wie einst in die submarinen Kapitalismus-Ruinen von Bioshock, mag aber nur selten gelingen. Zu sehr lenkt das Game mit Mikromanagement und unnötiger Komplexität ab, die einem selbst in der leichtestmöglichen Schwierigkeitseinstellung noch allerlei Routinetätigkeiten abverlangen.

    Wer ohnehin ein Faible für Survivalgames hat und diese auf sich nehmen mag, wird sich in Wellington Wells auf jeden Fall wohlfühlen. Alle anderen sollten sich die erste Stunde des Spiels in Youtube-Playthroughs zu Gemüte führen und danach entscheiden, ob sie diesen Genrespagat wagen wollen. (Georg Pichler, 10.08.2018)

    Hinweis im Sinne der Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller bereitgestellt.

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    We Happy Few

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