"Da ist man dann ein Trottel"

    Interview11. August 2018, 09:00
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    Gregor Högler, Coach des EM-Dritten Lukas Weißhaidinger, fordert ein Umdenken im heimischen Sommersport. Anreize sollten größer sein, Erfolge prämiert werden

    STANDARD: Wer hat das Zeug zum Leichtathletiksuperstar? Die Frage, die sich seit Usain Bolts Rücktritt stellt, dominiert auch die EM in Berlin. Die Deutschen, deren diskuswerfendes Sprachrohr Robert Harding aufhört, sind auch auf der Suche. Aber braucht die Leichtathletik überhaupt Stars?

    Högler: Natürlich brauchen wir Stars. Wir brauchen Vorbilder, wir brauchen Helden.

    STANDARD: Wieso brauchen wir Helden?

    Högler: Als ich als Kind zu lesen begonnen hab, haben mir bald einmal der Superman und der Batman getaugt. Es ist gut, jemanden zu haben, zu dem man aufschauen kann. Was wir im Sport nicht brauchen, ist die Etablierung der Mittelmäßigkeit.

    STANDARD: Dabeisein ist demnach nicht alles?

    Högler: Spitzensportlich gesehen ist der Slogan nicht okay. Dabeisein ist nur der erste Schritt. Aber wer nur dabeisein will, wird keine Sieger kreieren und keine Helden kreieren.

    STANDARD: Ist es möglich, in einem Land wie Österreich, in dem das Interesse für olympischen Sommersport generell gering ist, Stars oder gar Helden in der Leichtathletik auszubilden?

    Högler: Wir arbeiten daran. Wir haben jetzt schon zwei, die wirklich erfolgreich sind, und die würden sich auch gut verkaufen lassen. Lukas Weißhaidinger und Ivona Dadic, die sind beide wirklich herzeigbar.

    STANDARD: Reicht es, eine EM-Medaille im Diskuswurf zu holen, um ein Held zu sein?

    Högler: Zunächst einmal ist diese Medaille eine grandiose Leistung. Man muss sehen, dass die ersten vier der Olympischen Spiele 2016 hier bei der EM schon in der Quali gescheitert sind. Das zeigt, wie hoch die Dichte und wie viel in Bewegung ist. Aber einen echten Helden, das stimmt schon, macht nicht nur der Erfolg aus.

    STANDARD: Sondern?

    Högler: Ein Held muss eine gewisse Zeit lang an der Spitze sein. Er muss Ausstrahlung und eine soziale Kompetenz haben, sich engagieren, bestimmte Werte vermitteln. Er muss Rückschläge verkraften, darf nicht aufgeben. Er muss eine gute Geschichte erzählen, nur dann wird er auch von vielen als Held erkannt.

    STANDARD: Was kann die Geschichte von Dadic, was die Geschichte von Weißhaidinger sein?

    Högler: Beide stehen am Anfang, beide beginnen erst, ihre Geschichte zu erzählen. Vieles wird sich ergeben. Ivy und Luky sind extrem interessante Menschen. Sie werden eine Sportart salonfähig machen, für die sich jetzt vielleicht nicht viele interessieren. Aber das kann schnell gehen. Die Leichtathletik als zentrale Grundsportart vereint alles, Schnelligkeit, Kraft und Ausdauer.

    STANDARD: In Österreich kann man im Fußball, im Skisport, im Tennis und im Golf reich werden, in anderen Sportarten nicht. Sie sprechen das immer wieder an. Was schwebt Ihnen vor?

    Högler: Ich reg mich nicht darüber auf, was man in anderen Sportarten verdienen kann. Ich weiß, dass man als Leichtathlet kaum reich wird. Aber ich weiß auch, dass andere Staaten für Medaillen wirklich ordentliche Prämien ausloben. In einigen Ländern, etwa in Ungarn, gibt es für Olympiamedaillen sogar eine Pension. Ein paar Hundert Euro ab dem 35. oder 40. Geburtstag, keine schlechte Idee. Würde es in Österreich diesen Anreiz geben, würden wir nicht eine, sondern fünf Olympiamedaillen holen. Es heißt oft, wir wollen Medaillen. Ich sage, okay, dann tun wir etwas dafür. Man schnippt nicht mit den Fingern, und die Medaille ist da.

    STANDARD: Stimmt es, dass Spitzensportler, die beim Bundesheer angestellt sind, weniger von der Sporthilfe bekommen?

    Högler: Das stimmt.

    STANDARD: Von welcher Größenordnung reden wir?

    Högler: Jemand, der als Heeressportler 14-mal im Jahr 1100 bis 1200 Euro erhält, kriegt von der Sporthilfe 600 statt 800 Euro.

    STANDARD: Wieso?

    Högler: Das müsste man die Sporthilfe fragen. Insgesamt sollte man als Spitzensportlerin und Spitzensportler an mehr denken dürfen. Ich finde, man sollte den Besten mehr geben. Es braucht einen Anreiz, es braucht etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Studentinnen oder Studenten, die nebenbei Spitzensport betreiben, sind unter Medaillengewinnern die absolute Ausnahme.

    STANDARD: Ein Held, der nichts verdient, ist also kein Held?

    Högler: Mich beeindruckt das sehr, wenn sich einer für nichts reinhaut. Ich habe das selbst jahrelang getan. Es gibt ein bestimmtes Zeitfenster, da ist das charmant. Aber Freude als alleinige Bezahlung ist nicht ewig okay. Es gibt einen gewissen Zeitpunkt, da ist man dann ein Trottel oder wird so wahrgenommen, wenn man sich reinhaut und nichts verdient. Ivy und Luky arbeiten monatelang dafür, dass sie je zwei Tage präsent sind.

    STANDARD: Haben Sie die Hoffnung, dass sich am Status quo etwas ändern kann?

    Högler: "Gregor, red nicht so viel, hol zuerst einmal eine Medaille." Das hab ich jahrelang gehört. Jetzt ist die Medaille da, jetzt können wir reden. Ich habe auch das Gefühl, im Sportministerium gibt es den Willen zu reden, zuzuhören und zu verändern.

    STANDARD: Apropos Veränderung. Die Leichtathletik soll moderner, jünger werden, Eventcharakter bekommen. Was sagen Sie dazu?

    Högler: Ich habe nichts dagegen, Abläufe attraktiver zu gestalten. Aber sich neue Bewerbe zu überlegen, in denen vielleicht mit Medizinbällen geworfen wird? Ich weiß nicht. Die Leichtathletik muss sich nicht zum Clown machen. Die Leichtathletik hat etwas Archaisches, das muss man nicht unbedingt zerstören. (Fritz Neumann, 10.8.2018)

    Gregor Högler (46) aus Wien war im Speerwurf WM-Zehnter '97, EM-Zehnter '98, Olympiateilnehmer 2000, 14-mal Meister, ist Rekordler (84,03 m). Studierte Maschinenbau. Betreute Gerhard Mayer (WM-Achter 2009) und betreut Lukas Weißhaidinger, den Diskus-Olympiasechsten und EM-Dritten. Seit 2016 ÖLV-Sportdirektor.

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      foto: apa/herbert neubauer

      "Mich beeindruckt das, wenn sich einer für nichts reinhaut. Aber Freude als alleinige Bezahlung ist nicht ewig okay."

    • Lukas Weißhaidinger nach seiner Bronze-Medaille.
      foto: apa/afp/tobias schwarz

      Lukas Weißhaidinger nach seiner Bronze-Medaille.

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