Ein Jahr nach Charlottesville: Trump hat nichts gelernt

Kommentar12. August 2018, 08:00
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Kein anderer US-Präsident ging in den letzten Jahrzehnten so stark auf Tuchfühlung mit dem rechten Rand der US-Gesellschaft wie Donald Trump

Es war zwanzig Minuten vor zwei Uhr an diesem 12. August vor einem Jahr, als Heather Heyer – 32 Jahre, Anwaltsgehilfin, weiß – leblos auf der Fourth Street von Charlottesville liegen bleibt, überfahren von einem Neonazi. Der Tod der Demonstrantin hätte ein Wendepunkt sein können, eine Warnung, ein Hinweis darauf, wohin Hetze und Polarisierung führen. Bloß: Von Erkenntnis findet sich ein Jahr danach keine Spur. Jedenfalls nicht bei Donald Trump, der schon am Tag nach dem rechten Gewaltexzess "beide Seiten" für Heyers Tod und die Ausschreitungen verantwortlich machte.

Für die neurechte Alt-Right-Bewegung ist der Präsident nicht erst seither ein Idol, dem man auch während der Ausschreitungen in Charlottesville in puncto Bekleidung – Khakihose, weißes Poloshirt, rote Kappe – fleißig nacheifert. Kein anderer US-Präsident ging in den letzten Jahrzehnten schließlich so stark auf Tuchfühlung mit dem rechten Rand der US-Gesellschaft wie Trump. Die Bürgerrechtsbewegung Southern Poverty Law Center macht zum Jahrestag der Ereignisse von Charlottesville Trump denn auch höchstselbst für die Hausse der rassistischen Umtriebe im "Land der Freien" verantwortlich: "Das ist Donald Trumps Amerika. Das sind die Kräfte, die er entfesselt hat."

Was wie eine Übertreibung anmutet, erweist sich bei näherer Betrachtung als durchaus realistische Analyse. Tatsächlich gehören Rassismus und Vorurteile beim Führer der freien Welt zum Standardprogramm, etwa wenn er gegen Footballspieler polemisiert, die beim Abspielen der Hymne aus Protest gegen Rassismus auf die Knie gehen. Oder wenn er in seinen Tweets die Intelligenz schwarzer Prominenter anzweifelt – zuletzt jene von Basketballstar LeBron James und CNN-Moderator Don Lemon.

Ressentiment gegen Nichtweiße

Und auch wenn der Präsident von "shithole countries" spricht und damit die Herkunftsländer afrikanischer Einwanderer meint, fühlt sich ein Teil seiner Kernwählerschaft in ihrem Ressentiment gegen Nichtweiße bestätigt. In den sozialen Medien werden die Folgen dieser Niedertracht manifest. Tag für Tag werden Videos gepostet, in denen Afroamerikaner, Asiaten und Latinos rassistisch beschimpft werden. Wozu Hemmungen und Zurückhaltung, wenn der Präsident selbst so spricht?

Und die Welle des Trumpismus ist längst auch über Europa gerollt. "Make America Great Again", der Slogan der Trump-Kampagne 2016, findet sich auf den Memorabilien geschäftstüchtiger Rechtsextremisten auch in Europa wieder – nur eben mit "Flandern" oder "Frankreich" statt Amerika. Dass Trumps ehemaliger Ideologe Steve Bannon nun durch Europas Metropolen tingelt und dort krude Thesen vom Erwachen der Völker zum Besten gibt, macht den globalen Anspruch von Trumps Ethno-Chauvinismus ruchbar. Jeder Kritik daran wird so schnell mit der Fake-News-Keule der Garaus gemacht, dass man sich wundert, was alles geht. So scheint es, ein Jahr danach, als sei Heather Heyer umsonst gestorben. (Florian Niederndorfer, 12.8.2018)

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  • Artikelbild
    foto: apa/afp/brendan smialowski
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