Bangkok: Militärs vertrieben Straßenhändler von Backpacker-Straße

10. August 2018, 14:50
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Die thailändische Regierung will Khao San Road von Ständen freihalten. Hinter den Kulissen wird nach einem Kompromiss gesucht.

Bangkok – Bangkoks Khao San Road ist die bekannteste Backpacker-Straße der Welt. Grell sind die 400 Meter Straße in der Nähe des alten Königspalast, arg touristisch und an manchen Ecken auch richtig kriminell. Aber was jetzt mit ihr passiert, hat die Thanon Khao San ("Straße des geschliffenen Reises"), auch nicht verdient.

Mit einer großen Säuberungsaktion hat die Bangkok Metropolitan Administration (BMA) vergangene Woche alle mehr als 200 Straßenhändler von der Khao San vertrieben. Ziel ist, die Straße künftig komplett von den Ständen frei zu halten, wo es bisher von goldenen Buddhas über gefälschte Sonnenbrillen bis Thai-Food so gut wie alles gab. Noch ist nicht sicher, wie das ausgehen wird. Jedenfalls regt sich unerwartet viel Protest.

Weg mit dem Chaos

Das Ganze gehört zu einem Mega-Plan von Thailands aktueller Militärregierung, die Hauptstadt moderner und sauberer zu machen. Wenn es nach dem Willen der Generäle geht, die nach ihrem jüngsten Putsch jetzt auch schon wieder mehr als vier Jahre an der Macht sind, soll die Zwölf-Millionen-Metropole eine Art zweites Singapur werden, modern, steril, durchreglementiert. Auf jeden Fall: weg mit dem Chaos, das für Bangkok so typisch ist.

Letztes Jahr hatte die BMA schon damit begonnen, Bangkoks legendäre Straßenküchen zu verjagen, was im Rest der Welt keineswegs gute Schlagzeilen brachte. Inzwischen haben sich die Köchinnen und Köche einige Meter zurückerobert, aber so wie früher ist es längst nicht mehr. Vor ein paar Monaten wurde dann eines von Bangkoks ältesten Vierteln plattgemacht, Fort Mahakan.

Berühmteste Backpacker-Straße der Welt

Und jetzt also die Khao San, die in den 1980er- und 1990er-Jahren zur berühmtesten Backpacker-Straße der Welt wurde. Oder auch: "Rucksackland", wie der Brite Alex Garland die Straße 1996 in seinem Bestseller "The Beach" nannte, der Bibel aller Südostasien-Backpacker, von Hollywood dann auch verfilmt.

Zitat: "Beinahe alle Gebäude waren zu Pensionen umgebaut. Es gab klimatisierte Telefonzellen für Auslandsgespräche. In den Cafes zeigten sie brandneue Hollywood-Filme auf Video, und man konnte keine fünf Schritte tun, ohne an einem Stand mit Raubkopie-Kassetten vorbeizukommen."

Wechselstuben und Tattoo-Studios

Damals war das die Straße, wo jeder Rucksack-Urlauber aus den USA, Europa oder sonst woher hinmusste, bevor es weiter ging, meist auf irgendeine Insel. Das Zimmer kostete selten mehr als zehn Deutsche Mark. Man konnte sich die Post von zuhause nachschicken lassen, tauschte allerlei Tipps und fand neue Partner für unterwegs. Heute ist fast alles davon weg: die superbilligen Unterkünfte, die Telefonzellen, die Video-Kassetten und die D-Mark auch.

Dafür breiteten sich in den vergangenen Jahren immer mehr Maßschneidereien, Wechselstuben und Tattoo-Studios aus. Auch McDonalds gibt es längst. Und von früh bis spät wird jetzt auf der Straße gehandelt: immer noch Schnitzereien von irgendwelchen Bergvölkern, aber auch viel "Made in China". Ohne Mühe bekommt man hier gefälschte Ausweise. Das Risiko, von einem Taxifahrer übelst betrogen zu werden, ist nirgendwo größer.

Widerstand angekündigt

So war das jedenfalls bis zum 1. August. Seit der neuen Verordnung gegen die Händler ist die Straße tagsüber gähnend leer. Wo bisher Stände waren, warten jetzt Tuk-Tuk-Fahrer gelangweilt auf die nächsten Kunden. Die Polizisten vom Revier am oberen Ende der Khao San fahren die 400 Meter mit ihren Motorrädern regelmäßig auf und ab. Wenn sie doch noch einen der Händler erwischen, kostet das 2.000 Baht (etwa 52 Euro). Hier ist das sehr viel Geld.

Die Straßenhändler wollen sich das allerdings nicht gefallen lassen. Mehrere Dutzend haben angekündigt, Widerstand zu leisten, was hierzulande eher untypisch ist. Wortführerin Yada Pornpetrumpa sagt: "Wir haben mit dafür gesorgt, dass diese Straße über 30 Jahre hinweg zu einem von Bangkoks Markenzeichen geworden ist. Und jetzt hört uns nicht einmal jemand zu." Andere drohen damit, dass es "krachen" werde. Bangkoks Vize-Gouverneur Sakoltee Phattiyakul bekräftigte trotzdem, dass die neuen Regeln "strikt umgesetzt" würden.

Plötzliche Stille

Hinter den Kulissen wird nun nach einer Lösung gesucht, die beide Seiten zufriedenstellt. Vorübergehend sollen auf der Khao San zwischen 18 Uhr und 24 Uhr wieder Stände aufgestellt werden dürfen, allerdings nur an genau bezeichneten Stellen. Zufrieden sind die Händler damit nicht. Eine der Verkäuferinnen sagt: "Wir wollen kein Nachtmarkt sein. Wenn das so bleibt, ist die Straße tot. Ich mache nicht einmal mehr die Hälfte meines Umsatzes."

Auch vielen Touristen gefällt die plötzliche Stille nicht. Der 36-jährige Andreas Klöthe aus Köln, der zum ersten Mal hier ist, sagt: "Wenn die meinen, dass Urlauber so was mögen, dann täuschen sie sich." So sieht das auch der Südafrikaner Claude (82), der die Khao San schon Anfang der 1990er erlebt hat: "Das ist jetzt schon nicht mehr so schön, wie es einmal war. Aber wenn auch noch die Straßenstände weg sind, fehlt, was Bangkok ausmacht und das Leben auch: dieses wunderbare Chaos." (APA, dpa, Christoph Sator 10.8.2018)

  • Wenn es nach dem Willen der Generäle geht, die nach ihrem jüngsten Putsch jetzt auch schon wieder mehr als vier Jahre an der Macht sind, soll die Zwölf-Millionen-Metropole eine Art zweites Singapur werden, modern, steril, durchreglementiert.
    foto: reuters/erik de castro

    Wenn es nach dem Willen der Generäle geht, die nach ihrem jüngsten Putsch jetzt auch schon wieder mehr als vier Jahre an der Macht sind, soll die Zwölf-Millionen-Metropole eine Art zweites Singapur werden, modern, steril, durchreglementiert.

  • Auf jeden Fall: weg mit dem Chaos, das für Bangkok so typisch ist.
    foto: reuters/erik de castro

    Auf jeden Fall: weg mit dem Chaos, das für Bangkok so typisch ist.

  • Von früh bis spät wurde bis vor kurzem auf der Straße gehandelt: immer noch Schnitzereien von irgendwelchen Bergvölkern, aber auch viel "Made in China".
    foto: reuters/nir elias

    Von früh bis spät wurde bis vor kurzem auf der Straße gehandelt: immer noch Schnitzereien von irgendwelchen Bergvölkern, aber auch viel "Made in China".

  • Das Risiko, von einem Taxifahrer übelst betrogen zu werden, ist nirgendwo größer.
    foto: reuters/chaiwat subprasom

    Das Risiko, von einem Taxifahrer übelst betrogen zu werden, ist nirgendwo größer.

  • Die Straßenhändler wollen sich das allerdings nicht gefallen lassen. Mehrere Dutzend haben angekündigt, Widerstand zu leisten, was hierzulande eher untypisch ist.
    foto: imago/zuma press

    Die Straßenhändler wollen sich das allerdings nicht gefallen lassen. Mehrere Dutzend haben angekündigt, Widerstand zu leisten, was hierzulande eher untypisch ist.

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