Erdoğan sieht Partnerschaft mit den USA "in Gefahr"

    10. August 2018, 22:51
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    US-Präsident Trump verdoppelt Zölle auf Stahl und Alu, türkische Lira stürzt ab. "Beziehungen sind derzeit nicht gut", verkündete Trump auf Twitter

    Ankara – US-Präsident Donald Trump hat mitten in der Krise um Verluste der türkischen Lira angekündigt, die amerikanischen Zölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei zu verdoppeln. Er teilte via Twitter mit, die neuen Raten betrügen nun 20 Prozent für Aluminium und 50 Prozent für Stahl. "Unsere Beziehungen zur Türkei sind derzeit nicht gut", teilte er zur Begründung mit. Die USA liegen mit Ankara wegen des von der türkischen Justiz in Hausarrest gehaltenen US-Pastors Andrew Brunson im Streit.

    Schon zuvor hatte sich die türkische Landeswährung Lira im Vergleich zum Dollar dramatisch verbilligt und auch den Euro etwas nach unten gezogen. Nach Trumps Mitteilung sackte die Lira weiter nach unten.

    Erdogan: "Suche nach neuen Freunden"

    Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat im Konflikt mit den USA vor einem Ende der Partnerschaft gewarnt und die Suche nach Alternativen angedroht. Sollte die US-Regierung die Souveränität der Türkei nicht respektieren, "dann könnte unsere Partnerschaft in Gefahr sein", schrieb Erdogan in einem am Freitagabend (Ortszeit) veröffentlichten Gastbeitrag der "New York Times".

    Seine Regierung könne sich genötigt sehen, "die Suche nach neuen Freunden und Verbündeten zu beginnen". Erdogan orientiert sich schon seit längerem nach Moskau, obwohl die Türkei NATO-Mitglied ist. In dem Gastbeitrag warf Erdogan der Regierung von US-Präsident Trump vor, den türkischen Prediger Fethullah Gülen nicht auszuliefern. Erdogan macht Gülen für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich. Erdogan schrieb nun, der Putschversuch ähnele dem, "was das amerikanische Volk zweifellos nach Pearl Harbor und den Angriffen vom 11. September erlebt haben".

    "Wir flehen Präsident Trump an"

    Zuvor bemühte sich die Regierung in Ankara intensiv um eine Verhandlungslösung. "Wiederholte Bemühungen, der US-Regierung klarzumachen, dass keines der für die Zollerhöhungen genannten Kriterien auf die Türkei zutrifft, blieben fruchtlos", erklärte Handelsministerin Ruhsar Pekcan am Freitag. "Trotzdem, wir flehen Präsident Trump an, an den Verhandlungstisch zurückzukehren." Der Streit könne und solle durch Dialog und Zusammenarbeit beigelegt werden.

    "Nationaler Kampf"

    Der türkische Präsident hat die Türken aufgerufen, ihre ausländischen Devisen einzutauschen, um dem Verfall der Lira zu begegnen. Es gehe um einen "nationalen Kampf", sagte er am Freitag bei einer Kundgebung in der Schwarzmeerregion Bayburt, nachdem die Währung am Morgen 12 Prozent an Wert verloren hatte. "Wenn ihr Dollar, Euro oder Gold unter dem Kopfpolster habt, geht zur Bank und tauscht es in türkische Lira. Dies ist ein nationaler Kampf", so Erdogan. Am Samstag rief er erneut zum Tausch von Dollar und Euro auf. Zudem, erklärte er, es sei eine Schande, dass Pastor Brunson den USA wichtiger sei als der strategische NATO-Partner Türkei.

    Die Lira hat seit Jahresbeginn mehr als ein Drittel an Wert verloren, am Freitag rutschte sie erneut auf ein Rekordtief. Der Kurs brach am Freitag um mehr als zwölf Prozent ein. Noch während Erdogan sprach, stürzte die Lira auf 6,23 zum Dollar.

    Erdogan telefonierte am Freitag mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin, um über Wirtschafstpolitik und gemeinsame Projekte zu sprechen.

    Europäische Banken mitbetroffen

    Auch der Euro verlor mittlerweile gegenüber dem Dollar an Wert, er wird von der Sorge um die Lira beeinträchtigt. Die EZB-Bankenaufseher schauen sich einem Medienbericht zufolge wegen des drastischen Verfalls der türkischen Währung die Verbindungen europäischer Geldhäuser zu dem Land an.

    Insgesamt würden die Aufseher die Situation zwar noch nicht als kritisch einstufen, berichtete die "Financial Times" am Freitag unter Berufung auf zwei mit dem Vorgang vertraute Personen. Die Großbanken BBVA aus Spanien, die italienische Bank-Austria-Mutter UniCredit und die französische BNP Paribas seien aber besonders exponiert. Diese hätten bedeutende Geschäfte in dem Land am Bosporus. Die Aufseher würden die Situation schon seit einigen Monaten verfolgen.

    Große Machtfülle

    "Vergesst nicht, wenn sie ihre Dollars haben, dann haben wir unser Volk, unseren Gott", sagte Erdoğan. "Wir arbeiten hart. Schaut auf das, was wir vor 16 Jahren waren, und schaut heute auf uns." Erdoğans islamisch-konservative Partei AKP hatte bei der Parlamentswahl 2002 einen deutlichen Sieg errungen. Er selbst war von 2003 bis 2014 Ministerpräsident und übernahm dann das Amt des Staatspräsidenten.

    Durch ein Verfassungsreferendum 2017 hat Erdoğan eine enorme Machtfülle erhalten und nimmt zunehmend Einfluss auf die Zentralbank, was internationale Anleger schon seit Monaten beunruhigt.

    "Gegner der Zinsen"

    Hinzu kommt der Streit mit den USA über den in der Türkei festgehaltenen US-Pastor Andrew Brunson. Eine türkische Delegation, die um Entspannung bemüht war, kam diese Woche ohne greifbare Ergebnisse aus Washington zurück.

    Erdoğan hat sich selbst als "Gegner der Zinsen" tituliert und angekündigt, eine größere Kontrolle über die Geldpolitik auszuüben. Er will, dass die Banken billige Kredite vergeben und so das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Anleger befürchten jedoch, dass es zu einer Überhitzung kommen könnte. Der Präsident hat seine Landsleute bereits aufgerufen, ihre Dollar- und Euroguthaben in die heimische Währung umzutauschen. (Reuters, 10.8.2018)

    • Tayyip Erdoğan hofft in der türkischen Wirtschaftskrise auf Hilfe von oben.
      foto: reuters

      Tayyip Erdoğan hofft in der türkischen Wirtschaftskrise auf Hilfe von oben.

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