So ein Schas: Die Angst vor dem Furz

    Rezension11. August 2018, 08:00
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    Warum furzen wir und wie entstehen Blähungen? Ein Buch will aufräumen mit dem Tabu um Flatulenzen

    80 Fürze pro Tag und ständige Angst vor den nächsten – Jan Rein, Youtuber, Blogger, Student der Ernährungswissenschaften und Autor von "Das Pups-Tabu", weiß, wovon er schreibt. Jahrelang litt er an Blähungen, verkroch sich zu Hause, traute sich nicht, zum Arzt zu gehen.

    Als er es irgendwann doch tat, bekam er von den Medizinern keine eindeutige Diagnose. Für ihn war dies der Beginn einer langen, persönlichen Reise. Autor Jan Rein recherchierte, startete Selbstexperimente, ertrug Rückschläge und feierte Erfolge. Was er dabei gelernt hat, hat er zu einem Buch verarbeitet.

    Der größte Dorn im Auge ist ihm das Tabu. Warum wird in der Gesellschaft über so etwas Natürliches wie das Furzen nicht gesprochen? Warum ist es vielen Menschen peinlich? Im ersten Kapitel erklärt der Autor, woher Tabus kommen und warum es sie gibt.

    Auch auf geschlechtsspezifische Unterschiede geht er ein. Während Frauen oft Angst haben, Flatulenzgeräusche könnten unvereinbar mit dem vorherrschenden Ideal von Weiblichkeit sein, ernten Männer für einen Furz mitunter sogar Beifall bei ihren Geschlechtsgenossen. Der Autor kritisiert: Frauen werden in ein utopisches Schönheitsideal gequetscht, das sogar natürliche Körperfunktionen in einem ungesunden Maß tabuisiert.

    Professionelle Tabubrecher

    Seinen Lesern, egal ob Frau oder Mann, rät er, keine Angst vor Tabus zu haben, schon gar nicht beim Arzt. Diese seien professionelle Tabubrecher, habe ein Mediziner ihm einmal augenzwinkernd erklärt, das habe der Beruf so an sich.

    Jan Rein selbst hat eine Lösung für seine Dauerflatulenzen gefunden. Endlich, so schreibt er, konnte er wieder einkaufen gehen, einfach durch das Geschäft schlendern, ohne alle paar Minuten seine Pobacken zusammenkneifen oder eine einsame Ecke im Supermarkt ansteuern zu müssen, um seine Blähungen rauszulassen. "Das Leben ist zu kurz, um ständig in der Angst vor dem nächsten Furz zu leben", schreibt er heute über das befreiende Gefühl, das er damals empfand.

    Stellenweise hat der Leser tatsächlich das Gefühl, ganz in die Welt des Autors abzutauchen. Jan Rein schreibt so persönlich, dass man fast das Gefühl hat, sein Tagebuch zu lesen. Was ihm geholfen hat und wirklich funktioniert, ohne unnötig viel Geld auszugeben, ist Inhalt der auf die Einleitung folgenden Kapitel.

    Davor startet Jan Rein mit den Grundlagen: Er erklärt die Funktionsweise unserer Verdauung, angefangen mit dem Kauen bis hin zur Ausscheidung, und beschreibt, welche Organe dabei eine Rolle spielen. Weiter geht es mit der Zusammensetzung von Lebensmitteln und Nährstoffen.

    Wie schnell ist ein Furz?

    Schließlich ist der Hauptdarsteller seines Buches dran: der Furz. Er entsteht durch Bakterien im Dickdarm, die sich über unverdaute Nahrungsreste hermachen und dabei Gase produzieren. Dabei geizt der Autor nicht mit überraschenden Infos – etwa: Ein Furz besteht aus Stickstoff, Wasserstoff, Kohlendioxid, Sauerstoff – und Methan. Interessanterweise ist Letzteres nur bei einem Drittel der Menschen enthalten. Warum das so ist, ist nicht zweifelsfrei erforscht – genetische Faktoren spielen jedenfalls eine Rolle. Amüsante Zusatzinfo: Ein Furz verbreitet sich mit einer Geschwindigkeit von elf Kilometern pro Stunde in der Umgebung.

    Im letzten Teil seines Buches beschäftigt Rein sich mit Ernährung. Im "Geruchs-Guide" erklärt er, wie Blähungen riechen können – etwa nach faulen Eiern, Kohl oder ranziger Butter – und welche Lebensmittel die jeweiligen Ursachen dafür sind.

    Er hilft, die für häufiges Furzen verantwortlichen "Systemfeinde" ausfindig zu machen, und empfiehlt die von ihm selbst entwickelte "Low-Fart-Diät". Dazu gibt es einen konkreten Speiseplan und Rezepte sowie zahlreiche Tipps. Etwa: Das Einweichen von Hülsenfrüchten reduziert die Geruchsbildung drastisch. Außerdem erklärt er, welche Früchte blähfreundlich sind und welche nicht, geht auf Gluten, Milch und Süßstoffe ein.

    Warnsignal für Krankheiten

    Weitere Ratschläge: Stress reduzieren, richtig atmen, in Bewegung bleiben, viel trinken, beim Sex bestimmte Stellungen einnehmen, um ungewolltes Pupsen zu verhindern – und schlussendlich: zum Arzt gehen. Denn Flatulenzen können auch ein Warnsignal des Körpers für Erkrankungen sein.

    Immer wieder spricht Jan Rein seine Leser direkt an ("Das rate ich dir!") und steckt damit auch seine Zielgruppe ab – Menschen wie er selbst, die unter quälenden Flatulenzen litten. Ihnen wird mit Jan Reins Buch auf jeden Fall geholfen.

    Sein abschließendes Fazit ist eindeutig: "Fart proudly – mit Stolz und Respekt", schreibt er und stellt klar: Furze sind nichts Schlimmes, gehören zu einer gesunden Verdauung dazu und zum menschlichen Körper wie Niesen, Gähnen oder Magenknurren. Und dennoch: 80 pro Tag sollten es nicht sein. Ein gesunder Menscht furzt nämlich etwa 15-mal täglich. (bere, 11.8.2018)

    • Jan Rein: "Das Pups-Tabu"Heyne, 2017304 Seiten / € 10,30
      foto: heyne

      Jan Rein: "Das Pups-Tabu"
      Heyne, 2017
      304 Seiten / € 10,30

    • Lebensmittel wirken sich ganz unterschiedlich auf Häufigkeit und Geruch von Blähungen aus.
      foto: istock

      Lebensmittel wirken sich ganz unterschiedlich auf Häufigkeit und Geruch von Blähungen aus.

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