Friseurin: "Die Bezahlung ist der Grund, warum Nachwuchs fehlt"

    4. September 2018, 11:00
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    Im Ausland sei der Beruf angesehener als in Österreich, sagt unsere Gesprächspartnerin, die in Monaco gearbeitet hat

    "Der eigentliche Grund, warum ich eine Lehre machen wollte, war, um meine Eltern zu provozieren. Die wollten, dass ich studiere, und ich habe mir gedacht: Ich will unabhängig sein, mein eigenes Geld verdienen. Ich war eine Rebellin. Also habe in einem kleinen Friseursalon in Oberösterreich begonnen, das war super, weil ich ganz viel gelernt – und auch die Leidenschaft zum Beruf entdeckt habe. Mit 18 bin ich nach Wien gezogen und habe bei Kopfart angefangen. Dort habe ich zum ersten Mal gesehen, dass Haareschneiden nicht nur Haareschneiden ist. Es ist wie Mathematik. Man kann sich im Voraus in der Theorie berechnen, wie ein Haarschnitt aussehen soll.

    Kurz nach meiner Meisterprüfung habe ich beschlossen, dass ich nach Spanien gehen möchte. Ich hatte ein Jobangebot vom deutschen Friseur Udo Walz in Palma de Mallorca. Ich dachte mir: Why not? Das probiere ich aus! Relativ schnell war ich in der Promi-Welt integriert, habe sehr vielen Schauspielern von überall auf der Welt die Haare gemacht. Nach einem halben Jahr habe ich Jobangebote aus Miami, Paris, Amsterdam, Mailand und Monte Carlo bekommen. Am liebsten hätte ich alles ausprobiert, mich dann aber für Monte Carlo entschieden.

    Als Stylistin im Ausland

    Dort war ich die Stylistin einer sehr reichen Frau. Diese Zeit war unglaublich. In der ersten Woche sind wir gleich einmal im Privatjet nach New York geflogen. Gearbeitet habe ich eine Stunde morgens und eine Stunde abends. Hin und wieder waren ihre Freundinnen da wie Donna Versaces Nichte. Das war eine ganz andere Welt. Insgesamt hab' ich den Job fast ein Jahr gemacht und sehr gut verdient.

    Irgendwann habe ich mich allerdings zu langweilen begonnen, war unterfordert, schließlich musste ich ja nur circa zwei Stunden pro Tag arbeiten. Gleichzeitig hatte ich Heimweh, habe meine Familie und meine Freunde vermisst.

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    "Was ich schade finde: dass der Beruf in Österreich nicht besonders gut angesehen ist. Da heißt es immer: Du bist 'nur' Stylistin oder 'nur' Friseurin. Ich hoffe, das ändert sich bald einmal", sagt eine junge Frau, mit der wir für diese Serie gesprochen haben.

    Ich bin also wieder zurück nach Wien, wo ich bei einem Friseur im ersten Bezirk gearbeitet habe. Nach etwas mehr als einem Jahr war ich ausgebrannt, da es im Gegensatz zu meinem vorherigen Job sehr stressig war. Wir hatten immer zwei Kunden zur selben Zeit zu bedienen. Mir ist viel zu wenig Zeit geblieben, um kreativ zu sein. Nach einem Jahr habe ich gekündigt, mir meinen Rucksack geschnappt und ein Flugzeug nach Asien genommen.

    Als ich zurück war, beschloss ich, wieder bei Kopfart zu arbeiten. Inzwischen bin ich fast drei Jahre dort und habe mich hochgearbeitet zur Salonmanagerin, Trainerin und Premiumkopfartistin. Ich habe jetzt wieder mehr Zeit für die Kunden. Mein Verdienst sind derzeit zwischen 1.700 und 1.800 Euro netto. Dazu kommt noch Trinkgeld von ungefähr hundert Euro pro Woche. 'Normale' Angestellte verdienen bei uns circa 1.500 Euro netto.

    Eine große Verantwortung

    Die Bezahlung ist wahrscheinlich der Grund, warum der Nachwuchs fehlt; warum nur noch so wenige junge Leute Friseurin werden wollen. Es ist natürlich auch ein sehr anstrengender Job, psychisch, aber auch körperlich. Jeden Tag zehn Stunden am Stück zu stehen ist nicht ohne.

    Trotzdem mag ich meine Arbeit sehr gern. Ich finde es toll, wie vielen verschiedenen Menschen ich tagtäglich begegne, wie viele Gespräche ich führe. Kunden sagen oft zu mir, dass ich für sie mehr bin als ihre Stylistin– sie sehen mich als Vertrauensperson. Dass ich Menschen in einer Stunde einen neuen Look verpassen und sie so glücklich machen kann, das ist ein superschönes Gefühl. Insofern tragen wir als Friseurinnen auch eine hohe Verantwortung. Es gibt natürlich immer auch Kunden, die unzufrieden sind und einen kritisieren. Aber ich finde, damit umgehen zu lernen ist Teil des Berufs. Meistens gelingt es mir ganz gut, die Harmonie wiederherzustellen.

    Meine Ausgaben

    Mein hauptsächliche Ausgabe ist die Miete für meine Wohnung. Bis vor kurzem waren das noch 900 Euro. Das wollte ich mir nicht mehr leisten, also bin ich in eine WG mit meinen zwei besten Freunden gezogen. Und zahle 380 Euro. Die Wohnung ist im sechsten Bezirk in Wien und hat sogar eine Dachterrasse.

    Mein größtes Hobby ist das Reisen. Ich schaue, dass ich einmal im Monat wegkomme, auch wenn es nur über das Wochenende ist. Mein Glück ist, dass mein Arbeitgeber es erlaubt, mehr Urlaub am Stück zu nehmen. Im Winter war ich beispielsweise sechs Wochen auf Bali. Dort habe ich auch meinen Tauchschein gemacht. Tauchen ist wohl mein teuerstes Hobby. Ich habe noch andere, von denen aber keines so extrem teuer ist. Leidenschaftlich gerne mache ich Yoga oder gehe Longboarden." (Gehaltsprotokoll: Lisa Breit, 4.9.2018)

    Links

    Weitere Teile der Serie:
    * Gelernter Holzwirt: 2.300 Euro netto plus Zulagen
    * Physiotherapeut: "Erhalte lieber Trinkgeld als Schokolade"
    * Bankmitarbeiter: "Mit 3.000 Euro netto komme ich gut aus"
    * Uni-Mitarbeiterin: 1.650 Euro für 30 Stunden
    * Einstiegsgehalt einer Flugbegleiterin: 1.200 Euro netto

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