Hoffnung auf Therapie von Chorea Huntington

    10. August 2018, 06:00
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    Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hat einem Antisense-Medikament schnellere Begutachtung zugesichert – Phase-III-Studie soll möglichst bald starten

    Basel – Chorea Huntington ist eine seltene erbliche progressive neurodegenerative Erkrankung. Die Krankheit verursacht die Zerstörung von Nervenzellen in speziellen Gehirnarealen, was in der Folge einen schleichenden Abbau körperlicher, geistiger und psychischer Funktionen bewirkt.

    Die ersten Symptome sind oft Persönlichkeitsveränderungen, Depressionen und andere psychische Symptome. Danach kommt es zu Störungen der Muskelsteuerung einschließlich der Mimik ("Chorea"). In der Folge entwickeln sich dann Schwierigkeiten beim Sprechen, Schlucken und Gehen. Die Krankheit wird "autosomal" dominant vererbt, statistisch gesehen hat jedes Kind eines Huntington-Genträgers ein 50-prozentiges Risiko, die Krankheit vererbt zu bekommen. Die Krankheit bricht um das 40. Lebensjahr aus, kann aber auch wesentlich früher oder später die ersten Symptome zeigen. Sie ist unheilbar.

    Nun könnte etwas Hoffnung in puncto Therapie des Leidens aufkeimen. Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat einem möglichen Medikament (IONIS-HTTRx) den Status für beschleunigte Begutachtung (PRIME) für die Zulassung gegeben. Es handelt sich um eine medikamentöse Antisense-Therapie.

    Produktion des Eiweißstoffes unterdrücken

    Was bislang bekannt ist: Bei den Trägern der Erbanlage für die Krankheit kommt es zu einer Ansammlung von Dreier-Basen-Paaren für Cytosin, Adenin und Guanin im sogeannten Hungtintin-Gen (HTT). Trägt ein Mensch mehr als 40 dieser CAG-Kopien in dem Gen, kommt es zu der Erkrankung, bei 36 bis 39 Kopien ist das möglich, darunter kommt die Krankheit nicht zum Vorschein. CAG-Basenpaare kodieren für die Produktion des Proteins Polyglutamin. Was das auslöst, ist zwar unklar – das damit in veränderter Form vom Körper produzierte Huntingtin-Protein ist jedenfalls toxisch für die Nervenzellen im Gehirn.

    Dem entsprechend könnte eine Strategie, die das giftige Protein unschädlich macht oder dessen Produktion in Zellen verhindert, eventuell eine wirksame Behandlungsform sein. Das US-Biotechunternehmen Ionis (Carlsbad/US-Bundesstaat Kalifornien) hat ein aus zwölf bis 25 Basen bestehendes, sogenanntes Antisense-Molekül entwickelt, das als Gegenstück zur RNA-Bauanleitung für das krank machende Huntingtin-Protein passt und die RNA vor der Produktion des Proteins abfängt und damit die Produktion des Eiweißstoffes unterdrücken soll.

    In einer Phase-I/II-Studie (Erstanwendung beim Menschen mit Prüfung der Machbarkeit des Konzepts und Dosisfindung) erhielten Patienten in einer frühen Phase der Erkrankung unterschiedliche Dosierungen von IONIS-HTTRx. Dies erfolgte vier Mal und monatlich über eine Punktion des Rückenmarkkanals. Im März dieses Jahres wurden von Sarah Tabrizi die ersten Ergebnisse bei der Jahrestagung der Huntington-Therapieforscher in Palm Springs präsentiert.

    Roche kauft Rechte für Antisense-Molekül

    In den zwei höchsten Dosierungen hatte durch die Behandlung die Konzentration des für die Nervenzellen im Gehirn toxischen Eiweißstoffes median (die Hälfte der Werte darüber, die Hälfte darunter) um 40 Prozent abgenommen. Nachgewiesen wurde in der klinischen Studie auch, dass der Wirkstoff vom Rückenmarkkanal bis ins Gehirn gelangt.

    "Was wir jetzt schnell tun müssen, ist der Start von größeren und länger dauernden Studien, um zu testen ob wir die Krankheitsprogression verlangsamen können", sagte Sarah Tabrizi gegenüber der britischen Wissenschaftszeitschrift "Nature". Der Schweizer Pharmakonzern Roche hat im Rahmen einer Partnerschaft die Rechte für die Substanz aufgekauft und dafür 45 Millionen US-Dollar (38,83 Mio. Euro) bezahlt.

    Jetzt soll das potenzielle Medikament durch die EMA beschleunigt begutachtet werden. "Der PRIME Status der EMA für das Prüfmedikament RG6042 (früher IONISHTTRx) stellt eine sehr gute Nachricht dar, weil es derzeit noch keine Therapie für jene Familien gibt, die von der schwerwiegenden, vererbbaren, lebensbedrohlichen Nervenkrankheit Chorea Huntington betroffen sind. Indem der Prozess beschleunigt wird, gelangt eine wichtige, lebensrettende Therapie letztlich schneller zu jenen, die sie dringend benötigen", wurde Johannes Pleiner-Duxneuner, Medical Director bei Roche Austria, in einer Aussendung zitiert. "Unser Wirkstoff hat in den ersten klinischen Studien vielversprechende Ergebnisse demonstriert, und wir arbeiten eng mit den Gesundheitsbehörden an den nächsten Schritten umso schnell wie möglich eine internationale Phase-III-Studie zu initiieren." (APA, 10.8.2018)

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