James Baldwins Rassismus-Roman "Beale Street Blues": Romeo und Julia aus Harlem

    9. August 2018, 09:00
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    Die Wiederentdeckung des großen US-Autors geht in die zweite Runde: Der Roman ist Liebesgeschichte und Gefängnisparabel in einem

    Wenn sie sich küssen, bleiben sie durch eine Glasscheibe voneinander getrennt. Fonny sitzt im Gefängnis, Tish, seine schwangere Geliebte, besucht ihn dort. Dass das Paar nicht zusammen sein soll, dafür steht das Glas. Fonny soll eine Frau vergewaltigt haben. Das Opfer hat ihn bei der Gegenüberstellung identifiziert. Allerdings war er der einzige Schwarze, den man der jungen Puerto Ricanerin vorgeführt hat. Jetzt ist diese fort, außer Landes gebracht.

    Das Urteil scheint in Beale Street Blues (If Beale Street Could Talk) schon gefällt. Gegen die Logik der Justiz scheinen alle machtlos, auch wenn Tish, die Familienangehörigen, selbst der weiße Anwalt nicht aufgeben. Anfang der 1970er-Jahre reicht eine dürftige Beweislage für einen Schuldspruch, wenn man schwarz ist.

    James Baldwin hat den Roman 1974 unter dem Eindruck der Leidensgeschichte von Tony Maynard geschrieben, eines Freundes, der fälschlicherweise des Mordes bezichtigt wurde und erst nach sechs Jahren und etlichen Interventionen freigelassen wurde. Die (Massen-)Inhaftierung von Schwarzen ist in den USA bis heute rassistisch begründet – dieser Unrechtmäßigkeit wurde auch von der zivilgesellschaftlichen Bewegung Black Lives Matter wieder hohe Aufmerksamkeit zuteil.

    "Die Gefangenen sind der heimliche Preis für eine heimliche Lüge: Die Gerechten müssen den Verdammten ihren Platz zuweisen können", schreibt Baldwin in Beale Street Blues. Es sind aber nicht an vorderster Stelle solche kämpferischen Sätze, die diesen Roman, dessen Neuübersetzung von Miriam Mandelkow nun die zweite Etappe der so verdienstvollen Wiederentdeckung des Autors im Deutschen markiert, auszeichnen.

    Figur voller Seelenkraft

    Vielmehr gibt es mit Baldwin einen Humanisten zu feiern, der seinen Geschichten stets etwas Universelles verliehen hat. Tishs Position als Icherzählerin reicht da und dort über ihren eigenen Horizont hinaus, aber Baldwin wollte keine politische, sondern eine Figur voller Seelenkraft erschaffen. Seinerzeit fand man das altmodisch, sogar versöhnlich. Man hat den Chronisten und Bürgerrechtler Baldwin, der in den 1960ern den Aufbruch der Afroamerikaner begleitet hat, über den Romancier gestellt, dessen Agenda uneindeutiger ist.

    Doch Baldwin ist fasziniert von der Ambiguität von Gefühlen. Das Gefängnis reicht über die Institution hinaus, es betrifft ganz Amerika. Das Unrecht gegenüber Fonny setzt im Roman diverse Kräfte frei. Es sorgt für Aufruhr und bringt letztlich die Unterschiede der Menschen an die Oberfläche. Dahinter bleibt die Liebe wirksam. Sie schafft die Grundlage für das Engagement. Tishs ungeborenes Kind steht für die Freiheit ein, die Zukunft, die kommen muss.

    Das Archetypische der Romankonstellation – zwei Liebende, die nicht zueinanderkommen können – wird an der zeithistorischen Erfahrung einer unerträglichen Diskriminierung kenntlich gemacht. Baldwin geht es dabei um etwas anderes als Realismus. Er dringt tiefer ein ins gesellschaftliche Gewebe, er interessiert sich für innere, unbewusste Vorgänge, für die Voraussetzungen von Anziehung und Abstoßung im Menschen – Gefühle, die schwer zu fassen sind, weil sie in den Körpern festsitzen.

    "Der Geist ist wie ein Ding, das Staub ansammelt. Das Ding weiß so wenig wie der Geist, wieso an ihm haftet, was an ihm haftet. Aber wenn es mal auf dir gelandet ist, geht es nicht mehr weg", schreibt Baldwin über die Angst von Tish, jenem weißen Cop zu begegnen, der auch hinter Fonnys Verhaftung steht. Ganz offen kommt dabei eine sexuelle Komponente ins Spiel. Die Augen des Cops "wischten über Fonnys schwarzen Körper mit der unbestreitbaren Grausamkeit der Lust". Tish spürt einmal, wie er an ihrer Seite eine Erektion bekommt.

    Die Verlängerung des Rassismus

    Man tut dem Roman unrecht, wenn man ihn auf die romantische Seite seiner Heldin reduziert. Ihre Leidenschaft kann die gesellschaftliche Rohheit nicht kaschieren. Schon in den Familien selbst treten mit Gewalt die Unterschiede hervor, sobald Tishs Schwangerschaft zum Thema wird. Fonnys hellhäutigere Mutter und deren Schwester lassen sie spüren, wie minderwertig sie sie halten. Obwohl er ein positives Ende sucht, führt Baldwin vor, wie der Rassismus von Weißen unter den Farbigen reproduziert wird. Eindrucksvoll beschreibt er auch, wie Tishs Mutter in den Favelas von Puerto Rico erkennen muss, dass ihre Leiden vor dieser Welt klein erscheinen muss.

    Mit der Beale Street verweist Baldwin im Titel übrigens auf jene Straße von Memphis, die als Ursprung des Blues gilt. Die gemeinschaftsbildende, spirituelle Kraft dieser Musikform wollte er literarisch anzapfen, sie auch in der Form spiegeln.

    Barry Jenkins, der oscargekrönte Regisseur von Moonlight, hat If Beale Street Could Talk jetzt auch verfilmt. Auch das zeigt, dass Baldwins Sensibilität für die Gegenwart bedeutsam bleibt. Man darf neugierig sein, wie Jenkins diese Widersprüchlichkeit aus Zärtlichkeit und Gewalt in Bilder übersetzt. (Dominik Kamalzadeh, 9.8.2018)

    James Baldwin, "Beale Street Blues". Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow. 22,70 € / 222 Seiten. DTV-Verlag, München 2018

    • Ein Autor, der sich auf die Ambiguität der Gefühle versteht: James Baldwin, 1974.
      foto: jean-pierre couderc / roger viollet / picturedesk.com

      Ein Autor, der sich auf die Ambiguität der Gefühle versteht: James Baldwin, 1974.


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