Wie haben Sie die Balkanroute erschlossen, Herr Koschuh?

    17. August 2018, 11:00
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    Der Ö1-Reporter Bernt Koschuh fuhr im März 2016 von Spielfeld bis ins griechische Idomeni. Von der damals frisch geschlossenen Balkanroute berichtete er für die "Journale" übers Warten und Bangen

    Bernt Koschuhs Glück war zugleich das Unglück vieler anderer. Der Zufall wollte es so, dass er im März 2016 zur richtigen Zeit an den richtigen Orten war. Für die Ö1-"Journale" bereiste der Radioreporter die Balkanroute und sprach mit Menschen, die von einem Tag auf den anderen große Hoffnungen begraben mussten. Die Idee, die Balkanroute zu befahren und von dort für die "Journale" auf Ö1 zu berichten, wurde bereits im Herbst 2015 geboren. Auf dieser Fluchtroute waren damals täglich tausende Menschen Richtung Deutschland unterwegs.

    Alles war schon für die Reportagereihe geplant, doch dann hieß es am 7. März 2016 beim EU-Flüchtlingsgipfel: Die Balkanroute soll geschlossen werden, sofort. In den Morgenstunden des 9. März meldeten die Medien: "Balkanroute seit Mitternacht dicht!" Alle Balkanstaaten hatten ihre Grenzen nacheinander für die Flüchtlinge und Migranten dichtgemacht.

    Bernt Koschuh und der Techniker Willy Wimmer fuhren trotzdem los: "Es stellte sich heraus, dass es umso spannender war: In jedem dieser Länder steckten plötzlich hunderte und tausende Menschen fest, die eigentlich – aus deren Sicht – nur das Pech hatten, dass sie einen, zwei oder drei Tage zu spät dran waren", erklärt Koschuh.

    Gatsch und Husten

    Geräusche, die Schuhe in hohem Schlamm erzeugen, und das Husten von Kindern, das sind Koschuhs intensivste Erinnerungen an 2016. "Ganz Europa hat Idomeni wahrgenommen, wo 10.000 bis 15.000 Menschen buchstäblich im 15 Zentimeter hohen Schlamm steckengeblieben sind. Bei mir hat sich eher die Situation an der Grenze von Serbien zu Mazedonien eingeprägt, der Ort Tabanovce."

    In Tabanovce hat am Tag der Schließung der Balkanroute, so wie jeden Tag bis dahin, die mazedonische Polizei Syrer und Iraker ins Grenzland zu Serbien losgeschickt. An diesem Tag haben die serbischen Polizisten niemanden mehr durchgelassen, und die Mazedonier wollten sie nicht zurücknehmen. Die Menschen blieben im Niemandsland zwischen den Grenzen hängen. Mehrere Tage kampierten sie dort, und dann kam der große Regen. Die Hilfsorganisationen stellten ihnen Iglu-Zelte zur Verfügung. "Ich bin da durchgegangen, durch diesen Gatsch, und in jedem dieser Zelte war zumindest ein kleines Kind, überall hörte man das Husten der Kinder", erinnert sich Koschuh.

    foto: bernt koschuh
    Vater und Tochter in Tabanovce.

    Zufall und Exklusivität

    Die lange Reise und die kontinuierliche Berichterstattung über mehrere Tage hätten ohne den Techniker Willi Wimmer nicht funktioniert, betont Koschuh immer wieder. Während der Fahrt recherchierte er, während der Techniker fuhr. Es war viel zusätzliche Recherche erforderlich, weil die Berichte anders ausfielen als geplant: Es wurden nun nicht Reportagen gemacht, die die Reiseroute der Migranten nachzeichneten, sondern "Geschichten über das Steckenbleiben". Und das war auch das zweite Glück für Koschuh: Kein anderer österreichischer Journalist war gerade vor Ort in den Transitlagern an den jeweiligen Landesgrenzen.

    "Atmo" und Schnitte

    Zwanzig Beiträge in wenigen Tagen zu produzieren war mit wenig Schlaf und viel Anstrengung verbunden, sagt Koschuh. "Reportagen von außen sind am anstrengendsten: Du brauchst einen Text, der halbwegs gut sein muss, zwischendurch die O-Töne, die nicht zu lang sein dürfen. Eineinhalb Minuten sind das absolute Maximum." Diese kurzen gesprochenen Passagen muss man aus dem gesamten Material, das oft eine oder eineinhalb Stunden lang ist, herausfiltern und schneiden.

    "Dann braucht man die sogenannte Atmo, die das Ganze spürbar und erlebbar macht. Man braucht also im Hintergrund zum Beispiel Menschenstimmen oder Geräusche von Fahrzeugen", sagt der Radiojournalist. Eine Reportage sei eine Komposition, die Bilder im Kopf erzeugen soll, "idealerweise mehr Bilder, als das Fernsehen erzeugen kann".

    Der Regen und der Zeitdruck waren in diesen Tagen bestimmend. "Einmal hat es bis sechs Uhr in der Früh gedauert, bis ich den Beitrag fertig hatte und bei Ö3 anrufen konnte", erzählt der Reporter. Die "Journal"-Beiträge werden in gekürzter Form auch in anderen ORF-Radios gesendet. Diese dürfen dann oft nur 50 Sekunden lang sein und müssen trotzdem das Gefühl vermitteln, dass der Journalist vor Ort ist.

    foto: koschuh/wimmer
    Spielfeld war für Koschuh die erste Station auf der Balkanroute. "Türl mit Seitenteilen" nannte der damalige Bundeskanzler Werner Faymann den Zaun am Grenzübergang.

    Menschentrauben

    Die Reportage, die erst in den frühen Morgenstunden fertig wurde, war jene von der serbisch-kroatischen Grenze in Šid. Hier waren rund 500 Menschen in Großzelten untergebracht. Keiner der Zuständigen konnte Arabisch, aber unter den Flüchtlingen war ein Mann, der nach eigener Angabe in Syrien Englisch unterrichtet hatte.

    "Younes hat für mich übersetzt, seine Geschichte erzählt und die Geschichten der anderen nacherzählt. Das war eine unglaubliche Dichte an Informationen. Die Menschen versammelten sich um das Mikrofon und wollten ihre Geschichte und ihre Kritik anbringen. Sie sahen die Medien natürlich als Chance, um auf ihr Problem aufmerksam zu machen", so der Reporter.

    foto: wimmer
    Ein syrischer Bub telefoniert mit seiner Mutter, die es bereits nach Schweden geschafft hat. Bernt Koschuh nimmt auf.

    Die erlaubten 15 Minuten im Transitlager waren bald um. Draußen scharten sich die Menschen weiterhin um Koschuh, unter ihnen auch ein kleiner Bub, der mit seiner Mutter telefoniert und "fürchterlich geweint" hat. "Unabhängig davon, wie man damals oder heute zur Schließung der Balkanroute steht: Es hat Betroffene gegeben, die es hart getroffen hat", resümiert Koschuh die Situation im Frühling 2016. Der telefonierende Bub wurde dann auch Teil eines der zwanzig Beiträge, die Koschuh von der Balkanroute nach Wien schickte.

    Auszeichnung

    "Der zehnjährige Ahmed telefoniert mit seiner Mutter. Sie ist in Schweden. Er hier in Serbien mit seiner Tante – im Flüchtlingsquartier in Šid nahe der Grenze zu Kroatien. Eigentlich ist es ein Transitquartier, aber es gibt keinen Transit mehr für die fast 500 Syrer und Iraker hier. Den Buben macht das traurig, zornig und verzweifelt. Aber das sind hier alle. In zwei mittelgroßen Zelten stehen jeweils rund 50 Stockbetten, dicht nebeneinander für 100 Menschen pro Zelt, Männer, Frauen und kleine Kinder. Laut Uno-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR gibt es nicht genug Duschen, bisher kein warmes Essen und jeden Tag dasselbe, sagen die Syrer und Iraker…"

    So schilderte Koschuh die Situation für die "Journale"-Hörer. Im Hintergrund war der telefonierende syrische Bub zu hören.

    Für diese Reportage aus Šid wurde Koschuh für den europäischen Civis-Medienpreis 2017 nominiert. Zur Preisverleihung nach Berlin lud er den syrischen Übersetzer Younes ein. Younes hat mittlerweile in Deutschland Asyl auf Zeit bekommen und lebt im norddeutschen Stralsund. "Leider haben wir den Preis nicht gewonnen. Das ist schade, ich wäre gern mit ihm auf die Bühne gegangen", sagt Koschuh. Bei solchen Preisverleihungen sei "alles irgendwie steril", es würden Menschen fehlen, "ohne die es keine Geschichten gäbe".

    Koschuh twitterte von unterwegs.

    Ehrlichkeit und Zusammenarbeit

    Neben dem Regen und dem provisorischen Lager in Tabanovce erwähnt Koschuh auch oft "die verblüffende Ehrlichkeit" der Menschen. Sie erzählten ihm, wie sie mit gefälschten israelischen Pässen versuchten, aus Syrien nach Deutschland zu gelangen, andere beschwerten sich, dass sich Nordafrikaner als Syrer ausgaben, um durchgelassen zu werden. Koschuh hörte auch viele – für damals typische – Geschichten über Schlepper, die 3.000 Euro für die Fahrt von der Türkei nach Griechenland kassiert hatten.

    "Wenn du als Journalist über Menschen berichtest, ist es oft fast wie eine Zusammenarbeit. Mir ist es wichtig, dass sie aussprechen, was sie aussprechen wollen, und dass sie ehrlich sind. Umgekehrt erhoffen sie sich auch was von meiner Arbeit", sagt Koschuh, der mit dem Robert-Hochner-Preis 2015 ausgezeichnet wurde. "Er arbeitet investigativ und vermittelt seine oft komplexen Recherchen allgemein verständlich. Die Sorgen und Nöte der Unterprivilegierten, welche bei ihm zu Wort kommen, stehen im Mittelpunkt", hieß es in der Jurybegründung. (Olivera Stajić, 17.8.2018)

    Bernt Koschuh (48) stammt aus Graz und hat Technische Chemie studiert. Er arbeitet seit 1998 beim ORF, seit 2007 in der ORF-Radioinformation in Wien. 2015 wurden ihm der Concordia-Preisen in der Kategorie "Menschenrechte" und der Robert-Hochner-Preis verliehen. Größten Widerhall fanden bisher Koschuhs Enthüllungsgeschichten zum Thema sexueller Missbrauch (unter anderem in der katholischen Kirche).

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    Unterwegs entlang der Balkan-Route – Ö1-Interview mit Bernt Koschuh

    Bernt Koschuh war 2017, ein Jahr nach seiner ersten Reise, noch einmal auf der Balkanroute: Die Balkanroute – Unterwegs mit Ö1 Redakteur Bernt Koschuh

    • In unserer neuen Serie erzählen Journalistinnen und Journalisten über ihre Recherchen und über Nachwirkungen ihrer Berichterstattung.

      In unserer neuen Serie erzählen Journalistinnen und Journalisten über ihre Recherchen und über Nachwirkungen ihrer Berichterstattung.

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