Wiens Wachstumsschmerzen: Weniger Jobs, steigende Mieten

    Blog8. August 2018, 08:00
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    Wien hat ein Problem, denn es fehlt an günstigen Bauprojekten und Arbeit gibt es vor allem für hochqualifizierte Arbeitskräfte

    Wien wächst. Seit den frühen 2000er Jahren zählt Wien zu den am stärksten wachsenden Metropolen Europas: Für den Zeitraum 2010 bis 2025 wird die Bevölkerungszahl der Stadtregion Wien voraussichtlich um 4,65 Prozent ansteigen. Dies liegt über dem Niveau vergleichbarer Metropolen – etwa Barcelona um 2,49 Prozent, Paris um 0,78 Prozent, München um 1,38 Prozent und Hamburg um 0,84 Prozent. In absoluten Zahlen bedeutet dies, dass Wien zwischen 2014 und 2017 um rund 84.800 und bis 2034 um knapp 176.000 Menschen wächst. Diese Dynamik ist auch in der historischen Rückschau beträchtlich: Seit dem Ende der Gründerzeit und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges ist der Bevölkerungsanstieg Wiens nicht mehr so stark gewesen, wie es gegenwärtig der Fall ist.

    Angebot und Nachfrage passen nicht zusammen

    So erfreulich es sein mag, dass Wien sich langsam aber sicher wieder an die Zwei-Millionen-Einwohner-Grenze heranschiebt, so groß sind auch die damit verbundenen Herausforderungen: Denn mit den rund 10.000 Menschen, um die Wien jährlich wächst beziehungsweise wachsen wird, steigt auch die Nachfrage nach Arbeitsplätzen sowie nach Wohnraum. Und in diesen beiden so zentralen Bereichen zeichnen sich zunehmend Engpässe ab. Sowohl am Wohnungs- als auch am Arbeitsmarkt existiert ein sogenannter Mismatch, das heißt Angebot und Nachfrage passen nicht zusammen. Was bedeutet das konkret?

    foto: apa/helmut fohringer
    In Wien gibt es eine Kluft zwischen Angebot und Nachfrage bei Wohnungen und Jobs.

    Jobwachstum nur im höheren Segment

    Der Wiener Arbeitsmarkt unterliegt einem deutlichen Strukturwandel – sowohl in der Sachgüterproduktion als auch im wesentlich größeren Dienstleistungssektor findet das Arbeitsplatzwachstum vor allem im Segment der hochqualifizierten Arbeitskräfte statt – bei mittleren und niedrigeren Qualifikationen ist die Beschäftigung rückläufig (Sachgüter) oder nur ganz leicht positiv (Dienstleistungssektor). Die urbane, wissensorientierte Dienstleistungsökonomie braucht immer weniger Hilfsarbeiter. Doch gerade dort drängen die meisten Jobsuchenden auf den Arbeitsmarkt. Die Folge: eine im Bundesländervergleich hohe (Jugend-)Arbeitslosigkeit Wiens sowie ein Beschäftigungswachstum, das geringer ist als das Bevölkerungswachstum. So nimmt innerhalb Österreichs die demographische Bedeutung Wiens zu, die ökonomische Bedeutung hingegen ab: das BIP pro Kopf wuchs in Wien zwischen 2000 und 2016 um 30,6 Prozent, in Österreich um 51,3 Prozent.

    Kosten für Wohnen steigen

    Auch am Wiener Wohnungsmarkt zeichnet sich schon seit Jahren ein Mismatch ab: Während in den höheren Marktsegmenten ein ausreichendes Wohnungsangebot besteht und Nachfrager (Mieter oder Käufer) dort ein günstiges Umfeld vorfinden, ist es im mittleren und unteren Marktsegment genau umgekehrt: Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem. Letztlich sind in den letzten Jahren die Kauf- und Mietpreise im niedrigsten Marktsegment und in mäßigen Wohnlagen am stärksten gestiegen. Ob sich kurzfristig daran etwas ändern wird, ist fraglich: Immer mehr Bauprojekte für das mittlere oder untere Marktsegment werden auf Eis gelegt, weil günstige Bauflächen in Wien de facto nicht mehr verfügbar sind. Davon sind vor allem gemeinnützige Bauträger betroffen.

    Der Mismatch an diesen beiden für die Stadtentwicklung so wichtigen Märkten steht in einem engen Zusammenhang, der aber oft nicht wahrgenommen wird. Dies zeigt sich an der Debatte um das "leistbare Wohnen", das ja nicht nur von den Preisentwicklungen am Wohnungsmarkt, sondern auch von den Entwicklungen am Arbeitsmarkt abhängt. Die Leistbarkeit am Wohnungsmarkt sinkt nicht nur aufgrund des zu geringen beziehungsweise zu teuren Angebotes, sondern auch aufgrund stagnierender Löhne.

    Mehr kommunaler Wohnbau, mehr Bildungsmaßnahmen

    Maßnahmen können nur mittel- oder langfristig wirken: am Wohnungsmarkt etwa durch eine großzügige Flächenwidmungspolitik, die mehr Bauflächen auf den Markt bringt und damit die Preise dämpft. Auch eine Lockerung der Bauordnung kann die Baukosten reduzieren. Letztlich ist ein stärkeres Engagement des kommunalen beziehungsweise sozialen Wohnbaus ein Gebot der Stunde. Schwieriger ist für die Stadtpolitik der Arbeitsmarkt, da hier viele Kompetenzen beim Bund liegen und eine Abstimmung notwendig sein wird, etwa im Bildungsbereich der Ausbau von Qualifizierungsmaßnahmen oder Maßnahmen zur Stärkung des innovationsorientierten Unternehmenssektors. Damit das aktuelle und zukünftige Wachstum Wiens nicht nur rein quantitativer Natur ist, sondern auch Qualität hat, sind seitens der kommunalen Politik starke und abgestimmte Maßnahmen in unterschiedlichen Politikbereichen notwendig. (Robert Musil, 8.8.2018)

    Robert Musil ist Direktor des Instituts für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

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