Falsche Hautfarbe: Wer darf wen auf der Bühne verkörpern?

    4. August 2018, 11:00
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    Proteste von Ureinwohnern und Afroamerikanern verhindern in Kanada die Aufführung zweier Stücke von Robert Lepage. Über eine Debatte, die von den Unis in die Kunst geschwappt ist

    Robert Lepage ist nicht nur einer der bekanntesten Theaterregisseure Kanadas. Der gebürtige Quebecer gilt auch als gesellschaftskritischer Kopf. Im Laufe seiner fast 40-jährigen Bühnenkarriere hat er sich immer wieder mit den Unterdrückungserfahrungen von Minderheiten auseinandergesetzt.

    Auch in seinen jüngsten Produktionen sollte der Fokus auf das erfahrene Leid "rassifizierter" Communitys liegen. In Kanata wollte sich Lepage den Umgang Kanadas mit seinen Ureinwohnern vornehmen, in SLAV sollte mit historischen Liedern afroamerikanischer Sklavenarbeiter an die Sklaverei erinnert werden. Nun haben jedoch ausgerechnet Proteste der betreffenden Communitys die Aufführung beider Stücke verhindert. Der Grund: In den Produktionen spielen keine oder – in den Augen der Kritiker – zu wenig Schauspieler mit, die den jeweiligen Minderheiten angehören.

    "Kulturelle Aneignung"

    Gegenüber Lepage und seinen Mitstreitern haben Aktivisten daher den Vorwurf der "kulturellen Aneignung" erhoben – ein Vergehen, das in Nordamerika mittlerweile als Kapitalverbrechen gilt. Gemeint ist damit die vermeintlich illegitime Aneignung der Kultur von Minderheiten. Das können so banale Dinge wie Frisuren, zum Beispiel Dreadlocks, Kleidung oder die Zubereitung exotischen Essens sein. Eignen sich Vertreter der privilegierten Mehrheit diese Dinge an – im schlimmsten Fall weiße Männer wie Lepage -, gilt dies manchen als Diebstahl und Fortschreibung ungleicher Machtverhältnisse.

    Dass Lepage mit SLAV und Kanata ausdrücklich Empathie für das Schicksal von Minoritäten wecken wollte, spielt dabei keine Rolle. Ausschlaggebend ist, dass etwa in SLAV lediglich zwei der sieben Darsteller schwarz sind, der Rest weiß, inklusive des Stars der Aufführung, der Sängerin Betty Bonifassi.

    Das Stück, das Ende Juni auf dem Montrealer Jazz-Festival seine Premiere feierte, brachte es daher gerade einmal zu drei Aufführungen. Der örtliche Ableger von Black Lives Matter nannte das Werk "respektlos und unsensibel" und rief zu Protesten auf.

    Fehlen von Diversität

    Der Protest löste eine landesweite Debatte aus, in der Vertreter der schwarzen Community ausführlich zu Wort kamen, darunter der Historiker Aly Ndiaye. In einem Artikel für die Webseite der öffentlich-rechtlichen CBC kritisierte er durchaus berechtigt das Fehlen von Diversität auf Quebecs Bühnen und warf den Theatermachern vor, sich mit SLAV des historischen Narrativs der Afroamerikaner zu bemächtigen. "Es ist Zeit, dass die Menschen verstehen, dass Mitglieder unserer Community es leid sind, sich ausgegrenzt zu fühlen." Lepage und Bonifassi versuchten derweil, die aufgeheizte Stimmung mit einem auf Facebook verbreiteten Statement zu beruhigen – in der Sache blieben sie allerdings hart: "Haben wir das Recht, diese Geschichte zu erzählen? Das Publikum wird Gelegenheit haben, das zu beurteilen, nachdem es die Aufführung gesehen hat."

    Viel Gelegenheit dazu hatte das Publikum nicht. Das Jazz-Festival, das sich anfänglich hinter Lepage gestellt hatte, nahm das Stück unter anderem "aus Sicherheitsgründen" aus dem Programm. In einer schriftlichen Stellungnahme nennt Lepage die Geschehnisse hingegen einen Schlag gegen die Kunstfreiheit. Es sei immer theatrale Praxis gewesen, "in die Haut eines anderen zu schlüpfen, um zu versuchen, ihn zu verstehen – und so vielleicht auch, sich selbst zu verstehen." Wenn das nicht mehr möglich sei, dann habe das Theater seine Existenzberechtigung eingebüßt.

    Nicht die einzige Schlappe

    Für das in Quebec bis dato gefeierte "Theatergenie" sollte es diesen Sommer nicht die einzige Schlappe werden. Die Debatte um SLAV war gerade abgeflaut, als Ende voriger Woche der Vorwurf des Kulturraubs nun auch Kanata zu Fall brachte – eine Produktion des Pariser Théatre du Soleil von Ariane Mnouchkine, an der Lepage bereits seit Jahren als Gastregisseur gearbeitet hatte.

    Die Geschichte des Umgangs Kanadas mit seinen Ureinwohnern, den First Nations, ist bis heute vermintes Terrain. Erst im Jahr 2015 hatte eine Kommission offiziell das Unrecht anerkannt, das das Land seinen Ureinwohnern zugefügt hat. Lepage wollte diese Geschichte keineswegs ausblenden, im Gegenteil. Dennoch veröffentlichte eine Gruppe von Indigenen in der Quebecer Tageszeitung Le Devoir einen Offenen Brief, in dem sie die Legitimität des Projekts infrage stellten. Denn das für die Aufführung fest eingeplante Ensemble des Pariser Theaters setzt sich zwar aus 26 Nationen zusammen, darunter zahlreiche Flüchtlinge – kanadische Ureinwohner finden sich nicht darunter.

    Park Avenue Armory, der US-amerikanische Koproduzent, gab daraufhin seinen Rückzug bekannt. Die Gefahr, zumindest in Teilen der Öffentlichkeit als Geldgeber eines "rassistischen" Theaterstücks gebrandmarkt zu werden, will man verständlicherweise vermeiden. Die Produktion, die im Dezember in der alten Munitionsfabrik im Pariser Bois de Vincennes uraufgeführt und dann durch die Welt touren sollte, steht nun vor dem Aus.

    Empörung in den Netzwerken

    Die Fall Lepage lässt durchaus den Eindruck einer Zeitenwende aufkommen. Hat die von den Postcolonial Studies ausgehende Theorie der kulturellen Aneignung in den letzten 20 Jahren zunächst die Universitäten erobert, ist nun die Sphäre der Kunst an der Reihe – mit ungewissen Konsequenzen. Die Entscheidungen, wer im Theater wen verkörpern darf, welche kulturellen Anleihen erlaubt sind, werden zukünftig in erster Linie von den Empörungskonjunkturen in den sozialen Netzwerken abhängig gemacht.

    Gänzlich unumstritten ist das Konzept der kulturellen Aneignung freilich nicht, vor allem in Quebec. In der mehrheitlich frankophonen, von der politischen Kultur Frankreichs beeinflussten Provinz prallen die Meinungen zu diesem Thema aufeinander wie sonst kaum irgendwo in Nordamerika. Während anglophone Medien wie die Montreal Gazette die Annullierung beider Produktionen Lepages begrüßten, brachten die dominierenden frankophonen Medien flammende Verteidigungen der Kunstfreiheit.

    Lepage, der in seiner Reaktion auf die Absetzung von SLAV die Theorie der kulturellen Aneignung noch in Bausch und Bogen verdammt hatte, gab sich nach dem Aus von Kanata deutlich konzilianter. In einer Stellungnahme bedauert er zwar das Ende des Projekts, merkt jedoch an: "Früher oder später werden wir versuchen müssen, ruhig und gemeinsam zu verstehen, was kulturelle Aneignung und das Recht auf freien künstlerischen Ausdruck grundsätzlich sind." (Julian Bernstein aus Montreal, 4.8.2018)

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