Staatskarossen: Wettrüsten mit Protzlimousinen

5. August 2018, 07:37
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Wladimir Putin hat eine neue Staatskarosse, Donald Trump bekommt seinen Cadillac One demnächst. Und was fahren die anderen Repräsentanten der wichtigsten Nationen?

Es ist eine Sache von nationalem Prestige, in welcher Karosse die Mächtigen dieser Welt sich kutschieren lassen. Protzig sind die meisten, gepanzert auch, und eine allgemeine Beobachtung vorweg: Die weiteste Verbreitung in den Fuhrparks der Staatenlenker, Regierungschefs und gekrönten Häupter findet Mercedes, der deutsche Stern hat die mit Abstand größte Strahlkraft. Sehr gefragt ist dabei der Mercedes-Maybach S 600 Pullman Guard, 6,5 Meter lang, 5,1 Tonnen schwer, V12-Biturbo mit 530 PS, Schutzklasse VR9, die derzeit zweithöchste – die des US-Präsidentenautos ist Staatsgeheimnis.

foto: daimler
Der Mercedes-Maybach S 600 Pullman Guard.

Und schwupps sind wir bei Wladimir Putin. Nach dem Motto "Wenn man sich' s verschlechtern kann" stieg Russlands Präsident im Mai vom Pullman Guard (siehe oben) auf die brandneue Staatslimousine Aurus Senat um. Geht einem nämlich der Westen permanent auf den Keks, zeigt man denen, dass man technisch auch was drauf- und herzuzeigen hat. Zil wurde 2012 vorstellig; die roten Zaren setzten ja seinerzeit auf Ware dieses Hauses (und auf Tschaika). Doch Putin wird des Kübels wegen ganz heftig erschrocken sein, er winkte reflexartig ab.

foto: reuters
Bei Putin beerbt der Aurus Senat den Mercedes Pullman.

Nun aber Aurus Senat. Kategorie "Worauf die Welt gewartet hat". Optisch an Rolls-Royce orientiert, soll es sich um den ersten Ableger einer kommenden russischen Luxusmarke handeln. Mit 6,6 Metern überragt das Ding den Pullman um zehn Zentimeter, bringt 6,5 Tonnen auf die Waage, für Vortrieb sorgt ein 4,4-Liter-V8 (für den Porsche Konstruktionshilfe leistete) mit etwa 600 PS, assistiert von einem 112-PS-Elektromotor.

The Beast

Mal sehen, was "The Beast", Spitzname aller US-Präsidialbomber, dagegenhalten wird. Der neue Cadillac One ist derzeit in finaler Erprobung, das Trumpomobil dreht noch letzte dynamische Testrunden auf der Nürburgring-Nordschleife, und aber Spaß beiseite: Lange muss Donald Trump nicht mehr in Obamas einstigem Dienstwagen unterwegs sein, im Spätsommer soll der Wechsel erfolgen.

foto: ap
Trumps aktuelle Präsidentenlimousine – im Herbst kommt das neue Riesenspielzeug.

Die neue Präsidentenlimousine steht auf einer Lkw-Plattform, zwölf Stück sind bestellt, GM kassierte dafür 15,8 Millionen Dollar (13,5 Mio. Euro). Dimensionen und Motorleistung (gemunkelt wird von kurzzeitig 1000 PS) sind außer der Lachgaseinspritzung noch "top secret", wie man Trump kennt, wird der neue "One" aber länger und größer sein als Putins Aurus.

Panikknopf

Kommuniziert werden ferner rund neun Tonnen Gewicht, 20 cm Panzerung, Schutzklasse Nonplusultra, da sind selbst klingonische Strahlenwaffen machtlos, schusssichere Reifen, Feuerlöschanlage, medizinische Notfallausrüstung samt Blutkonserven mit Trumps Blutgruppe. Auf Stehhöhe angehobenes Dach erleichtert den Einstieg, der präsidiale Spezialsitz kann per Panikknopf abgesenkt werden, und natürlich lassen sich auch Atomkriege von hier aus führen, via Direktleitung zu Vizepräsident und Pentagon.

foto: ap
Chinas Xi Jinping fährt Hongqi

Was die schiere Größe, die Länge angeht, lassen sich auch die Fernostriesen nicht lumpen. Chinas Premier Xi fährt einen 6,4 Meter langen Hongqi ("Rote Fahne") HQE von FAW (6,0-Liter-V12, 400 PS), an Design und Konzept wirkte auch Magna Steyr mit, der Barockengel baut auf Toyota-Basis auf. Mit ein Grund, warum er entfernt an den 6,16 m langen Toyota Century Royal von Japans Premier Shinzo Abe erinnert – ein anderes der insgesamt vier gebauten Fahrzeuge dieses Typs ist Kaiser Akihitos Staatskarosse. Den Antrieb übernimmt ein 5,0-Liter-V12 mit relativ bescheidenen 280 PS.

foto: reuters
Japans Tenno fährt einen Toyota Century Royal

Deutschland beherbergt die bedeutendsten Premiumhersteller der Welt, man kann aus dem Vollen schöpfen wie keine andere Nation. Es gab legendäre, meist Stern-lastige Kanzlerlimousinen, Gerhard Schröder brachte temporär Unruhe in die Tradition mit Audi A8 und VW Phaeton, heute hat Merkel alle Oberklasselimos im Fuhrpark, salomonische Lösung: Mercedes-Maybach S 600 Guard, Audi A8 L W12 6,0 Security, BMW 760 Li High Security.

foto: reuters
Merkel setzt auf A8, S-Klasse und 7er.

Wie man sieht, unterscheiden sich Staatskarossen von normalen Autos wie weiland Fuhrwerke des gewöhnlichen Volkes von den Prunk- und Prachtkutschen gekrönter Häupter. Apropos: Neben dem Tenno fällt einem da gleich einmal die Queen ein. Zum goldenen Thronjubiläum 2002 bekam Elisabeth II. eine 6,22 m lange Bentley State Limousine (aus dem Hause VW also) geschenkt, dessen 6,75-Liter-V8-Twinturbo leistet 405 PS, vorher versah den royalen Dienst ein Rolls-Royce Phantom IV. Und Theresa May? Fuhr als Innenministerin einen 7er-BMW, jetzt als Premierministerin einen Jaguar XJ Sentinel der Schutzklasse VR9.

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Theresa May fährt Jaguar XJ.

Der Blick über den Kanal offenbart eine eminente Kränkung. Was hatte die stolze Grande Nation doch für großartige, avantgardistische Staatskarossen. Und heute? Emmanuel Macron muss sich mit einem vergleichsweise mickrigen DS 7 Crossback (4,57 m) zufriedengeben, Frankreichs Autobauer haben sich inzwischen leider aus der Oberklasse verabschiedet.

foto: peugeot
Macron fährt dienstlich einen DS 7.

Anders Italien. Die haben noch Maserati. Wenig verwunderlich, dass Staatspräsident Sergio Mattarella einen Quattroporte fährt. Unter anderem. Denn zum Fuhrpark zählen auch ein vom Chrysler 300 abgeleiteter Lancia Thema, zwei Thesis und ein Lancia Flaminia Presidenziale, ein Schmuckstück von 1961, 2001 von Fiat generalüberholt. Und Ministerpräsident Giuseppe Conte? Lancia Thema, wie Mattarella – sowie oft und gerne auch ein weißes Taxi. Eventuell nach Rilkes Motto: "Und dann und wann ein weißer Elefant."

foto: ap
Der Papst ist bescheiden und seine Protzlimo ist ein Fiat 500 L.

Noch bescheidener als Macron geriert sich lediglich Papst Franziskus. Den angedienten und geschenkten Lamborghini Huracan versteigerte er, er will eben doch mehr heiliger als eiliger Vater sein. Als Papamobil dient ein auf Hyundais Santa Fe basierendes, auf Auslandsreisen im Auftrag des Herrn zeigt er sich gerne im: Fiat 500L. Damit hat er den kleinsten der hier erwähnten Wagen. (Andreas Stockinger, 5.8.2018)

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