Lehrerin aus Syrien: "Wir wollen auch etwas zurückgeben"

    4. August 2018, 09:00
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    Sie wolle wieder unterrichten, sagt Kholoud Alenglizi. Die 35-Jährige leidet unter den Vorurteilen gegen Geflüchtete

    "Mit Menschen, nicht mit Maschinen zu arbeiten: Das gefällt mir besonders an meinem Beruf. Ich mag es, jedes Jahr neue Kinder kennenzulernen, neue Erfahrungen zu sammeln. Es ist für mich nicht nur ein Beruf, sondern auch mehr. Ich habe das Gefühl, als Lehrerin etwas zur Gesellschaft beizutragen.

    In Syrien, wo ich herkomme, habe ich zwölf Jahre als Lehrerin gearbeitet. Mittlerweile herrscht dort aber Krieg. Als mein Mann eingezogen werden sollte, sind wir weggegangen. Zuerst in die Türkei und weil dort die Bedingungen sehr schlecht waren, dann weiter nach Europa. Seit drei Jahren leben wir nun hier in Österreich. Ein Jahr lang haben wir in Niederösterreich, in Lilienfeld, gewohnt. Ich habe dort als Freiwillige Kinder in Englisch unterrichtet und Deutsch gelernt. Es war sehr romantisch in Lilienfeld und sehr ruhig. Aber es war schwierig, eine Arbeit zu finden.

    Also sind wir nach Wien umgezogen, weil wir gehofft haben, dass es dort leichter sein wird. Damit ich in Österreich als Lehrerin arbeiten kann, habe ich einen Kurs an der Uni Wien besucht. Wir waren 23 Lehrer aus Syrien, Irak, dem Iran, Tschechien und Russland. Wir hatten Unterricht in Pädagogik und Deutsch. Wir mussten auch Praktika an Schulen machen. Im Juni habe ich den Kurs abgeschlossen. Mit dem Zertifikat kann ich über einen Sondervertrag angestellt werden. Ich habe mich beim Stadtschulrat beworben, aber bis jetzt leider noch keine Nachricht erhalten.

    Einstweilen werde ich mir einen anderen Job suchen und nebenbei noch ein zweites Fach studieren. In Österreich ist es, anders als in Syrien, üblich, zwei Fächer zu unterrichten.

    Eine Brücke bauen

    Mein Mann hat genauso wie ich Probleme, eine Arbeit zu finden. In Syrien war er Controller in einer Bank. Hier hat er eine Zeitlang in einem Restaurant gearbeitet, das ist besser, als nur zu Hause zu sitzen. Jetzt lernt er noch besser Deutsch und sucht nach einer guten Ausbildung. Er würde gerne Buchhaltung machen.

    Trotz allem wird uns nicht langweilig. Wir haben gemeinsam mit einem Freund einen Verein gegründet: für Flüchtlinge, aber auch für Österreicher. Er heißt 'Die Brücke des Friedens', weil wir versuchen, eine Brücke zu bauen zwischen uns neuen Österreichern und den Österreichern. Jeden Freitag organisieren wir ein Sprachcafé im dritten Bezirk. Es ist offen für alle. Man kann Kaffee trinken und mit anderen reden. Wir freuen uns, dass jeden Freitag neue Leute kommen. Das bedeutet, dass es ihnen gefällt.

    Um eine Brücke zu bauen, ist Kommunikation ganz, ganz wichtig. Darum organisieren wir auch kostenlose Deutschkurse für Flüchtlinge ohne Bescheid. Um Geld für den Verein zu sammeln, veranstalten wir alle paar Monate einen Bazar. Wir kochen syrisches Essen, syrische Spezialitäten und verkaufen sie.

    Stark unter Druck

    Für den Sommer haben wir Aktivitäten für die Kinder organisiert. Sie sind alle zwischen sechs und 14 – dass sie den ganzen Tag nichts zu tun zu haben, ist nicht gut für sie. Wohnpartner hat uns einen Raum zur Verfügung gestellt. Dort werden die Kinder in Mathematik, Englisch und Deutsch unterrichtet. Deutsch lernen österreichische Lehrerinnen mit ihnen. Das ist wichtig, damit sie keinen Akzent bekommen. Letzte Woche sollten alle ein Referat vorbereiten, ein 14-jähriges Mädchen hat über das Klavier gesprochen. Die Kinder dürfen aber auch Ball spielen und malen. Die Kleineren studieren einen Tanz ein, die Älteren drehen einen Film.

    Ich fühle mich sehr wohl in Wien. Wir haben eine Wohnung im zweiten Bezirk und fahren oft in der Hauptallee im Prater Fahrrad. Ich bin froh, hier zu sein. Gleichzeitig habe ich oft Angst um meine Eltern, die noch in Syrien sind. Jeden Tag rufen wir sie an und fragen, wie die Situation ist. Aus Syrien weggehen wollen sie nicht. Mein Vater ist alt, und er sagt jeden Tag: Nein, der Krieg ist bald vorbei, und ihr kommt zurück. Er hat auch einen Bauernhof, den er nicht verlassen will.

    Wir Flüchtlinge stehen in Österreich leider auch stark unter Druck. Die Leute wollen uns hier nicht haben. Sie sagen: Es gibt keinen Krieg in Syrien, ihr wollt nur unser Geld. Darunter leide ich sehr. Es stimmt: Wir suchen nach Sicherheit, aber wir wollen auch etwas zurückgeben." (Protokoll: Lisa Breit, 4.8.2018)

    • Seit drei Jahren lebt Kholoud Alenglizi in Österreich. An der Uni Wien hat sie an einem Kurs teilgenommen, mit dem Zertifikat kann sie an österreichischen Schulen arbeiten.
      foto: lisa breit

      Seit drei Jahren lebt Kholoud Alenglizi in Österreich. An der Uni Wien hat sie an einem Kurs teilgenommen, mit dem Zertifikat kann sie an österreichischen Schulen arbeiten.

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