Haben wir die Buckelwal-Gesänge völlig falsch verstanden?

3. August 2018, 12:02
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Psychologe glaubt, dass bisherige Interpretationen grundlegend falsch sind: Die Wale würden für sich selbst singen, nicht für ein Publikum

foto: jérémie silvestro / wikimedia commons, cc by-sa 4.0
"Make your own kind of music, sing your own kind of song ...".

Buffalo – Zu den berühmten Gesängen von Buckelwalen gibt es mittlerweile mehr Interpretationen, als man aufzählen kann. Doch egal, ob die komplexen Lautäußerungen aus einer nüchtern-informationsgehaltbezogenen, einer ästhetischen oder gar einer esoterischen Perspektive betrachtet werden – ein Minimalkonsens besteht zwischen all diesen Sichtweisen: Nämlich dass die Meeresriesen für ein Publikum singen.

Und genau hier widerspricht nun Eduardo Mercado III; kein Biologe, sondern ein Psychologe von der University at Buffalo im US-Bundesstaat New York. Er glaubt, dass die Wale in Wirklichkeit für sich selbst singen. Seine These stellte er im Fachjournal "Frontiers in Psychology" vor.

Ein Fall von Projektion?

Dass Wale die Gesänge ihrer Artgenossen genießen könnten, hält Mercado für einen Fall von Projektion: Wir würden lediglich unsere Annahmen einer anderen Spezies überstülpen. Zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung kam er, als er für einen Studenten-Job Walgesänge analysieren sollte.

Dabei ergaben sich für ihn Widersprüche – etwa dass viele individuelle Walgesänge fortwährendem Wandel unterzogen sind, was Kommunikation nicht eben erleichtern würde. Mercado vergleicht es damit, als hätte ein Mensch die Aufgabe, jährlich eine neue Sprache zu lernen, die eine vollkommen andere Grammatik als die eigene Muttersprache hat.

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Fast schon historisch: Buckelwalgesänge auf Vinyl gepresst.

Mercado glaubt daher, dass Buckelwale ihre Gesänge ähnlich wie Sonar einsetzen. Sie schicken seiner Hypothese nach komplexe Klangfolgen aus, um aus den zurückkehrenden Echos akustische Repräsentationen ihrer Umwelt zu gewinnen. Dies würde ihnen im Rahmen einer "Auditory scene analysis" (einem Konzept aus der Wahrnehmungspsychologie) anzeigen, wo sich potenzielle Paarungspartner oder Konkurrenten aufhalten, wohin sich diese bewegen und ob der Sänger zu ihnen aufschließen kann.

Männliche Buckelwale singen nur während der Paarungszeit – ein Zusammenhang mit Fortpflanzungsbemühungen ist daher kaum wegzudiskutieren, auch nicht von Mercado. Der grundlegende Unterschied ist, dass in seiner Version durch die Gesänge nicht Weibchen beeindruckt oder andere Männchen abgeschreckt werden sollen, da die Lieder nicht von Zuhörern, sondern vom Sänger selbst ausgewertet werden.

Mercado räumt ein, dass die meisten Biologen seine Hypothese für reinen Nonsens halten werden, zumal er auch nicht vom Fach kommt. Skeptikern hält er aber ein simples "Widerlegt mich" entgegen. (red, 3. 8. 2018)

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