Im Zirkus "Krone"

Kolumne2. August 2018, 18:06
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Jede Woche wird das Programm um eine neue Nummer bereichert

Herrreinspaziert, herrreinspaziert, hier sehen Sie, was Sie noch nie gesehen haben! Sie werden lachen, Sie werden weinen, das Grauen wird Sie packen. Wenn Sie unser Etablissement verlassen, werden Sie sich nie mehr wundern, was alles möglich ist. Vergessen Sie die Dame ohne Unterleib, bewundern Sie bei uns die bestgenährte Hungerkünstlerin der Welt. Sie lebt von 150 Euro im Monat, fünf Euro pro Tag, und schliefe sie nicht unter den Brücken, die ihre Freunde so eifrig bauen, wäre die Miete in der üppigen Gage auch noch spielend drin.

Und schon tritt der rasende Norbert in die Manege. Er lässt sich aus der Kanone, für die er sich selbst hält, mit exakt 159 Stundenkilometern für Sie in die Gegend schießen, ein Bruchlandungsartist, der tut, was möglich ist, ohne wissen zu wollen, warum. Ihm folgt der große Sebastiano mit seiner hierzulande noch nie gezeigten sensationellen Entfesselungsnummer: Wird es ihm gelingen, sich aus den bleischweren Ketten des christlich-sozialen Gewerkschaftskammerstaates zu befreien?

Die atemlose Spannung bis zum Ausgang des Experiments weicht sofort gelöster Stimmung, sobald der Konzentrierer und seine braunen Walachen in die Arena traben. Einmal gesehen, wie sie unter dem feinnervigen Gesäß, das seine Aktionen stets leitet, zur Terrorismusquadrille in die Levade gehen, werden Sie bis ins Mark spüren, was einen Zirkus ausmacht, der beschützt. Das abschließende Feuerwerk aus Sturmgewehren zu Ehren des magyarischen Pferdesponsors wird begleitet von den lustigen Schächterspäßen der Clowns in ihren blau-braun-karierten Kostümen. Dann ist einmal Pause.

Sprung aus der sozialen Hängematte

Danach geht es weiter mit Spannung total. Der Sprung aus der sozialen Hängematte ist die nächste Nummer, und sie fordert den Nerven des Publikums alles ab. Andere Etablissements mögen sich da mit einem Sicherheitsnetz von Erbschafts- und Vermögenssteuer durchmogeln, das die Vorführung weniger gefährlich erscheinen lassen soll. Nicht so hier. Alles, was weniger wäre als ein Salto sociale mortale, ist in diesem Zirkusprogramm nicht vorgesehen.

Kein Zirkus ohne einen Dompteur, womit wir zum Höhepunkt der Vorstellung kommen. Ein Glücksfall, dass dieses Haus über einen Star verfügt, der seiner Berufung vom Bierzelt ins Zirkuszelt nachgab. Mit harmlosem Getier wie Löwen und Tiger gibt er sich gar nicht ab. Er wagt sich in die Höhle des Journalismus, um den Bestien der vorgefassten Meinung endlich beizubringen, wie sie durch den blauen Reifen zu springen und blaue Wortspenden gehorsam, statt sie zu hinterfragen, entgegenzunehmen haben. Im ORF ist man schwer beeindruckt.

Und kein Zirkus ohne Zauberer. Noch einmal Sebastiano, diesmal als Magier mit seinem Illusionstrick, wie man durch Schließung der Mittelmeerroute hunderttausende Flüchtlinge aus Europa verschwinden lässt. Er wird darum international beneidet und vielfach nachgeahmt.

Also herrreinspaziert, herrreinspaziert, jede Woche wird das Programm um eine neue Nummer bereichert. Kinder und Industrielle zahlen die Hälfte. Und alles steht unter der geistigen Patronanz des traditionellen Zirkus "Krone". (Günter Traxler, 2.8.2018)

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