Was für und gegen Handyverbote an Schulen spricht

    3. August 2018, 06:00
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    Französische Schüler müssen fortan ihre Handys zu Hause lassen. Auch hierzulande stellt sich die Frage: Sind sie ein zeitgemäßes Rechercheinstrument oder bloß stupide Ablenkung?

    In Frankreich wurde gerade ein umfassendes gesetzliches Handyverbot an Schulen beschlossen. Allen Kindern und Jugendlichen zwischen drei und 15 Jahren wird nach den Sommerferien die Nutzung von sämtlichen internetfähigen Geräten wie Handys, Tablets und Smartwaches untersagt. Das Verbot wird dann nicht nur in allen Räumlichkeiten der französischen Bildungseinrichtungen gelten, sondern auch bei schulischen Aktivitäten außerhalb des Schulgebäudes verbindlich sein.

    In Schulen in Bayern sind Handys bereits seit dem Jahr 2006 untersagt. Die Geräte dürfen dort zwar mitgebracht werden, sie müssen aber ausgeschaltet und in der Schultasche bleiben. Diese Regelung gab es in Frankreich schon bisher, nun wurde sie verschärft.

    In New York setzte Bürgermeister Bill de Blasio 2015 ein allgemeines Handyverbot an Schulen wieder außer Kraft, das sein Vorgänger Michael Bloomberg eingeführt hatte. Elternvertreter hatten das Verbotkritisiert – und auch der Bürgermeister selbst räumte ein, dass er seinen Sohn mit Handy zur Schule schickt.

    Auch in Österreich wird über Handyverbote diskutiert.

    foto: heribert corn

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    Handys lenken ab, das weiß jeder, der eines besitzt. Beim Essen mit der Familie, in der Arbeit – und eben auch in der Schule, wo das Alternativangebot zum Smartphone womöglich der gerade wenig prickelnde Unterrichtsstoff ist.

    Handys zu verbieten bringt einen Gewinn im Lernerfolg, der einer zusätzlichen Unterrichtswoche im Jahr entspricht. Zu diesem Schluss kamen Forscher von der London School of Economics im Jahr 2015: Sie untersuchten englische Schulen, bevor und nachdem dort ein Verbot der Geräte eingeführt wurde. Die Testergebnisse der 16-jährigen Schüler steigerten sich im Schnitt um 6,4 Prozent – das entspreche fünf Schultagen extra, geht aus der Studie hervor.

    Schulen haben bereits Regeln

    Am meisten profitierten Schülerinnen und Schüler, die bisher bei Prüfungen schlechter abschnitten, und solche, die aus Haushalten mit niedrigem Einkommen stammen.

    Die österreichische Bundesregierung will sich zwar kein Beispiel an Frankreich nehmen: Smartphoneverbote seien nicht zielführend, heißt es aus dem Bildungsministerium. An vielen heimischen Schulen gibt es jedoch längst Hausordnungen, die den Umgang mit Handys regeln. Die meisten sehen vor, dass die Geräte während der Unterrichtsstunden ausgeschaltet sein müssen – außer wenn sie gemeinsam für Unterrichtszwecke genutzt werden. Einige Schulen schließen aber auch den Handygebrauch in der Pause aus.

    Möglichkeit für Sanktionen

    Lehrergewerkschafter Herbert Weiß kann teilweisen Handyverboten einiges abgewinnen: "Die Ablenkung durch Handys ist enorm, die Jugendlichen haben im Grunde immer ein Spielzeug bei der Hand", sagt er. Hinzu kommt: Mit einem Smartphone lässt es sich hervorragend schummeln. Alarm-, Piep- und Klingeltöne lenken außerdem nicht nur die Aufmerksamkeit des Handybesitzers auf sich, sondern unterbrechen kurzzeitig den gesamten Unterricht.

    Da die meisten Schulen bereits Verhaltensregeln für den Umgang mit Smartphones aufgestellt hätten, brauche es nun in erster Linie noch die gesetzliche Möglichkeit, diese zu sanktionieren. Er denke an Konsequenzen wie "Hilfe bei harmlosen Reinigungsdiensten". Weiß: "Viele Kinder stehen unter ständigem Stress, weil sie Angst haben, im Internet etwas zu verpassen. Dem sollten Schulen etwas entgegensetzen."

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    Wischen, klicken, eine kurze Recherche für die Hausübung, flirten, die Verspätung in der Familien-Whatsapp-Gruppe ankündigen, spielen, Nachrichten lesen – Jugendliche nutzen ihre Handys täglich und in fast allen Lebensbereichen. Eine Studie der Arbeiterkammer Wien aus dem Jahr 2016 zeigt: 96 Prozent der befragten Teenager in Österreichs Hauptstadt besitzen ein Smartphone. Mehr als drei Viertel haben darüber hinaus zu Hause einen WLAN-Anschluss, mit dem sie Internet auf Handys und Tablets nutzen können, ohne dass zusätzliche Kosten anfallen. Mobile Geräte gehören zur jungen Lebensrealität.

    Schulen technisch ausstatten

    Diese aus dem Schulalltag auszusperren, hält Bundesschulsprecher Harald Zierfuß für sinnlos: "Ein Problem mit den Handys gibt es doch nur dann, wenn Kinder, Jugendliche oder Erwachsene nicht richtig damit umgehen können", sagt er. "Würde man sie in Schulen verbieten, klammert man auch viele Chancen aus."

    Denn aktuell ist es um die technische Ausstattung heimischer Bildungseinrichtungen nicht wahnsinnig gut bestellt. An nur 31 Prozent der Pflichtschulen wird WLAN angeboten. "Internetrecherchen können den Unterricht bereichern, dafür müssen die Jugendlichen an den meisten Schulen ihre Handys nutzen, weil es sonst keine Geräte gibt", weiß Zierfuß, der der ÖVP-nahen Schülerunion angehört. Erst wenn die Schulen besser ausgestattet seien, könne man über Verbote reden.

    Gefahren aufzeigen

    Sara Velic, Vorsitzende der roten Aktion kritischer Schüler_innen (AKS) findet: "Ein Verbot ist realitätsfern. Es macht keinen Sinn, wenn das Smartphone außerhalb des Schulgebäudes einen immer höheren Stellenwert hat."

    "Die Welt hat sich verändert", sagt auch die Bildungsforscherin Christiane Spiel: "Schulen müssen sich dieser Herausforderung stellen und damit umgehen." Natürlich müssten im Unterricht auch handyfreie Zeiten vereinbart werden. Aber grundsätzlich solle die Schule zeigen, "wo man das Handy sinnvoll nutzen kann – und auch, wo es Gefahren gibt", sagt Spiel.

    Vielen Eltern ist es außerdem wichtig, dass ihre Kinder erreichbar sind – und die Kinder sie kontaktieren können, wenn eine Stunde ausfällt oder der Bus verpasst wurde. Gerade in Notfällen spart das Handy den umständlichen Umweg über die Direktion, die womöglich nicht immer besetzt ist. (Sebastian Fellner, Katharina Mittelstaedt, 3.8.2018)

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