Packender aber riskanter: Segler am Abflugschalter nach Tokio

    1. August 2018, 17:19
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    Seit die Boote dank Foils weit aus dem Wasser kommen, ist Segeln interessanter aber auch gefährlicher geworden

    Der erste "wirklich schwere Unfall", sagt Thomas Zajac, ist nur eine Frage der Zeit. Und wenn Zajac "wirklich schwer" sagt, dann meint er wirklich "wirklich schwer". Quasi mittelschwere Unfälle hat es schon einige gegeben, seit Segelboote auch in olympischen Klassen dank Kufen ("Foils"), also auf Rudern und Schwertern, flott aus dem Wasser kommen und noch flotter über das Wasser und auch über dem Wasser dahingleiten. Geht ein Segler oder eine Seglerin über Bord und wird dann von einem Foil erwischt, sind Schnittverletzungen die logische Folge. Ein Däne musste mit sechzig Stichen genäht werden, eine Italienerin mit vierzig Stichen. Ein US-Amerikaner büßte gar vier Finger ein. Diesen Unfall hat Zajac ganz aus der Nähe miterlebt. "Wir haben die Finger noch im Meer gesucht, aber leider nicht gefunden."

    WM vor Aarhus

    Zajac (32) ist Österreichs erfolgreichster Sommersportler im vergangenen Jahrzehnt, gemeinsam mit Tanja Frank hat er in diesem Zeitraum die eine und einzige Olympiamedaille geholt, es war 2016 in Rio de Janeiro, und es war Bronze in der Nacra-17-Klasse. Mittlerweile sitzen Zajac und Frank nicht mehr in einem Boot, er hat in Barbara Matz eine neue Nacra-17-Vorschoterin gefunden, sie steuert nun auch, aber einen 49erFX, in dem Lorena Abicht an der Vorschot sitzt. Ab Donnerstag geht es für beide – wie auch vor allem für David Bargehr und Lukas Mähr (470er) sowie Benjamin Bildstein und David Hussl (49er) – bei der WM vor Aarhus in Dänemark um WM-Medaillen und auch schon um Quotenplätze für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio.

    Hohes Risiko

    Und es geht darum, sich nicht wehzutun. Zajac ist keiner, der bremst. Im Gegenteil, der Wiener schwärmt von seinem Sport. "Segeln allein gibt dir schon ein irres Gefühl von Freiheit. Und durch die Kombination mit dem Fliegen hat sich das noch einmal enorm verstärkt." Das ist die Sonnenseite. Die Schattenseite ist das Risiko. Helmpflicht versteht sich von selbst. "Babsis Helm", sagt Zajac, "schaut mit seinen Dellen schon aus, als ob sie einen Hagelschaden hätte." Die foilenden Boote werden bis zu 70 km/h schnell. Viele Trainer mussten ihre Motorboote aufrüsten, um das Tempo der Segler halten zu können.

    Kollisions-Gefahr

    Zajac erinnert an den America's Cup, bei dem die mächtigen Boote erstmals 2013 vor San Francisco am Foilen waren. "Dort segelt im Finale ein Boot gegen ein anderes Boot, das ist überschaubar." In einer WM- oder Weltcup-Regatta sind oft dutzende Boote auf dem Wasser. Die Gefahr einer Kollision ist ungleich größer. Dramatisch kann es werden, wenn ein Boot foilt, das andere aber nicht. Zajac: "Dann kommt das foilende Boot in Kopfhöhe daher."

    Bei größerer Geschwindigkeit fallen Fehlentscheidungen des Steuermanns oder der Steuerfrau, auch von ihnen gibt es einige in der Nacra-17-Klasse, schwerer ins Gewicht. Wie schon traditionell vor Großevents haben sich Österreichs Segler auch auf die WM mit der italienischen Meteorologin Elena Cristofori vorbereitet. Aarhus ist laut Zajac ein sehr spezielles Revier. "Flachwasser, oft ablandiger, drehender Wind." Am ehesten kann man Aarhus mit Kiel vergleichen, die dortige Woche haben Zajac/Matz heuer immerhin als Dritte beendet.

    Quotenplätze für Tokio 2020

    Jeweils acht Nationen pro Bootsklasse ergattern schon bei der WM einen Quotenplatz für Tokio 2020. Das ist das erklärte Ziel von Zajac und Matz. Ein Quotenplatz würde den Qualifikationsdruck nehmen und Ruhe in der Vorbereitung bringen. Ruhe ist das Wichtigste, die Zeiten sind riskant genug. (Fritz Neumann, 1.8.2018)

    • Zajac und Matz haben Luft nach oben. Aber auch nach unten.
      foto: david pichler

      Zajac und Matz haben Luft nach oben. Aber auch nach unten.

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