Die unsichtbare, subtile Gewalt in der Pflege

    2. August 2018, 11:51
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    In 60 Prozent der Heime sei die Qualität der Pflege zu beanstanden, kritisiert die Volksanwaltschaft. Besonders das überaus heikle Thema Gewalt in der Pflege werde kaum thematisiert

    Die alte Dame hat ins Bett genässt. Keiner der Pfleger hatte ihr geholfen, aufs WC zu gehen. Sie habe sich "so geschämt", klagte die Frau aus Graz später in einem TV-Interview. Ihr Fall wird jetzt, wie einige andere auch, von einer Kommission untersucht. Drei Pfleger des LKH Graz Süd-West sind bereits entlassen worden. Es war einer dieser "Pflegeskandale" in Heimen, vor denen die Volksanwaltschaft schon lange gewarnt hatte.

    In Österreichs Pflegeheimen herrscht vielerorts und subtil Gewalt, vom Pflegepersonal oft nicht als solche wahrgenommen. Es beginnt scheinbar harmlos: Bettlägerige werden geduzt, es wird an ihnen vorbeigeredet: "Na, der Herr Posch war heute aber wieder ganz schlimm." Müssen Pflegebedürftige gewaschen werden, wird bisweilen nicht sonderlich darauf geachtet, ob das Wasser zu kalt oder zu heiß ist, es kommt auch, so steht es immer wieder in Prüfberichten der Volksanwaltschaft, zu "unangemessenen und groben Berührungen im Intimbereich".

    In nacktem Zustand

    Oft werden Patienten unbedacht zu lange in nacktem Zustand belassen. Schließlich das sensible Thema "Ausscheidungen": Die Prüfkommissionen kritisieren das oft unnötig frühe Anlegen von Kathetern, die nicht notwendige Verwendung von Windeln oder ein zu spätes Wechseln.

    Radio und Fernsehen werden oft willkürlich abgedreht. Es wird kaum Rücksicht auf individuelle Tag-Nacht-Rhythmen genommen. Prüfer der Volkswirtschaft erinnerten in ihren Aufzeichnungen etwa an ein Heim mit einem wunderbaren Garten und Terrassen. Selbst im Sommer wurden die Pflegepatienten bereits um 18 Uhr in ihren Zimmern "verstaut".

    Das, worum es geht, sagt Volksanwalt Günther Kräuter, "ist die Menschenwürde, die Autonomie, die Selbstbestimmung".

    Auch Gabriele Thür, stellvertretende Leiterin der zwei Geriatriezentren und acht Pflegewohnhäuser des Wiener Krankenanstaltenverbundes, hat so ihre Erfahrungen gesammelt: "Gewalt in der Pflege fängt an, wenn das Zimmer betreten wird, man, ohne zu fragen, die Decke wegzieht und mit der Körperpflege beginnen möchte." Hier müsse vorher gesagt werden, warum etwas durchgeführt werden soll. Was auch hilft: höflich fragen. "Bei uns lebt zum Beispiel eine ehemalige Kellnerin. Die Dame will nicht um 7.30 Uhr frühstücken", erzählt sie. Im Pflegeheim gebe es "Open-End-Frühstück".

    Die Volksanwaltschaft ist jedenfalls nach hunderten Kontrollen in Österreichs Pflegeheimen zum Schluss gekommen: In 60 Prozent der österreichischen Heimen seien die Pflegezustände zu kritisieren.

    Dazu zählt letztlich auch die medikamentöse Problematik. Die Medikation ist in 56 Prozent der untersuchten Heime höchst bedenklich, sagt Kräuter. In einer Tiroler Einrichtung sei etwa bei fast allen Pflegebedürftigen eine auffallend hohe Anzahl von verordneter Dauermedikation (13 bis 16 Medikamente pro Tag) plus zusätzlicher Einzelfallmedikation festgestellt worden. Zudem sei etwa die Verabreichung von Psychopharmaka ohne psychiatrische Diagnose Usus gewesen. Die Behandlungen wurden für "Diagnosen" wie "Schluckauf", "Unruhe", "Druck im Kopf" oder sogar "vor dem Duschen" angewendet.

    Zu wenig Personal

    All den kursorisch genannten Beispielen liege ein Hauptproblem zugrunde, sagt Kräuter: Es herrsche in den Heimen ein akuter Mangel an qualifiziertem, ausgebildetem Personal. In rund der Hälfte der Heimeinrichtungen sei die Ausstattung mit diplomiertem Personal im Nachtdienst "nicht ausreichend".

    Aufgefüllt werden die Pflegedienste auch durch Arbeitslose, die angelernt wurden. Von Mitte 2017 bis Mitte 2018 wurden 2600 Männer und Frauen in diesem Bereich vom AMS umgeschult – 1600 davon für Altenpflege und Heimhilfe, der Rest in der Krankenpflege. Kräuter warnt in diesem Zusammenhang vor "Schnellsiederkursen".

    Nach Berechnungen des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands werden im Jahr 2030 jedenfalls rund 30.000 ausgebildete Pflegerinnen und Pfleger fehlen. Und was dabei noch völlig ausgeblendet ist: Jene, die zu Hause von Angehörigen gepflegt werden – ein weiteres großes Problemfeld. Gabriele Thür geht hier von "einer hohen Dunkelziffer" aus. Einerseits hätten die Personen, die Angehörige pflegen, keine Ausbildung, keine Schulungen. Andererseits gebe es de facto keine Kontrollen wie auch Qualitätskriterien.

    Die Volksanwaltschaft weist auch noch auf ein weiteres Problem hin: Mit der Hilfe für Pfleger schaut es bitter aus, Supervision für das "völlig überforderte, manchmal Burnout-gefährdete Personal finde de facto nur in rund 20 Prozent der Heimen statt. Es gehe darum, die Pflegerinnen und Pfleger unter anderem mit Antiaggressionstherapien vertraut zu machen, denn auch das Pflegepersonal ist bisweilen aggressiven Handlungen oder Beschimpfungen von Patienten ausgesetzt.

    Es müssten in allen Einrichtungen Konzepte zur Gewaltprävention ausgearbeitet werden. Diese sollten nicht nur helfen, ältere Menschen vor psychischer, körperlicher oder struktureller Gewalt zu schützen, sondern auch sie selbst vor Übergriffen von betagten Personen.

    Bewusstsein muss wachsen

    Wie man dies alles verhindern kann? "Wichtig ist eine gute Führung, also wie das Klima im Team ist, dann natürlich auch die einzelnen Schulungen", sagt Pflegeexpertin Gabriele Thür vom Krankenanstaltenverbund. Die Fortbildung funktioniere zwar auf freiwilliger Basis, aber es sei "wichtig, dass in Spezialbereichen immer jemand tätig wird, der eine besondere Fortbildung wie Konfliktmanagement aufweist". Beim Personal achte man auch darauf, dass es eine "gute Durchmischung in den Nachtdiensten beziehungsweise Wochenenddiensten" gibt. Mitarbeiterorientierungsgespräche und Supervision fänden regelmäßig statt, versichert Thür.

    Für die wichtigen Fragen in der Pflege müsse erst das Bewusstsein wachsen, sagt Kräuter. In Österreich ist ein explizites Recht auf eine respektvolle, fachgerechte und an aktuelle Standards ausgerichtete Pflege derzeit nur in den Landesgesetzen von Wien und Tirol festgeschrieben. "Erst wenige Politiker erkennen die Dimension der gesellschaftspolitischen Herausforderung", sagt Kräuter. (Peter Mayr, Walter Müller, 2.8.2018)

    • Heikler Ort Pflegeheim: Die Volksanwaltschaft fordert für alle Einrichtungen Konzepte zur Gewaltprävention.
      foto: picturedesk/trippel

      Heikler Ort Pflegeheim: Die Volksanwaltschaft fordert für alle Einrichtungen Konzepte zur Gewaltprävention.

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