Urlaub in Österreich anno 2050

    5. August 2018, 10:00
    32 Postings

    Der Zukunftsforscher Andreas Reiter macht Urlaub in Österreich und reist dafür ins Jahr 2050. Eine fiktive Reportage über heißbegehrte Ziele an kühlen Alpenseen und Flugdrohnen im Retrolook

    Ein schwüler Morgen im Juli 2050. Darian steht am Fenster seines Hotelzimmers und macht die ersten Fitnessübungen. Er ist ausgeruht, das smarte Kissen hat ihn gekonnt in den Schlaf massiert, die intelligente Matratze sich seinen biometrischen Daten angepasst. Draußen glitzert der Grundlsee, Darians erster Halt auf seiner Österreich-Reise.

    foto: reuters / leonhard foeger
    Wie wir uns im Jahr 2050 auf dem Grundlsee bewegen werden? Natürlich in der Plätte. Retro-Atmosphäre und die angenehm kühle Wassertemperatur zu Zeiten fortgeschrittener Klimaerwärmung werden in Zukunft gefragt sein.

    Er ist gestern Abend aus Frankfurt mit dem Hyperloop, einem Hochgeschwindigkeitszug, nach Salzburg geflitzt und von dort mit einer solarbetriebenen Taxi-Drohne weitergereist. Längst vernetzen derartige High-Speed-Züge Europas Städte – Flugzeuge sind auf Strecken unter 800 Kilometern aus klimatechnischen Gründen verboten, weshalb ehemalige Billig-Airlines wie Ryanair massiv in den Ausbau der Hochgeschwindigkeitsnetze (und in die boomenden Weltraum-Flugstrecken) investieren.

    foto: reuters / christopher pike
    Hyperloops, also über 1.000 km/h schnelle Magnetschwebebahnen in einer Röhre, gelten als vielversprechendes Transportmittel der Zukunft. In Dubai wurde Anfang 2018 ein Prototyp vorgestellt.

    Darian ist nun mit seinem Fitnessprogramm fertig (er hat jetzt wieder ein sattes Plus auf seinem Personal Health Account und wird bald mit sinkenden Gebühren bei seiner Krankenkasse belohnt). Nach einer belebenden Vitamindusche – auf sein individuelles DNA-Profil abgestimmt – geht Darian hinunter auf die Frühstücksterrasse direkt am Seeufer. Was für ein grandioser Platz: Über den spiegelglatten See gleitet ein Ruderboot, rundum sattes Grün und sanfte Berghänge.

    Klimagewinner

    Das Salzkammergut ist einer der großen Gewinner des Klimawandels, der Österreich längst zu einer führenden Sommerdestination gemacht hat. Familien, die früher ans Mittelmeer geflogen sind, vergnügen sich nun an den kühleren Seen in den Alpen. Keine 40 Grad wie im Süden, keine Algen. Die Winzer im Salzkammergut experimentieren mit Traubensorten, die es früher nur im Piemont gab. Die Sommer-Wettbewerber Österreichs liegen in Skandinavien: Zum Baden fährt man nach Südschweden, zum E-Grooving (virtuelles Wohlfühlen) nach Norwegen. Island lässt Touristen nur noch außerhalb der Sommersaison ins Land.

    Darian hingegen genießt sein Urlaubsglück in Österreich, trinkt einen Schluck Grundlwasser (das, in edle Designerflaschen gefüllt, ein Exportschlager in den Emiraten ist) und blickt auf die Zitronenbäume am Seeufer. Er lobt seinen persönlichen Travel-Bot – die Algorithmen fanden hier die größte Übereinstimmung mit seinen Bedürfnissen.

    Vor allem auch: keine chinesischen Touristenmassen wie nebenan in Hallstatt oder in der Stadt Salzburg, die inzwischen beide die Hochzeitsdestinationen für chinesische Paare sind – und für Individualtouristen wie für Einheimische längst unerträglich. Dabei dürfen 2050 nur jene Chinesen ins Ausland, die ein exzellentes Social Scoring (AAA) aufweisen können.

    Der chinesische Staat bewertet seit 2020 Lebenslauf und Verhalten seiner Bürger: Konsumverhalten, politische Einstellung und sexuelle Präferenzen fließen ebenso darin ein wie die Likes & Posts in den sozialen Netzen. Dieses Modell wurde von etlichen ehemaligen EU-Staaten (Italien, Polen, Ungarn) übernommen, in Österreich scheiterte die Einführung knapp an einer Online-Volksbefragung.

    Teures Gut: Persönliche Dienstleistungen

    Darian schwimmt noch eine Runde im See und plaudert dann beim Auschecken face to face mit der Rezeptionistin. Das ist im Jahr 2050 nicht selbstverständlich und ein deutliches Feature der Premium-Hotellerie: persönliche Dienstleistungen statt Rezeptionsroboter – in einer automatisierten und von Algorithmen gelenkten Welt ein (teuer zu bezahlender) USP.

    foto: motel one
    Service-Roboter in der Hotellerie? Sind keine Zukunftsmusik mehr. Dieses österreichtaugliche Modell in Lederhose stellte die Low-Budget-Hotelkette Motel One bereits 2017 in München vor.

    Ja, die Welt ist intelligent geworden, auch die touristische: Predictive Analytics erkennt die Sehnsüchte des Kunden schon bei dessen Recherche und schlägt die passende Destination vor, biometrischer Scan beim Einchecken und smarte Umgebung (intelligente Tapeten im Hotel verändern ihre Farbtönung je nach Stimmung des Gastes). Bezahlt wird mit Itsme, einem Chip, der direkt in die Handfläche eingewoben ist.

    Dass seine Reise nach Österreich perfekt gestaltet ist, merkt Darian auch an seiner nächsten Station: Wien. Öffis, selbstfahrende Taxis und die kleinen Flugdrohnen im Habsburger-Look (die Nachfolger der E-Bikes) sind in dieser Smart City reibungslos miteinander verzahnt.

    Die Stadt ist das Historic Highlight in Europa und liegt bereits an dritter Stelle im europäischen Städte-Tourismus (hinter Berlin und Rom). Darian, einem Data-Scientist, gefallen die Retro-Atmosphäre, die wertige Ausgestaltung des Stadtraums, die gepflegte Esskultur sowie die altehrwürdigen Museen (dass – abseits der etablierten Institutionen – die Kulturlandschaft unter dem langjährigen FPÖ-Bürgermeister auf Kleingartenniveau abgesunken ist, kann er ja nicht wissen).

    foto: apa / afp / justin tallis
    Selbstfahrende Taxis stehen in europäischen Städten unmittelbar vor der Testphase. Bisher bremsen sie Sicherheitsbedenken aus.

    Ja, schön ist es hier, denkt er und zahlt gerne den dreimal so hohen "Sundowner"-Tarif für den Cocktail mit Blick auf den Stephansdom – für diese Location um diese Zeit ist natürlich eine Voranmeldung erforderlich.

    Premium-Land

    Ein derartiges Dynamic Pricing ist nun auch im Tourismus generell an der Tagesordnung: Skifahren bei Schönwetter kostet einfach mehr als an einem Nebeltag. 2050 ist Skifahren aber ohnehin – schon klimatechnisch – auf wenige hochalpine Gebiete konzentriert und purer Luxus. Österreich ist ein touristisches Premium-Land.

    Wertige Angebote haben eben ihren Preis, denkt sich Darian, während er durch das kleine Dorf geht. Er ist jetzt in Bezau, seinem letzten Stopp, bevor er weiterreist nach Zürich. Der Ort, ja der ganze Bregenzerwald verzaubert ihn: uralte Holzhäuser rundum, daneben futuristische Bauskulpturen, dazwischen ein cooles Bürogebäude aus Holzlamellen.

    Interior Design vom Feinsten (er könnte stundenlang in den Landgasthöfen sitzen), köstliche Käsespezialitäten auf dem Teller. Darian fühlt: Hier ist die Moderne zu Hause, achtsam und selbstverständlich fließen hier Altes und Neues ineinander, Alltags- und Hochkultur.

    Das ist die Smart Rural Area, die Verschränkung von Hightech und Kreativität, von Industrie 4.0 und Manufaktur. Er versteht zwar den Dialekt der Einheimischen nicht, aber er spürt: Da stimmt die Balance zwischen drinnen und draußen. Ja, es ist ein gutes Land. (Andreas Reiter, 5.8.2018)

    Zur Person:

    foto: ztb zukunftsbüro

    Andreas Reiter ist Zukunftsforscher und Leiter des ZTB Zukunftsbüro. Für die STANDARD- Serie "Ö100" verfasste er eine Reportage aus dem Urlaubsland Österreich im Jahr 2050.


    EINLADUNG:

    Damit das RONDO unter neuer Leitung weiterhin Schritte in die richtige Richtung setzt, möchten wir gern Ihre Meinung hören. Welche Wünsche und Erwartungen haben Sie an das RONDO und die Berichterstattung über Lifestylethemen?

    Lassen Sie uns bei einem gemeinsamen Essen darüber sprechen, was Ihnen gut gefällt und wo Sie Verbesserungspotenzial sehen. Bei Interesse an einem Treffen mit der Chefredaktion und der RONDO-Leitung schicken Sie uns bitte bis 20. 8. eine E-Mail an Rondo@derstandard.at, mit dem Betreff: "RONDO-Treffen". Wir freuen uns auf Ihre Inputs und bitten um Verständnis, dass wir nicht alle Interessierten einladen können.
    Michael Steingruber, Ressortleitung RONDO

    Share if you care.