Fake-News über Wiens Stadtanfang? Die Legende des "Berghofs"

Blog9. August 2018, 08:00
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Die erste Burg Wiens zwischen Sterngasse und Hohem Markt soll vor den Babenbergern einen heidnischen Fürsten gehabt haben

Eingebettet in die Wiener Stadtgeschichte findet sich so manches Juwel einer urbanen Legende. Im reizvoll dämmrigen Zwielicht zwischen Mythos und Fakten glitzert aber kaum eines dieser Karfunkel so verführerisch wie die Mär von Wiens erster Burg – dem "Berghof" – und ihrem heidnischen Herrn, lange vor der babenbergischen Präsenz im 12. Jahrhundert. Weder ihr Alter noch ihr Spannungsbogen qualifizieren diese Geschichte für die Königsklasse von Romulus und Remus, dennoch reichte ihre Strahlkraft aus, um Historiker und Archäologen seit mehr als 100 Jahren zu beschäftigen.

Als Lokalisierung für die dramatis persona – unseren Fürsten und seinen "Berghof" – kann einer mittelalterlichen Quelle des späten 13. Jahrhunderts zufolge im heutigen Stadtbild der Bereich zwischen Sterngasse und Hohem Markt angenommen werden. Woher kommt die Idee eines vorbabenbergischen Herren direkt an den zarten Wurzeln der Wiener Stadtgeschichte, was steckt dahinter und – am wichtigsten: Was ist wirklich dran?

foto: bda, archäologiezentrum mauerbach, archiv
So sah sie einmal aus, die Sterngasse …
foto: stadtarchäologie wien
… und so präsentiert sie sich jetzt.

Römisches Vorspiel und die Ausgrabung 1971

Als die Römer spätestens zu Beginn des 5. Jahrhunderts das Legionslager von Vindobona aufgaben, hinterließen sie ein beachtliches bauliches Erbe, dessen Verfall sich über Jahrhunderte hinziehen würde. In der Nordostecke des Legionslagers, also zwischen dem Hohen Markt und der Sterngasse, erstreckte sich das römische Bad mit Quadermauern, Hypokausten und Becken. Zuordenbare Überreste wurden bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts entdeckt, die Lokalisierung dieses Bades war somit kein Geheimnis. Nach einigen kleineren Aufschlüssen kam es 1971 zum Abriss der Häuser Sterngasse 5 und 7 – direkt auf dem Areal des ehemaligen Bades des Legionslagers von Vindobona.

Die Leiterin der daraus resultierenden archäologischen Maßnahme, Hertha Ladenbauer-Orel (1912–2009), darf man wohl mit Fug und Recht als ebenso charismatische wie eigenwillige Archäologin bezeichnen. Als sie im Auftrag des Bundesdenkmalamtes die Dokumentation der archäologischen Überreste in der Sterngasse übernahm, versuchte sie – in löblicher Weise – neue Wege zu gehen, beschäftigte sich mit historischen Quellen und besah sich auch die Nachnutzung römischer Ruinen an anderen Orten. Die Legende vom Berghof aus dem 13. Jahrhundert wurde – weniger löblich – etwas vorschnell zur Arbeitsgrundlage und die Überreste des Bades somit zur Kulisse für ein frühmittelalterliches Drama.

foto: bda, archäologiezentrum mauerbach, archiv
Hier den Überblick zu behalten war eine Kunst, ebenso während der Ausgrabung …
foto: bda, archäologiezentrum mauerbach, archiv
… als auch während der neuerlichen wissenschaftlichen Bearbeitung.

Gewagte Datierung

Parallel zu Fundstellen vor allem in Deutschland wurden zu diesem Zeitpunkt unklare Mauerstücke als frühmittelalterliche Ausbesserungen römischer Bausubstanz gewertet – die archäologische Kunst der soliden Mauerwerksdatierung sollte sich erst bedeutend später entwickeln. Einige spärliche Keramikfragmente aus dem 9./10. Jahrhundert vom nahen Ruprechtsplatz und direkt aus der Sterngasse wurden als Datierungshilfe herangezogen. Das Ergebnis war gewagt aber bildgewaltig: Die Römer sollen gar nicht vollständig abgezogen sein – ein unverzagter Rest hielt demnach die Stellung und wurde zur "Bevölkerungs-Keimzelle" einer frühmittelalterlichen Siedlung.

Irgendwann im 9./10. Jahrhundert erfolgte dann angeblich eine siedlungstechnische Fokussierung. Im Mittelpunkt dieser Entwicklung jener mysteriöse ungetaufte Machthaber, der in der Schriftquelle des 13. Jahrhunderts genannt wird. Und ganz nebenbei: Der Heide ist überraschenderweise nicht der Bösewicht der Geschichte, sondern der stabilisierende Faktor. Zwar soll erst nach seinem Tod die Errichtung der Kirche St. Ruprecht möglich gewesen sein, das wäre dann aber auch schon der einzige anzubringende Kritikpunkt.

Somit hatte Wien auf einmal ein sehr frühes lokales Machtzentrum, nicht nur räumlich diametral zur babenbergischen Residenz "Am Hof" im 12. Jahrhundert, sondern auch gute 300 Jahre älter. Das geheimnisvoll Unbestimmte gab der Sache zusätzlichen Reiz. Wen darf man sich unter diesem Fürsten vorstellen? Wie groß war sein Machtbereich? Woher kam er? Wieso ein "Heide"? Ein kaleidoskopischer Wirbel an Fragen, den Archäologen und Historiker seither gebannt anstarrten, aber überraschenderweise trotz aller Ungereimtheiten nicht ernsthaft anzweifelten.

Archäologisches Erbe und neues Projekt

Als sich die Gelegenheit ergab, die Originaldokumentation der Ausgrabung in der Sterngasse neu aufzurollen, war das die Chance, archäologische Gewissheit zu erlangen. Das Bundesdenkmalamt bot die Arbeitsbasis, die Finanzierung sowie jede nur erdenkliche Unterstützung und organisierte in Zusammenarbeit mit der Universität Wien und in Kooperation mit der Stadtarchäologie Wien ein Projekt zur Aufarbeitung des durchaus umfangreichen Nachlasses von Hertha Ladenbauer-Orel. Die Fragen, die es zu beantworten galt, waren so einfach wie schwerwiegend: Gibt es im Bereich der Sterngasse einen Hinweis auf kontinuierliche Besiedlung nach der Aufgabe des Legionslagers bis in das Mittelalter? Gibt es Hinweise auf eine frühmittelalterliche oder frühhochmittelalterliche Befestigung/Burg?

Die Möglichkeit, Mauerwerk anhand seiner Struktur und ohne Zuhilfenahme von Fundmaterial zu datieren, hat sich in den letzten 20 Jahren zu einer soliden Methodik entwickelt. Die reiche fotografische Dokumentation konnte somit neu ausgewertet werden und zeigte vor allem eines: die zu erwartenden Reste des römischen Bades. Des Weiteren gab es ein paar neuzeitliche Mauern zu bewundern und ein wenig Spätmittelalter, aber ganz gewiss keine frühe Burg in irgendeiner Ausformung. Alle in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts in diese Richtung datierten Mauern waren römisch oder bedeutend jünger. Parallel dazu wurde das Fundmaterial neu bearbeitet. Auch hier klaffte nach den Römern eine deutliche Lücke bis in das 9./10. Jahrhundert – also wieder kein Nachweis einer kontinuierlichen Besiedlung. Die wenigen frühhochmittelalterlichen Keramikscherben aus der Sterngasse berichten von zaghafter Präsenz, vielleicht Besiedlung, weisen aber in keiner Weise auf ein größeres repräsentatives Objekt wie eine Burg hin. Kurz und bündig: Es fehlt jeder Hinweis auf eine Siedlungskontinuität und ein frühes Machtzentrum.

foto: bda, archäologiezentrum mauerbach, archiv
Quadermauerwerk der römischen Therme; die Ziegel im linken Mauerteil gehören zu einem Kellergewölbe aus dem 17. Jahrhundert.

Legendenbildung zwischen römischen Quadern?

Woher kam nun aber die Legende vom "Berghof", wenn es nie eine Burg an dieser Stelle gegeben hat? Eine Erklärung wäre die mittelalterliche Legendenbildung angesichts der beeindruckenden Überreste der römischen Therme. Ohne die "archäologisch verbildete" Blickweise der heutigen Tage sah der Wiener des Mittelalters Monumentales und interpretierte es auf eine für ihn naheliegende Art und Weise. Er sah kein Bad – Körperhygiene assoziierte er wohl eher mit einem Holzzuber –, sondern die Reste einer Burg. Verfallene Zeugnisse ehemaliger Macht und Herrschaft – "antiquus" – aus der römischen und "heidnischen" Vorzeit? Der kreative Funke sprang vermutlich rasch über, der fantasiebegabte mittelalterliche Geist war schnell entflammt, und bis heute brannte das Feuer am Beginn der Wiener Stadtwerdung recht hell – und warf entsprechend lange Schatten. Beinahe schade, aber dieses Feuer wurde durch die neuen Ergebnisse gelöscht und die Burg und ihr Herr dorthin zurückgeschickt, wo sie herkamen – ins Reich der Fantasie. (Ingeborg Gaisbauer, 8.8.2018)

Ingeborg Gaisbauer, geboren 1975 in Wien, studierte Urgeschichte und Historische Archäologie an der Universität Wien. Sie ist als Archäologin bei den Museen der Stadt Wien – Stadtarchäologie tätig. Am angeführten Projekt waren auch noch Doris Schön (Firma Denkmalforscher) und Markus Jeitler beteiligt. Die neuen Erkenntnisse werden zusammen mit weiteren Ergebnissen zur Stadtwerdung des mittelalterlichen Wiens spätestens 2019 im Rahmen der Gesellschaft für Mittelalterarchäologie in Österreich publiziert werden.

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