Charles Vögele muss sich in der Insolvenz sanieren

31. Juli 2018, 17:10
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Die in die Pleite geschlitterte Modekette hofft weiter auf eine Investorenlösung, In Österreich bangen 711 Mitarbeiter um ihre Jobs

Übernahme oder Insolvenz?", lautete die Frage bis zum Tag der Entscheidung für die Modekette Charles Vögele in Österreich. Bis Dienstag hat sich kein Käufer gefunden, also blieb Vögele-Chef Thomas Krenn der Weg zum Insolvenzgericht nicht erspart. Beantragt wurde ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung, Krenn hofft aber weiterhin auf eine Investorenlösung zur Sanierung und "bestmöglichen Sicherung" der 711 Arbeitsplätze in Österreich.

Ihm zufolge sind die Gespräche nicht gescheitert, es sei nur angesichts der Deadline per Ende Juli "die Zeit ausgegangen". Nach dem neunprozentigen Umsatzrückgang im Vorjahr auf 109 Millionen Euro und der in Juni bekannt gegebenen Insolvenz der Schweizer Mutter wurde die Luft knapp, die zu Monatsende fälligen Gehälter und gestundeten Urlaubsgelder der Mitarbeiter konnte Vögele nun nicht mehr stemmen.

102 Filialen in Österreich

Entscheidend für die Zukunft der Jobs und der laut Sanierungsantrag 102 Filialen in Österreich wird sein, ob die von Krenn bevorzugte Investorenlösung mit einem infrage kommenden Geldgeber, der namentlich nicht genannt wurde, gelingt. Eine Entscheidung soll in den nächsten Wochen fallen. Als mögliche Interessenten geisterten zuletzt zwar auch Namen wie Fussl, Hofer und Spar durch die Medien. Diese sind Krenn zufolge jedoch nur an einzelnen Standorten interessiert. Allerdings sind inzwischen einige Standorte offenbar schon dichtgemacht worden: Auf der Firmenwebsite werden nur noch 83 Filialen angeführt.

An einem Stellenabbau im Zuge des Sanierungsverfahrens wird laut Creditreform-Geschäftsführer Gerhard Weinhofer wohl kein Weg vorbeiführen. Jedoch würden langjährige Erfahrungen zeigen, dass der Großteil der Jobs erhalten bleibe – aber eben nicht alle.

Verkaufsfläche in der Modebranche schrumpft

Sollte es doch zu einer Zerschlagung und dem Verkauf einzelner Standorte kommen, dürfte der Mitarbeiterabbau stärker ausfallen, da sich Interessenten bloß die Rosinen aus dem Filialnetz herauspicken würden. Denn der Onlinehandel, dessen Marktanteil bei Mode laut dem Marktforscher Regiodata von sechs Prozent im Jahr 2010 auf 27 Prozent im Vorjahr hochgeschnellt ist, gräbt dem stationären Handel immer stärker das Wasser ab. Als Folge ist seit 2016 die Gesamtverkaufsfläche der Modebranche in Österreich um neun Prozent auf 780.000 Quadratmeter zurückgegangen.

Laut Creditreform beträgt das Vögele-Vermögen rund 28,4 Millionen Euro, die Passiva dürften sich auf 48,5 Millionen belaufen. Für Gläubiger hält Weinhofer bei einer Zerschlagung eine Quote von 26 Prozent statt der im Sanierungsverfahren angegebenen 20 Prozent für möglich.

Die ausstehenden Gehälter können Vögele-Mitarbeiter in Österreich vom Insolvenzentgeltfonds erhalten. Dazu müssen sie die Forderungen bei Gericht anmelden und bei der IEF-Service GmbH, Trägerin des Fonds, beantragen. Dort sieht man sich gerüstet, um die Bearbeitung der Ansprüche schnellstmöglich abzuwickeln.


foto: apa
Vögele betreibt in Österreich 102 Filialen, davon 89 unter der Marke Charles Vögele und 13 unter OVS.

Laut Creditreform beträgt das Vögele-Vermögen rund 28,4 Millionen Euro, die Passiva dürften sich auf 48,5 Millionen belaufen. Für Gläubiger hält Weinhofer bei einer Zerschlagung eine Quote von 26 Prozent statt der im Sanierungsverfahren angegebenen 20 Prozent für möglich.

Die ausstehenden Gehälter können Vögele-Mitarbeiter in Österreich vom Insolvenzentgeltfonds erhalten. Dazu müssen sie die Forderungen bei Gericht anmelden und bei der IEF-Service GmbH, Trägerin des Fonds, beantragen. Dort sieht man sich gerüstet, um die Bearbeitung der Ansprüche schnellstmöglich abzuwickeln. (Alexander Hahn, 31.7.2018)

Zum Unternehmen

Als Schustersohn aus dem Schweizer Kanton St. Gallen gründete Charles Vögele 1955 mit seiner Ehefrau Agnes den nach ihm benannten Modekonzern. Zielgruppe waren ursprünglich Mopedfahrer. Vögele selbst bewährte sich als einer der erfolgreichsten Schweizer Rennfahrer dieser Zeit. Dank eines Gespürs für Trends und Vermarktung expandierte das Familienunternehmen bald in der ganzen Schweiz und schließlich ab den Achtzigern in ein knappes Dutzend Länder in Europa, darunter Deutschland und Österreich.

Die Kundschaft hatte sich über die Jahre stark gewandelt. Die Marke Charles Vögele wurde bekannt für günstige Kleidung für die ganze Familie beziehungsweise die Oma, die für die ganze Familie Geschenke besorgt. 1997 verkaufte Vögele die Firma an die Britische Schroders Group, die das Unternehmen an der Zürcher Börse notierte.

Zum Höhepunkt um die Jahrtausendwende beschäftigte das Unternehmen über 8.000 Personen und machte rund eine Milliarde Euro Umsatz. Ab 2008 rutschte der Modehändler in die Verlustzone. Mehrere Neupositionierungen und Führungswechsel brachten nicht den erhofften Turnaround.

2016 übernahm der italienische Modekonzern OVS zusammen mit zwei Partnern das bereits ramponierte Unternehmen unter dem Holdingnamen Sempione Retail. Die Italiener konzentrierten sich neben der Schweiz auf Österreich, Slowenien und Ungarn und zogen sich aus Deutschland zurück. Die mittlerweile beschädigte Marke Charles Vögele sollte sukzessive verschwinden. Die Italiener sprachen unter dem Markennamen OVS ein hippes, jüngeres Publikum an.

Doch im Mai 2018, nach weniger als zwei Jahren, gab OVS den Schweizer Markt wieder auf. Die Teens und Twens konnten die vergraulten Omas nicht ausgleichen. Bald darauf meldete auch die Österreich-Tochter Insolvenz an. (slp)

  • Ausverkauf bei Charles Vögele – im Bild eine Filiale in der Wiener Favoritenstraße.
    foto: regine hendrich

    Ausverkauf bei Charles Vögele – im Bild eine Filiale in der Wiener Favoritenstraße.

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