Grandiose "Salome"-Premiere in der Felsenreitschule

    Video29. Juli 2018, 14:48
    92 Postings

    Köpfe ab, Krone auf: Sopranistin Asmik Grigorian wagt sich mit Hingabe in den Abgrund der Hauptfigur hinab

    Sie ist nicht nur schön, die Prinzessin Salome, wie Soldat Narraboth schwärmt. Sie hat auf ihrem unschuldsweißen Kleidchen auch einen Blutfleck. Sie ist also nicht nur begehrt, die zarte Salome. Sie ist auch dem Erwachsenwerden ihres Körpers in hilfloser Unschuld ausgeliefert. Nicht nur erwachsen wird Salome. Die Prinzessin planscht auch "nostalgisch" in einem Becken aus Muttermilch, und mit Sicherheit schlummert in ihr suizidale Energie: Jochanaan, ihre Obsession, ist nicht der bärtige Prophet. Er versetzt die Prinzessin in einen Rausch des Begehrens. Ein düsterer Todesvogel.

    foto: apa/barbara gindl
    Der Kopf des Jochanaan wird ihr vorenthalten: Der besessenen Salome (Asmik Grigorian) wird in der bilderstarken Inszenierung von Romeo Castellucci gleich der ganze kopflose Körper des begehrten Propheten serviert.

    In der Salzburger Felsenreitschule gibt es für das todgeweihte Pärchen keine Gnade: Regisseur Romeo Castellucci erhöht die Qualen, indem er die Arkaden schließen lässt. Es entsteht ein Erstickungsraum, ein wuchtig-brutaler Steinkerker der Konflikte, in dem ein schwarzer Mond sich zum riesigen Schatten weiten kann, wenn der Prophet seine Mahnungen herausschmettert.

    Rätselhafte Poesie

    Dieser berühmte Bibelfall einer Beziehungsanbahnung (mit #MeToo-Aspekt) wird allerdings nicht Objekt einer Bebilderung von Rezeptionskonventionen. Castellucci unterzieht das Offensichtliche einer Metamorphose, verdichtet Szenen mit rätselhaft-archaischer Poesie. Sein Symbolismus erschafft bei aller Detailliebe magische Tableaux vivants: Die rituellen Handlungen der Figuren, die im Skulpturalen münden, verschmelzen mit Lichteffekten (Castellucci gestaltet Bühne, Kostüme, Licht) zu Salome-Gemälden.

    orf
    Umjubelte Premiere von "Salome" bei den Salzburger Festspielen.

    Am intensivsten beim "Tanz der sieben Schleier": Während die Philharmoniker explosive Kultiviertheit zelebrieren, liegt die Prinzessin fötusgleich auf einem goldenen Würfel, um bald in einem herabschwebenden Felsblock zu verschwinden. Salome wird zu Stein, ihre Erstarrung zum Symbol der Verweigerung, nachdem sie zuvor Jochanaan durchaus (vergeblich) umtanzt hat – jedoch freiwillig. In ihrer Fantasie wohl jenen, der sie verflucht, zwischen ihren Beinen herbeiimaginierend, wirkt sie dabei wie eine Puppe, um die herum nicht nur Musik tobt. Neben ihr, in der Jochanaan-Zisterne, dreht ein Hengst unruhig seine Kreise. Castellucci vermählt in solch grandiosen Augenblicken szenische Originalität und Partitur. Das Gesamtkunstwerk wird fesselnde Bühnenwirklichkeit.

    Das Leben aushauchen

    Vor allem gelingt dies dank Asmik Grigorian, die sich mit Hingabe in den Abgrund dieser Figur herabwagt. Am Ende ihres Weges umsorgt sie den enthaupteten Körper, setzt ihm hilflos Krone oder Pferdekopf auf. Mit allerlei Säften hat sie sich besudelt, bis sie im Wasserbecken schließlich ihr Leben aushaucht. Herodes‘ Befehl (glänzend: John Daszak) – "Man töte dieses Weib!" – kommt sie zuvor.

    Erstaunlich: Trotz all dieser szenischen Anforderungen bewahrt Grigorians Stimme Kraft und Flexibilität. Charaktervoll in jeder Lage, vermag Grigorian Töne klanglich – je nach Emotion – zu modellieren. In der Höhe ist poetisches Flehen möglich wie auch dramatischer Exzess. In der Tiefe wird der Befehlston nobel hörbar wie auch eine derbe Verwünschung. Schließlich ist da auch ausreichend Substanz, um finale Gipfel dramatischer Unmittelbarkeit zu erklimmen.

    Um diese Sensation herum ein glanzvolles Ensemble: u. a. mit Anna Maria Chiuri (als Herodias), dem grandios klaren und eindringlichen Gábor Bretz (als Jochanaan) und Julian Prégardien (als formidablem Narraboth).

    Jederzeit sensibel wirkt der Beitrag von Dirigent Franz Welser-Möst und jener der Wiener Philharmoniker: Es wird große, subtile Kammermusik zelebriert. Sie ist voller Feinheiten, auch im Eruptiven schwingt eine Noblesse mit, welche Strukturen mit goldenem Klangstaub zu bedecken scheint. Klarheit und Emotion sind in Balance.

    Nicht nur schön ist übrigens Richard Strauss‘ Salome, vor der der gefeierte Romeo Castellucci in die Knie ging: Sie ist nun weltberühmt. Zu Recht. (Ljubisa Tosic, 29.7.2018)

    Share if you care.