Die Rettung der Meere vor Plastikmüll als Geschäftsmodell

29. Juli 2018, 08:00
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Bald könnten im Meer mehr Plastikteile als Fische schwimmen. Verschiedene Firmen wollen das verhindern. Ein nobler Zweck mit interessanten Geschäftsmodellen

Im Pazifischen Ozean treibt eine Insel, die täglich wächst. Palmen und Sandstrände gibt es dort keine, dafür 80.000 Tonnen Plastikmüll. Der "Great Pacific Garbage Patch" dürfte sich mittlerweile auf rund 1,6 Millionen Quadratkilometer erstrecken, was in etwa viereinhalbmal der Fläche von Deutschland entspricht. Die Lage rund um die marine Müllhalde ist ernst.

Boyan Slat, ein 23-jähriger Niederländer, hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, gegen diese Vermüllung der Meere anzukämpfen. Vor fünf Jahren startete er in seiner Heimatstadt Delft das mittlerweile millionenschwere Projekt "The Ocean Cleanup".

Eigene Technik

Eine eigens entwickelte Methode soll die Ozeane säubern. Die Meeresströmung soll Kunststoffabfall in mobile Barrieren aus massivem Kunststoff treiben, wo dieser in speziellen Fangschirmen gesammelt wird. Für Lebewesen bestünde keine Gefahr, da diese von der Strömung unter der Barriere durchgedrückt werden, sagt Ocean-Cleanup-Pressesprecher Rick van Holst Pellekaan gegenüber dem Standard.

foto: the ocean cleanup
Schwimmende Barrieren sammeln Plastikmüll, sollen jedoch keine Bedrohung für Lebewesen darstellen.

Nach Testläufen in der Nordsee und im Pazifik soll im August die erste offizielle Müllsammelstelle zwischen Kalifornien und Hawaii in Betrieb gehen. Slats Berechnungen zufolge lässt sich mit diesem System in fünf Jahren die Hälfte des Plastikmülls aus dem Patch entfernen.

Doch auch ein nobler Zweck wie die Meeressäuberung braucht ein durchdachtes Geschäftsmodell: Schiffe bringen den Müll an Land, wo er wiederverwertet und für neue Produkte verwendet wird. Das passiert bereits. Die Einnahmen aus dem bereits gesammelten und verkauften Plastik fließen in die Produktentwicklung "Viele Firmen zeigen Interesse, uns das Plastik abzunehmen und wiederzuverwerten, sagt van Holst Pellekaan. Wenig verwunderlich. Produkte, die helfen, den Ozean zu säubern, stellen einen marketingtechnischen Leckerbissen dar. Die schwimmenden Barrieren sollen auf lange Sicht Firmen als Werbeflächen angeboten werden.

foto: the ocean cleanup
Mobile Müllsammelstellen im Meer könnten bald als Werbeflächen dienen. Imagepolitur für Konzerne nach diversen Skandalen – sicher ein Thema.

Aktuell finanziert sich Ocean Cleanup, das rund 70 Mitarbeiter beschäftigt, über Crowdfunding, Sponsorenbeiträge, aber auch Förderungen von Regierungen. Zu den Unterstützern zählen Unternehmen wie Deloitte, Akzonobel oder Boskalis.

Säuberndes Armband

Anderer Weg, selbes Ziel. Die Firma 4Ocean mit Sitz in Florida vertreibt Armbänder, die aus recyceltem Material hergestellt wurden. Für jedes verkaufte Armband, eines kostet 20 Dollar, garantieren die Amerikaner knapp ein halbes Kilogramm Plastikmüll einzusammeln – im Meer, aber auch am Strand. "Wir starteten Anfang 2017 mit fünf Angestellten, mittlerweile sind es 75", erzählt Mitgründer Alex Schulze. Seither habe man rund 230.000 Kilogramm Müll entfernt. Dafür sind unter anderem mehrere Schiffskapitäne rund um die Uhr im Einsatz.

Immer wieder muss sich Schulze für die Armbänder rechtfertigen, da diese nicht aus dem gesammelten Plastik hergestellt werden: "Jedes Band besteht aus recyceltem Material – die Perlen aus Glasflaschen und das Band aus Wasser- oder Pet-Flaschen." Es gehe um die Message und nicht darum, aus welchem Recyclingmaterial die Bänder gemacht sind, so Schulze. Die Produktpalette wurde mittlerweile um Trinkflaschen und Kleidung erweitert.

Dass für Firmen dieser Art weltweit ein begrenztes Kapital zur Verfügung steht, ist sowohl The Ocean Cleanup als auch 4Ocean bewusst. Und im Endeffekt ermöglicht, vor allem am Anfang, nur das Kapital anderer den Fortbestand der Unternehmung. Nichtsdestotrotz sehen sie einander keineswegs als Konkurrenten, denn beide verfolgen denselben Zweck. Man unterstütze sich gegenseitig, wo man kann, sagt der Pressesprecher von The Ocean Cleanup. (Andreas Danzer, 28.7.2018)

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