Schikanen im Zinshaus: Die bösen Tricks der Hausherren

    Video28. Juli 2018, 14:00
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    Mieter mancher Wiener Zinshäuser klagen über Schikanen von ihren Vermietern. Wie dabei vorgegangen wird

    Hinter der schönen Fassade von manchem Wiener Gründerzeithaus geht es unschön zu. Altmieter, die wenig Miete bezahlen, werden von Eigentümern auf verschiedene Arten drangsaliert, damit sie ausziehen. Ein kleines Handbuch der Schikanen.

    Besitzerwechsel

    Ein altes Wiener Zinshaus wechselt innerhalb weniger Jahre mehrmals den Besitzer und die Hausverwaltung. Während die Mieter irgendwann den Überblick verlieren, an wen sie die Miete bezahlen sollen, beginnt das einst stolze Gründerzeithaus zu verkommen. Nötige Erhaltungsarbeiten am Haus – die Reparatur einer kaputten Gegensprechanlage oder des Daches – werden nicht mehr durchgeführt.

    Dahinter steht auch häufig Absicht: Manche Eigentümer wollen so Altmieter mit günstigen unbefristeten Mietverträgen loswerden. Diese stehen den Plänen einiger Immobilienentwickler im Weg, teure Eigentumswohnungen statt Mietwohnungen mit gedeckelter Miete zu schaffen.

    Alte Mauern, neu sanierte Wohnungen: Das zieht am Immobilienmarkt.

    Haustürgeschäfte

    Irgendwann läutet es an der Wohnungstür. "Meist wird ein sogenanntes Haustürgeschäft versucht, bei dem Bewohner um einen lächerlichen Betrag zum Aufgeben ihrer Mietrechte bewegt werden sollen", sagt Christian Bartok von der Mieterhilfe der Stadt Wien.

    Auch an Eva P.s Tür hat es eines Tages geklingelt. Sie wohnt in einem heruntergekommenen Zinshaus außerhalb des Gürtels. Die Adresse und ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Hier wohnt sie seit vielen Jahren zu einem relativ günstigen Mietzins. Ihre frühere Kategorie-D-Wohnung hat sie sich in den 1990er-Jahren in Eigenregie zu einer Kategorie-A-Wohnung umgebaut.

    Nach einem Eigentümerwechsel begannen für sie allerdings die Probleme: "Der neue Eigentümer kam dann gleich mit drei Männern vorbei und drängte auf eine freiwillige Mieterhöhung", erzählt sie. Zähneknirschend habe sie damals einer Mieterhöhung um 50 Euro zugestimmt.

    Gerüchte streuen

    In einem nächsten Schritt, erzählt Mieterschützer Christian Bartok, würden oft Unwahrheiten im Haus gestreut – etwa dass das Haus demnächst abgerissen wird. Damit werden Mieter zermürbt. In der Regel leert sich das Haus dann zusehends, bis nur noch wenige Bewohner übrig sind.

    Einschüchterung

    Probleme gibt es laut Wolfgang Kirnbauer vom Mieterschutzverband, wenn mit dem früheren Vermieter nur mündlich bauliche Veränderungen in der Wohnung vereinbart wurden. Oft werde vom neuen Eigentümer versucht darzulegen, dass Umbauten ohne Bewilligung gemacht und gewisse Richtlinien nicht eingehalten wurden. "Rechtlich ist das für eine Kündigung meist zu wenig", so Kirnbauer, "aber so werden Mieter eingeschüchtert."

    Einige Immobilienentwickler, die Druck auf Mieter ausüben, hat man derzeit bei der Stadt am Radar.

    Ausmietungsfirmen, die anderswo für die Drecksarbeit engagiert werden, gibt es laut Mieterhilfe-Experte Bartok in Wien nicht. Bei der Stadt hat man "eine Handvoll Immobilienverwerter, die versuchen, Druck auszuüben" auf dem Radar. Bewohnern bietet die Mieterhilfe – und andere Mieterschutzorganisationen – Beratung und die Kontaktaufnahme zu Eigentümern und Behörden an. Bei "fünf bis zehn Adressen" pro Jahr übernimmt die Stadt vor Gericht die Ausfallhaftung. "Das waren schon mehr", so Bartok.

    Rabiate Methoden

    Schikanen gegen Altmieter seien in den vergangenen Jahren häufiger geworden, sagt Mieterschutzverband-Obmann Kirnbauer. Oft werde erst eine unzulässige Mieterhöhung angekündigt, später mit einer Kündigung gedroht.

    Zu den rabiateren Methoden zählt das Abdrehen von Strom oder Wasser, aber auch das Verkleben der Postkastenschlitze, das Verteilen von Müll am Gang und Hundekot vor der Haustüre. In einem Haus in einem inneren Bezirk wird auch von wiederkehrenden Kakerlakenplagen berichtet.

    "Es wird versucht, den Mietern das Wohnen so ungemütlich wie möglich zu machen", erklärt Elke Hanel-Torsch von der Mietervereinigung.

    Unliebsame Mitbewohner

    Einmietungen von unliebsamen Mitbewohnern sind laut Christian Bartok von der Mieterhilfe eine neuere Methode, um Mieter zu vergraulen. Der berühmteste Fall ist die Pizzeria Anarchia – ein Haus in der Mühlfeldgasse im zweiten Bezirk – in das der Eigentümer einst Punks einquartierte, um Altmieter zu verschrecken. Die Punks solidarisierten sich mit diesen. Vor genau vier Jahren wurde das Gebäude, in dem sich zu diesem Zeitpunkt noch 19 Punks aufhielten, von 1400 Polizisten geräumt (der Standard berichtete).

    fotos: apa/schlager/neubauer
    Die Mühlfeldgasse 12 kurz nach ihrer Räumung vor vier Jahren und nach abgeschlossener Sanierung und Aufstockung vor drei Jahren.

    Auch Altmieterin Eva P. erzählte dem STANDARD bei einer Führung durch ihr Zuhause vor einigen Monaten von Massenquartieren, die ihr Vermieter in freigewordenen Wohnungen eingerichtet habe, um sie zu vergraulen. In einem anderen Wiener Zinshaus wird von Drogenbanden und Messerstechereien in Nachbarwohnungen berichtet. "Ich traue mich in der Nacht nicht allein ins Stiegenhaus", sagt eine Altmieterin dort.

    Abbruch

    Ein neues Maß haben Schikanen vor etwa einem Monat in der Radetzkystraße 24-26 in Wien-Landstraße erreicht. Dort wurde mit dem Abbruch eines Hauses begonnen, obwohl neun Wohnungen noch bewohnt werden. Eine Gesetzesänderung stoppte das. Freilich war das Dach da schon weg. Mittlerweile wurde das Haus als erhaltungswürdig eingestuft. "Vorher hat das noch niemand derartig auf die Spitze getrieben", sagt Mieterschützer Bartok.

    der standard
    Der STANDARD berichtete erst vor kurzem über das Wohnen im Abrisshaus im dritten Bezirk.

    Ein faires Angebot

    Aber es gibt einen Ausweg – nämlich eine faire Ablösesumme, mit der Mieter zum Auszug bewegt werden. Das scheitert aber oft an unterschiedlichen Preisvorstellungen. Vermieter klagen über utopische Forderungen von Mietern, Mieter über Dumping-Angebote der Vermieter: "Zu sagen: Ich zahle als Eigentümer die Summe X, und dann soll der Mieter ausziehen, funktioniert meist nicht", sagt Bartok.

    Das bestätigen die Altmieter eines Zinshauses innerhalb des Wiener Gürtels: Sie wohnen teilweise seit 50 Jahren im Haus, haben hohe Ablösen bezahlt und viel in die Renovierung gesteckt. Ernstzunehmende Beträge, die sie zum Auszug bewegen hätten können, seien ihnen bis heute nicht angeboten worden. Und die in den vergangenen Jahren stark gestiegenen Mieten machten die Angebote noch weniger attraktiv.

    Bartok betont allerdings, dass es auch bemühte Firmen gibt, die Mietern gute Ersatzwohnungen und faire Ablösen bieten. Beim Immobilienentwickler Avoris, der sich auf die Revitalisierung alter Häuser spezialisiert hat, ist ein externer Immobilien-Mediator für die Mietergespräche zuständig: "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das Angebot einer gleichwertigen Wohnung zu wenig ist für eine Lösung, die den Mieter zufrieden stimmt – und das ist auch okay", sagt Sprecher Christian Sageder.

    In ganz seltenen Fällen steigen die Mieter als die Sieger aus dem Ring. Der letzte Mieter eines Zinshauses in der Hetzgasse in Wien-Landstraße, das einem Neubau weichen sollte, erhielt vor zwei Jahren von einem Immobilienentwickler 450.000 Euro Ablöse für seinen unbefristeten Mietvertrag. Kein schlechter Deal. (Franziska Zoidl, 28.7.2018)

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