Was mögen Sie an Ihrem Beruf? Fünf Fragen an einen Lehrer

    3. August 2018, 07:00
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    Er arbeite durchschnittlich 45 Wochenstunden, auch oft am Sonntag, sagt ein Lehrer

    Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf? Was stresst Sie und mit welchen Vorurteilen sehen Sie sich konfrontiert? DER STANDARD befragt nun wöchentlich Menschen mit den unterschiedlichsten Berufen zu Ihrem Job. Um ehrliche Antworten zu gewährleisten, anonymisieren wir das Gespräch. Den Auftakt der neuen Serie bildet ein Lehrer aus Wien.

    Bis auf die Unterrichtsstunden könne er sich seine Arbeitszeit relativ frei einteilen, sagt der 60-Jährige. Sein Arbeitstag beginne meist um acht Uhr, wenn er Pausenaufsicht hat, auch schon um 7:45 Uhr. In der Klasse verbringe er 21 Stunden pro Woche, dazu kämen Korrekurarbeiten, Konferenzen, Elterngespräche und -Abende. Durchschnittlich arbeite er 45 Wochenstunden. Normalerweise. Denn derzeit befindet sich der Mittelschullehrer auf Sabbatical: Vier Jahre lang verdient er 75 Prozent seines Gehalts (2200 Euro netto), ein Jahr davon hat er frei. In dieser Zeit bereist er mit seiner Frau Südamerika und Europa – aktuell die griechische Insel Kreta. Wir haben mit ihm telefoniert:

    STANDARD: Was mögen Sie an Ihrem Beruf?

    Antwort: Die Arbeit und der Kontakt mit den Kindern. Die Möglichkeit Schülerinnen und Schülern verschiedene Lebenswege aufzuzeigen, ihnen dabei zu helfen, den richtigen für sich zu finden. Ich empfinde meine Arbeit auch als sehr abwechslungsreich.

    STANDARD: Was würden Sie an Ihrem Beruf ändern, wenn Sie könnten?

    Antwort: Ich würde weniger am Beruf Lehrer ändern als am System Schule. Dieses System gehört von Grund auf erneuert und verändert. Veraltete Lehrpläne müssten entstaubt werden. Anstatt in überfüllten Klassen sollte in kleinen, flexibel veränderbaren Gruppen gelernt werden. Es bräuchte anstelle fixer Fächer themenzentrierten Unterricht. Leider ist man als Lehrer Gefangener dieses kinderfeindlichen und unzeitgemäßen Konstrukts.

    STANDARD: Was sagen andere zu Ihrem Beruf?

    Antwort: Leider wird man in diesem Beruf sehr oft auf die Ferien reduziert. Oder man erhält Mitleidsbekundungen ob der angeblich immer schlimmer werdenden Kinder. Das in der Öffentlichkeit sehr beliebt gewordene "Lehrerbashing" reduziert das Berufsansehen weiter.

    STANDARD: Wie gelingt es Ihnen, Arbeit und Privatleben zu vereinbaren?

    Das gelingt mir sehr gut, da ich mir, bis auf die Unterrichtsstunden, meine Zeit relativ frei einteilen kann. Allerdings kann es auch passieren, dass ich am Sonntagabend Schularbeiten oder Hausübungen korrigieren muss. Die Ferienregelung kommt meinem Lieblingshobby, Reisen, sehr entgegen. Besonders schätze ich auch die Möglichkeit, ein Sabbatical in Anspruch nehmen zu können. Nach der Auszeit kann ich meinem Beruf wieder mit voller Energie nachgehen.

    STANDARD: Würden Sie auch arbeiten, wenn Sie finanziell ausgesorgt hätten?

    Antwort: Selbstverständlich würde ich auch arbeiten, wenn ich finanziell ausgesorgt hätte. Mir macht mein Beruf auch nach über 35 Jahren noch immer großen Spaß. Er bringt mir außerdem viel Bestätigung und positives Feedback von den Kindern, worauf ich nicht verzichten möchte.

    User-Aufruf:

    In unserer neuen Serie "Mein Job" befragen wir in losen Abständen Menschen zu ihrem Beruf. Wir wollen wissen, wie es ihnen gelingt, Arbeit und Freizeit zu vereinbaren und ob sie auch arbeiten würden, wenn es finanziell nicht notwendig wäre. Wenn Sie Interesse haben, anonym mit uns zu sprechen, freuen wir uns über ein Mail an: online.karriere@derstandard.at.

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      "Leider wird man in diesem Beruf sehr oft auf die Ferien reduziert", beklagt unser Gesprächspartner.

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