Klimaforscher: "7,6 Milliarden Menschen sind für die Erde zu viel"

Interview27. Juli 2018, 08:55
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Viele Menschen wollen belogen werden, sagt der Co-Präsident des Club of Rome, Ernst Ulrich von Weizsäcker, und fordert eine Verteuerung der Energie

Darwin, Smith, Ricardo, Rousseau: Die Klassiker der Aufklärung liefern Theorien für eine leere Welt, sagt Ernst Ulrich von Weizsäcker. Heute leben wir in einer vollen Welt, die Weltbevölkerung ist seit der Aufklärung geradezu explodiert. Es brauche neue Paradigmen, eine neue Aufklärung, fordert der Co-Präsident des Club of Rome. Wir steuern sehenden Auges auf eine ökologische Katastrophe zu, warnt er. Dem Standard erzählt Weizsäcker, welche Stellschrauben die Politik drehen könnte.

STANDARD: Der Club of Rome hat schon Anfang der Siebziger vor der ökologischen Katastrophe gewarnt. Steht die Warnung noch?

Weizsäcker: In unserem jüngsten Buch für den Club of Rome ("Wir sind dran", gemeinsam mit Anders Wijkman, Anm.) fordern wir eine neue Aufklärung. Man muss aber auch auf der praktischen Ebene Antworten finden. Mit Aktionismus, etwa populistischer Art, kann man die Krise überhaupt nicht lösen, nicht einmal adressieren. Wenn jemand sagt, wir brauchen eine Verzehnfachung der Ausgaben für die Müllabfuhr, dann mag das richtig sein, ist aber weit entfernt vom ökologischen Weltproblem.

STANDARD: Das da wäre?

Weizsäcker: Klima, Artensterben, Ozeane. Profite müssten die machen, die das ökologisch Richtige tun. Und nicht die, die die Natur ausbeuten. Mit der Zerstörung des brasilianischen Urwalds kann man Milliardär werden – eine Katastrophe für den Planeten. Interessant ist der Budgetansatz für das Klima, ein globaler Emissionshandel. Der "Norden" hat sein Budget schon fast aufgebraucht und müsste im "Süden" Lizenzen einkaufen. Der Neubau von Kohlekraftwerken in Afrika wäre dann ein Verlust und nicht mehr eine Lizenz zum Geld drucken.

foto: ap
Diesel von der Straße zu verbannen oder E-Mobilität zu fördern ist kein geeignetes Mittel, um das Schmelzen der Polkappen zu verlangsamen, glaubt von Weizsäcker.

STANDARD: Was ist mit Emissionssteuern?

Weizsäcker: Es wäre zu wenig, wenn man das Ganze nur für lokale Luftschadstoffe macht. Artenvielfalt, Ozeane, Klimawandel haben mit den lokalen Luftschadstoffen relativ wenig zu tun. Das Thema ist aber, wie die Dieselaffäre zeigt, ganz nah an den Menschen. Mit dem Thema Klima hat das null zu tun. Zu behaupten, die Bereinigung des Dieselskandals habe mit Klimaschutz oder Ozeanschutz zu tun, ist schlicht falsch.

STANDARD: Die Politik setzt auf E-Mobilität und Erneuerbare.

Weizsäcker: Was beim Elektroauto an Energieeffizienz gegenüber dem Verbrennungsmotor vorteilhaft ist, wird fast gänzlich aufgefressen, wenn der Strom aus fossilen Brennstoffen kommt.

STANDARD: Die Uno hat saubere Energie in die Sustainable Development Goals aufgenommen.

Weizsäcker: Das siebente SDG lautet "erschwingliche und saubere Energie". In der Sprache von Politikern, die wiedergewählt werden wollen, heißt das, dass Energie billig sein muss. Und dass man ihr nicht ansieht, dass sie schmutzig ist. Das ist, was in der Realpolitik dabei herauskommt. Zum Beispiel polnischer Kohlestrom: Der Strom selber sieht sauber aus und ist relativ billig. Das bringt Stimmen, ist aber etwas anderes als Klimapolitik. Klimapolitik ist, wie Al Gore gesagt hat, eine unbequeme Wahrheit. Die SDGs sind im Grunde ein Wachstumsprogramm, sie strapazieren den Planeten nur noch weiter. Viele Menschen wollen lieber belogen werden als unbequeme Wahrheiten hören.

foto: aloysius widmann
Ernst Ulrich von Weizsäcker stammt aus einer prominenten Familie. Der Vater des Physikers und Biologen, Carl Friedrich von Weizsäcker, war ein bekannter Physiker und Philosoph. Der ehemalige deutsche Bundespräsident Richard Karl von Weizsäcker war sein Onkel.

STANDARD: Dass Ökothemen Mehrheiten bringen, zeigt doch, dass es ein ökologisches Bewusstsein gibt.

Weizsäcker: Man kann gute Klimapolitik so machen, dass man dabei wiedergewählt wird. Aber das erfordert eine ausgesprochene Langfristigkeit, das Gegenteil von dem, was Populisten machen. Zum Beispiel die langfristige Festlegung: Klimaschädliche Energie wird von Jahr zu Jahr in sozialverträglichen Schrittchen teurer.

STANDARD: Als Anreiz für klimafreundliche Energie?

Weizsäcker: Energieeffizienz würde lukrativer. Das ist ökologisch besser als Maisplantagen. Wichtig ist: Die Verteuerung ist so langsam, wie die Energieeffizienz zunimmt. Wenn die Effizienz, mit der man einen Kilometer fährt, heuer um drei Prozent zunimmt, dann würde der Treibstoff 2019 um drei Prozent teurer. Möglicherweise auch für Elektroautos. Mit so einem vorhersehbaren Preissignal würden alle, die Geld verdienen wollen, die Ökologisierung vorantreiben.

STANDARD: Warum nicht einfach weniger konsumieren?

Weizsäcker: 7,6 Milliarden Menschen sind für den kleinen Planeten Erde eigentlich zu viel, wenn jeder Wohlstandsansprüche hat wie in Europa oder in den USA.

foto: apa
Experten zufolge verlangsamt sich das Wachstum der heimischen Bevölkerung. Weil Österreicherinnen im Schnitt weniger als zwei Kinder bekommen, würde die Bevölkerungszahl ohne Zuwanderung in den nächsten Dekaden sogar sinken.

STANDARD: Wir müssen also das Bevölkerungswachstum reduzieren?

Weizsäcker: Ja.

STANDARD: Wie soll das gehen?

Weizsäcker: Ich habe Bevölkerungswachstum und Konsum genannt. Bei einem Konsumniveau wie im heutigen Indien könnte unser Planet auch zehn Milliarden verdauen. Das will aber keiner. Ermutigende Studien zeigen, dass Länder mit weniger Bevölkerungswachstum ökonomisch besser fahren.

STANDARD: Die Kausalität ist doch eine andere: Wohlstand und gute staatliche Sicherungssysteme machen uns weniger abhängig von unseren Kindern.

Weizsäcker: Diese beiden Effekte gibt es natürlich auch. Aber der Vergleich zwischen Schwarzafrika und Südamerika, wo die Armut vor 20 Jahren ähnlich war, zeigt: Die Südamerikaner haben eine deutliche Verringerung der Kinderzahl erreicht. In Afrika das Gegenteil: In Mali etwa haben Familien weiterhin sechs Kinder. (Aloysius Widmann, 27.7.2018)

Ernst Ulrich von Weizsäcker (79) ist ein deutscher Naturwissenschafter und Politiker. Von 1998 bis 2005 saß er für die SPD im Deutschen Bundestag. Der Co-Präsident des Club of Rome war im Rahmen der Alternative Economic and Monetary Systems Summer School in Wien.

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    foto: afp

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