"Banner Saga 3" im Test: Episches Ende der Rollenspiel-Götterdämmerung

    28. Juli 2018, 10:00
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    Das Ende der Trilogie setzt einen wuchtigen Schlusspunkt für das atmosphärische Zeichentrick-Rollenspiel.

    2014 erfüllte sich ein Kickstarter-Versprechen: Das von ehemaligen Bioware-Entwicklern gestaltete Strategie-Rollenspiel The Banner Saga überzeugte Kritik und Spielerschaft durch atmosphärische Präsentation, mit Zeichentrickfilm-Grafik, die sich auf klassische Animationsfilme der 70er-Jahre beruft, wuchtig orchestralem Soundtrack von Austin Wintory und einer Story, die sich in einer originellen, an Wikingermythen angelehnten Fantasy-Welt in überraschender Ernsthaftigkeit und Tragik versuchte. Schade war damals nur eines: dass das etwa neun Stunden lange Rollenspielepos nur der erste Teil einer Trilogie war und jeweils zwei Jahre Wartezeit auf die zwei folgenden Teile der Trilogie zu überbrücken waren.

    2016 folgte mit The Banner Saga 2 ein Mittelteil, der – wie so oft bei Trilogien – den ohnehin schon ernsthaften Ton des Einstiegs ins Düstere verdunkelte und mit einem Cliffhanger endete; der abschließende, soeben erschienene dritte Teil des Epos führt die vor vier Jahren begonnene Saga nun zu einem würdigen Abschluss.

    the banner saga

    Welt am Ende

    Angesichts der langen Entstehungsgeschichte schadet es auch Veteranen nicht, sich die Geschichte vor Beginn dieses Finales noch einmal ins Gedächtnis zu rufen: Ein Weltuntergang steht bevor, die Sonne bewegt sich nicht mehr und die Erde zerbricht von innen heraus; in dieser von Riesen, Menschen und Steinwesen bewohnten Fantasy-Welt, die atmosphärisch an die Wikingermythen Skandinaviens erinnert, sind die unterschiedlichen Heldinnen und Helden von "The Banner Saga" keine strahlenden Heroen, sondern verzweifelte Flüchtlinge, die mitsamt ihrem wehrlosen Clan dem Untergang zu Fuß davonziehen.

    Am Beginn des dritten Teils ist diese Flucht am Ende, denn der Weg ist versperrt: In der befestigten und belagerten Stadt Arberrang am Rand des von Dunkelheit verschluckten Kontinents klammern sich die Geflüchteten verzweifelt ans Überleben, während eine kleine Karawane versucht, durch eine Reise ins Herz der Finsternis den endgültigen Untergang der Welt aufzuhalten. Wie in den Teilen zuvor teilt sich die Handlung auf mehrere Erzählstränge und Schauplätze, und wieder werden die Ereignisse durch kleine und große Entscheidungen der Spielerinnen und Spieler beeinflusst. Bis zum Ende des dritten Teils, das auch das Ende der Trilogie ist, steigert sich die Dramatik durch einige erzählerische Kniffe, die hier nicht verraten werden sollen, auf beeindruckende Art und Weise.

    Tragisch, episch, emotional

    Auf das sichere Überleben auch liebgewonnener Figuren darf man sich dabei allerdings nirgends verlassen, denn The Banner Saga 3 scheut nicht vor Tragik zurück. Wie in den namensgebenden Sagas sind auch Hauptfiguren nicht selbstverständlich unsterblich, und die zahlreichen unterschiedlichen Enden, in die die Trilogie durch Spielerentscheidungen münden kann, lassen sich nur in den seltensten Fällen als kitschige "Happy Ends" feiern.

    Das würde auch nicht zur Atmosphäre der Handlung passen: The Banner Saga war und ist ein vor der Folie aktueller Ereignisse, wie Migrations- oder Klimakrisen, überraschend politisches Drama um Flucht, Bedrohung und Menschlichkeit in Zeiten der Angst vor drohenden Apokalypsen. Dass sich vermeintliche "Bösewichte" dabei ebenso als Opfer herausstellen wie sich Zerwürfnisse und Intrigen unter eigentlich Verbündeten als größere Gefahr erweisen, macht The Banner Saga zur komplexen, düster-realistischen Fantasy, die sich angenehm von der klassischen Schwarzweißmalerei vieler Genrevertreter abhebt.

    Klar sind seine Themen magische Apokalypsen und gehörnte Riesen – doch zugleich geht es um Menschen, die angesichts unwillkommener Hilfesuchender unmenschlich werden, um Fragen von Gehorsam und Mitgefühl und Bedrohungen, die nur gemeinsam bewältigbar wären, aber dennoch zur Spaltung führen. Kurzum: Wer sich von "The Banner Saga" farbenfrohen Eskapismus und einfache Entscheidungen erwartet, ist in der falschen Götterdämmerung unterwegs.

    Kämpfen und entscheiden

    Apropos Entscheidungen: Wie gehabt wird die wendungsreiche Geschichte hauptsächlich durch Entscheidungen im Visual-Novel-Stil vorangetrieben, bei denen nur schwer zwischen richtig und falsch, nützlich und schädlich unterschieden werden kann. Vielmehr stellen sich wieder und wieder mehr oder weniger folgenreiche moralische Fragen, deren Beantwortung sich unterschiedlich auf das Verhalten von NPCs, die eigenen Ressourcen oder gar militärische Konsequenzen auswirken kann.

    Das zweite spielerische Kernstück des Spiels sind die taktischen Rundenkämpfe, in denen sechs individuell ausrüst- und steigerbare Heldinnen und Helden gegen kleine Feindesgruppen ins Feld geführt werden; wer die – bekannt knackigen – Schlachten führen will, ohne durch bleibende Verletzungen seine Truppen zu dezimieren, kann im einfachsten Schwierigkeitsgrad diese Langzeitfolgen des Kampfes deaktivieren und sich fortan mehr auf die Handlung konzentrieren.

    Dank abwechslungsreicher Gegner, taktisch unterschiedlicher Fähigkeiten und herausfordernder Mangelwirtschaft ist der rundenstrategische Teil des Rollenspiels der spielmechanisch harte Kern eines Gesamtpakets, das sich allerdings hauptsächlich durch seine unnachahmlich gelungene Atmosphäre von anderen Rollenspielen abheben kann.

    Fazit

    Wer die ersten Teile gespielt hat, wird sich ohne Zögern in den Abschluss dieser außerordentlichen Rollenspieltrilogie werfen; wer vor dem Aufbruch nur auf den nun erfolgten Abschluss gewartet hat, kann sich nun guten Gewissens und mit berechtigter Vorfreude von vorne in dieses Abenteuer begeben, das sich dank beispielloser Atmosphäre, komplexer Charaktere und hintergründiger Handlung meilenweit von anderen Fantasy-Rollenspielen abhebt. Das Konzept seiner Macher ist aufgegangen: Jetzt, als abgeschlossene Trilogie, ist "The Banner Saga" endlich das epische, umfangreiche und wuchtige Monumentalwerk, das man sich jahrelang nur erträumt hat.

    Die Beurteilung des – gelungenen – dritten Teils ist somit gleichzeitig eine der gesamten Trilogie: "The Banner Saga" ist ein stilsicher präsentiertes, atmosphärisch dichtes und durch seine Tragik und Dramatik mitreißendes Spiel, das – der einzige, wiederkehrende und grundsätzliche Kritikpunkt – einen möglicherweise etwas zu konventionellen Rundenstrategiekampf als zentrales Gameplay-Element hat. Die packende Geschichte, komplexe Charaktere und interessante Entscheidungen machen es trotzdem zum Spiel, das man auch gern ein weiteres Mal startet, wenn man an einem Ende angelangt ist. Ein zukünftiger Klassiker des Computerrollenspielgenres, der lange im Gedächtnis bleibt. (Rainer Sigl, 28.07.2018)

    • The Banner Saga 3 ist für Windows, Mac, PS4, Xbox One und Switch um 24,99 Euro erschienen.
      foto: banner saga 3

      The Banner Saga 3 ist für Windows, Mac, PS4, Xbox One und Switch um 24,99 Euro erschienen.

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